Full text : Das Saarland im doppelten Strukturwandel 1956 - 1970

Sektors  geführt,  und  auch  der  Erfolg  des  Aushaus  vor  allem  des  ländlichen  Schulwesens,
  der  sich  unter  anderem  in  steigenden  Abiturientenzahien  ausdrückte,  wurde
zumindest  von  Regierungsseite  zunehmend  skeptisch  betrachtet.97  Aus  Forschungsperspektive
  ist  dabei  auch  besonders  bemerkenswert,  daß  die  hier  ausgewerteten
Quellen  praktisch  überhaupt  keinen  Hinweis  auf  die  Auswirkungen  des  Strukturwandels
  auf  das  berufliche  Bildungswesen  erkennen  lassen.""  Weder  im  Parlament  noch
in  der  Regierung  scheint  man  die  bildungspolitische  Bedeutung  dieses  Bereiches
besonders  hoch  eingeschätzt  zu  haben,  obwohl  der  Strukturwandel  alleine  schon  über
die  deutliche  Verschiebung  von  Ausbildungsqualität  wie  -quantität  im  Montankern
hier  heftige  Verwerfungen  ausgelöst  hatte."  Gleiches  gilt  für  die  Forschungslage:
Während  für  die  im  Saarland  besonders  intensiv  diskutierte  Frage  des  Übergangs  von
der  Volksschule  zur  Hauptschule  immerhin  gewisse  Erkenntnisse  vorliegen,10(1  stellt
das  berufliche  Bildungswesen  als  Ganzes  ein  Desiderat  der  Forschung  dar.* 101

Noch  1962  hatte  die  CDU  steigende  Abiturientenzahlen  als  Nachweis  des  Erfolgs  ihrer  Schulpolitik
dargestellt,  vgl.  hierzu  den  Beitrag  von  Kurt  Dawo  (CDU)  in:  LTDS,  4.  WP,  Abt.  1,  29.  Sitzung
v.  18.12.62,  S.  I  126.  Auch  Werner  Scherer  hatte  anderthalb  Jahre  später  keinerlei  Befürchtungen  vor  der
Entstehung  eines  „akademischen  Proletariats",  LTDS,  4.  WP.  Abt.  I,  49.  Sitzung  v.  8.7.64,  S.  1861.  Bis
zum  Sommer  1968  hatte  sich  jedoch  die  Einschätzung  insoweit  verändert,  als  Franz  Josef  Röder  die
gestiegenen  Abiturientenzahlen  als  Problem  erkannte  und  eine  Beratung  dieser  Frage  im  Parlament
anregte,  LASB  StK  1750,  Kabinettsprotokoll  v.  18.6.68.  Zur  Frage  der  sozioökonomischen  Analyse  der
saarländischen  Abiturienten  vgl.  Peter  Springer,  Über  die  soziale  Herkunft  der  Gymnasiasten,  in:  Die
Arbeitskammer.  Zeitschrift  der  Arbeitskammer  des  Saarlandes  16  (1968),  S.  16-19.
“s  Vgl.  hierzu  auch  die  Arbeit  von  Oskar  Anweiler  u.a.  (Hgg.),  Bildungspolitik  in  Deutschland  1945-1990.
Ein  historisch-vergleichender  Quellenband,  Opladen  1992,  in  dem  der  Stellenwert  der  beruflichen  Bildung
praktisch  völlig  vernachlässigt  wird.  Eine  Ausnahme  stellt  in  diesem  Zusammenhang  das  Aktionsprogramm
  Saar-Westpfalz  dar,  das  nicht  nur  die  Bedeutung  beruflicher  Bildung  hervorhebt,  sondern  auch
die  Einrichtung  von  Berufsbildungszentren  als  Schulen  „neuen  Typs“  an  zentralen  Plätzen  vorsah,  vgl.
Regierung  des  Saarlandes  (Hg.),  Aktionsprogramm,  S.  15ff,  und  Walter  Rüth,  Berufsbildungszentrum.
Fine  llankierende  Maßnahme  der  Strukturhilfe,  in:  Die  Arbeitskammer.  Zeitschrift  der  Arbeitskammer  des
Saarlandes  17  (1969),  S.  137-139.
w  Anders  dagegen  die  Wahrnehmung  der  Arbeitskammer,  vgl.  Peter  Springer,  Aufbruch  in  der  Berufsausbildung.
  Noch  fehlt  ein  einheitliches  Konzept,  in:  Die  Arbeitskammer.  Zeitschrift  der  Arbeitskammer  des
Saarlandes  14  (1966),  S.  374-378;  Walter  Rüth,  Ausbildungsförderung  an  der  Saar  drängt  nach  einer
Lösung.  Guter  Ausbildungsstand  der  Arbeitnehmer  ist  ein  wesentlicher  Beitrag  zur  Wirtschaftsförderung,
in:  Die  Arbeitskammer.  Zeitschrift  der  Arbeitskammer  des  Saarlandes  16  (1968),  S.  47-52;  ders.,  Arbeitsmarkt
  über  Ausbildungsstruktur  aktivieren,  in:  ebd.,  18  (1970),  S.  35-38.
11,0  Vgl.  hierzu  besonders  die  Darstellung  von  Jürgen  Baumert  u.a.,  Das  Bildungswesen  in  der  Bundesrepublik
  Deutschland.  Ein  Überblick  für  Eltern,  Lehrer,  Schüler,  2.  Auf!.  Hamburg  1984,  S.  70ff;  Alois
Roth,  Hauptschule,  sowie  zum  Vergleich  mit  Nordrhein-Westfalen  Kirchhoff,  Schulpolitik,  S.  137ff.
101  Einen  Überblick  über  die  Forschungslage  bieten  Führ  u.  Furck  (Hgg.),  Bildungsgeschichte,  S.  447-494.
Zur  zeitgenössischen  Debatte  unter  dem  Schlagwort  „Mobilisierung  der  Bildungsreserven“  vgl.  Rolf
Arnold  u.  Fritz  Marz,  Einführung  in  die  Bildungspolitik.  Grundlagen,  Entwicklungen,  Probleme,  Stuttgart
u.a.  1979,  bes.  S.  2Iff.  Methodische  wie  inhaltliche  Hinweise  zum  Zusammenhang  von  Strukturentwicklung
  und  Bildungspolitik  liefern  Walter  H.  Brosi,  Klaus  Hembach  u.  Harald  Spehl,  Berufliche
Qualifikation  und  regionale  Entwicklung,  Bonn  1982  (=  Schriftenreihe  'Raumordnung'  des  Bundesministers
  für  Raumordnung,  Bauwesen  und  Städtebau  48),  Karl-Hans  Weimer,  Berufliche  Bildung  und
wirtschaftlicher  Strukturwandel  im  Ruhrgebiet,  Opladen  1987  (=  Forschungsberichte  des  Landes  Nordrhein-Westfalen
  3225)  und  Rolf  Derenbach,  Zur  Begründung  und  Ausgestaltung  regionaler  Berufsbildungspolitik,
  in:  Garlichs,  Maier  u.  Semlinger  (Hgg.),  Beschäftigungspolitik,  S.  159-182  -  hier  auch

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