Full text : Das Saarland im doppelten Strukturwandel 1956 - 1970

darzustellen.9'  Fragen  wie  z.B.  die  Personalentwicklung  im  Bildungsbereich,* 94  aber
auch  die  immer  drängender  werdende  Problematik  der  Zersplitterung  des  Schulwesens
  in  den  Klassen  1  bis  9,  die  durch  das  Nebeneinander  verschiedener  Schulformen
ausgelöst  wurde,  setzten  den  Minister  unter  Druck.9"  Dabei  veränderte  sich  der  Ton
der  Debatte  seit  Beginn  der  Amtszeit  von  Werner  Scherer.  Während  früher  zwar
durchaus  auch  heftige  Debatten  geführt  worden  waren,  die  sich  jedoch  meistens  auf
Grundsatzfragen  des  Stellenwerts  von  Bildung  und  Kultur  in  der  Gesellschaft  bezogen,
  thematisierte  die  SPD  nun  mit  einer  Vielzahl  von  Anfragen  und  Vorlagen  auch
die  Amtsführung  im  Kultusministerium  selber.  Hatte  Franz  Josef  Röder  daher  kritische
  Nachfragen  oder  Initiativen  der  SPD  meistens  noch  auf  dem  Niveau  allgemeiner
Erwägungen  zur  Bildung  als  solcher  parieren  können,  sah  sich  Werner  Scherer  mit
detaillierten  Sachdebatten  konfrontiert,  die  nicht  selten  eher  technisch-bildungsplanerische
  Perspektiven  als  Anforderungen  an  die  Bildungspolitik  formulierten.96
Obwohl  sich  also  die  bildungspolitische  Debatte  nach  1965  sichtlich  veränderte,  sind
Rückwirkungen  der  auf  nationaler  Ebene  geführten  Grundsatzdiskussion  über  das
Bildungswesen  kaum  feststellbar.  Die  Kritik  am  Volksschulbereich  wurde  hauptsächlich
  in  Form  der  herkömmlichen  Debatte  um  die  konfessionelle  Gliederung  dieses

München  1966,  S.  197.
''  LTDS,  5.  WP,  Abt.  I,  41.  Sitzung  v.  5.7.67,  S.  1066ff.  Ende  Mai  1967  war  erstmals  das  Rildungswesen
direkt  von  massiven  Einsparungen  betroffen:  War  bis  dahin  der  Bildungsbereich  stets  von  Sparmaßnahmen,
  sogar  von  Haushaltssperren  ausgenommen  worden,  wurde  nun  erstmals  ein  Antrag  des  Kultusministers
  auf  Einstellung  von  Volksschullehrern  zurückgestellt.  Zur  Begründung  führte  das  Kabinett  an,  daß
„die  personelle  Ausstattung  der  Volksschulen  im  Saarland  wesentlich  günstiger  [sei]  als  in  den  anderen
Bundesländern  ...  Die  gegenwärtige  Finanzlage  setze  den  bildungspolitischen  Vorstellungen  Schranken,
bei  deren  Überschreitung  das  Land  finanziell  ruiniert  werde“.  LASB  StK  1747,  Kabinettsprotokoll
v.  30.5.67.
94  Bereits  1966  hatten  sich  aufgrund  der  Veränderungen  im  Kapitalmarkt  Schwierigkeiten  bei  der
Umsetzung  des  dritten  Volksschulbauprogramms  ergeben:  Die  Ausführung  der  Baumaßnahmen  mußte
eingeschränkt  werden,  weil  die  hohe  Zinsbelastung  den  Kostenrahmen  zu  sprengen  drohte,  vgl.  LASB  StK
1743,  Kabinettsprotokoll  v.  30.8.66.  Auch  die  Einstellung  von  Absolventen  der  evangelischen  Pädagogischen
  Hochschule  entwickelte  sich  immer  mehr  zum  Problem,  da  in  den  häufig  kleineren  evangelischen
  Bekenntnisschulen  aufgrund  der  per  Erlaß  festgelegten  Klassenfrequenzen  ein  Bedarf  im  rechtlichen
  Sinne  erst  sehr  spät  entstand;  Einstellungen  über  den  Bedarf  hinaus  waren  aber  aufgrund  der
veränderten  Finanzlage  nicht  durchsetzbar,  vgl.  LTDS,  5.  WP,  Abt.  I,  34.  Sitzung  v.  12.4.67,  S.  863ff.
Ähnlich  auch:  LTDS,  5.  WP,  Abt.  1,  47.  Sitzung  v.  16.11.67,  S.  1224ff.
Die  Überwindung  dieser  Schwierigkeiten  stellte  die  Regierung  selber  später  als  eines  der  größten
Probleme  dar,  vgl.  Ständige  Konferenz  der  Kultusminister  der  Länder  der  Bundesrepublik  Deutschland,
Kulturpolitik  der  Länder  1967-1968,  München  1968,  S.  217.
96  Sehr  deutlich  wird  dies  z.B.  bei  der  von  der  SPD  immer  w  ieder  vorgebrachten  Forderung  nach  Vereinheitlichung
  -  und  Modernisierung  -  von  Schulbüchern,  LTDS,  5.  WP,  Abt.  1,31,  Sitzung  v,  1.3.67,  S.  793,
und  LTDS,  5.  WP,  Abt  1,  47.  Sitzung  v.  16.1  1.67,  S.  1224.  Gleiches  gilt  für  ihre  Anträge  zur  Ausschreibungspraxis
  bei  der  Besetzung  von  Schulleiterposten  an  christlichen  Gemeinschaftsschulen,  LTDS,
5.  WP,  Abt.  I,  32.  Sitzung  v.  8.3.67,  S.  826,  oder  die  Forderung,  das  saarländische  Schulwesen  strikt  an
nationalen  Vorgaben  bzw.  dem  Leistungsgedanken  auszurichten,  LTDS,  5.  WP,  Abt.  I,  4L  Sitzung
v.  5.7.67,  S.  1050.  Der  Ministerpräsident  dagegen  zog  sich  aus  diesen  Debatten  zurück,  während  aus  der
CDU-Fraktion  hauptsächlich  Maria  Schweitzer  die  Äußerungen  der  Christdemokraten  zur  Schul-  und
Bildungspolitik  dominierte.

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