Full text : Das Saarland im doppelten Strukturwandel 1956 - 1970

tik,  unterschied  sich  jedoch  in  seinen  politischen  Zyklen  von  den  teilweise  an  kurzfristig
  auftretenden  Problemen  orientierten  anderen  Sachbereichen.  Wie  bereits  erwähnt,
hatten  die  Kultusminister  -  in  der  Regel  war  dieses  Amt  in  Personalunion  vom  Ministerpräsident
  bekleidet  worden  -  langfristig  ausgerichtete  Projekte  wie  z.B.  die
Volksschulbauprogramme  angestoßen,  deren  Grundgedanke  noch  bis  weit  in  die  60er
Jahre  im  Ausgleich  der  Lebensbedingungen  in  industriellem  Ballungsraum  und
agrarisch  geprägtem  „Land“  bestand.S9  Dabei  wurden  zwar  durchaus  auch  Reformansätze
  wie  z.B.  die  Einführung  des  neunten  Volksschuljahres  oder  die  Gründung  der
Pädagogischen  Hochschulen  gewählt,  die  Darstellung  der  Bildungspolitik  dominierten
  jedoch  meistens  auf  grundsätzliche  Fragen  von  Zivilisation  und  hoher  Kultur
ausgerichtete  Beiträge.  Insbesondere  Franz  Josef  Röder  nutzte  bildungspolitische
Debatten  mit  Vorliebe  zur  Darstellung  seiner  Gedanken  zur  Kultur  des  christlichen
Abendlandes  -  nicht  ohne  auch  die  Probleme  der  Integration  der  christlichen  Parteien
dabei  im  Blick  zu  halten.1,11
Die  Einführung  der  christlichen  Gemeinschaftsschule  nach  1964  hatte  daher  eine
schwere  Belastungsprobe  für  die  saarländischen  Christdemokraten  bedeutet.  Etliche
konservative  Politiker  -  auch  aus  der  SVP,  die  in  diesem  Punkt  die  Nachfolge  der
Christlichen  Volkspartei  angetreten  hatte  -  kritisierten  sie  als  Aufgabe  eines  zentralen
Bestandteils  christlicher  Politik.  Im  Sommer  1967  zerschlugen  sich  aber  deren  letzte
Hoffnungen.89 91  Der  neuernannte  Kultusminister  Werner  Scherer  hatte  daher  alle
Schwierigkeiten,  die  früher  bereits  von  der  SPD  genauso  wie  auch  int  Strukturgutachten
  von  Josef  Heinz  Müller  benannten  Probleme  im  saarländischen  Bildungswesen
und  auch  die  von  ihm  selber  angekündigten  Reformanstrengungen  im  Bildungssektor92
  als  Gegenstand  einer  „evolutionären“  Bildungspolitik  der  Landesregierung

89  Vgl.  hierzu  die  sehr  interessante  Fallstudie  zur  Gemeinde  Orscholz  von  Helmut  Kohn,  Die  Ausbildungswege
  der  Kinder  einer  ländlichen  Gemeinde  im  Saarland,  in:  Die  Arbeitskammer.  Zeitschrift  der  Arbeitskammer
  des  Saarlandes  13  (1965),  S.  316-318.
90  Völlig  anders  dagegen  schon  früh:  Peter  Springer,  Bildungspolitik  als  ökonomische  Aufgabe,  in:  Die
Arbeitskammer.  Zeitschrift  der  Arbeitskammer  des  Saarlandes  13  (1965),  S.  305-310.
91  Diese  hatten  darauf  vertraut,  daß  über  das  Schulordnungsgesetz  quasi  indirekt  der  flächendeckenden
Einführung  von  Gemeinschaftsschulen  ein  Riegel  vorgeschoben  werden  könnte.  Wie  bereits  erwähnt,  sah
die  im  Jahr  1965  geänderte  Verfassung  vor,  daß  eine  Gemeinschaftsschule  eingerichtet  werden  konnte,
wenn  der  „geordnete  Schulbetrieb“  sichergestellt  war.  Allerdings  konnte  ein  solcher  „geordneter  Schulbetrieb“
  durchaus  auch  bedeuten,  daß  in  einer  Schule  50  Schüler  der  Klassenstufen  I  bis  6  in  nur  zwei
Klassen  unterrichtet  wurden.  Damit  war  den  gestiegenen  Ansprüchen  an  die  Ausbildungsleistung  der
Volksschule,  deren  Erhalt  ein  zweites  wichtiges  Ziel  der  Bildungspolitik  der  CDU  darstellte,  kaum  mehr
Rechnung  zu  tragen.  Vgl.  hierzu  Brosig,  Verfassung,  S.  235,  und  LTDS,  5.  WP,  Abt.  I,  41.  Sitzung  v.
5.7.67,  S.  1049ff.
92  Josef  Heinz  Müller,  Probleme,  S.  156.  Vgl.  hierzu  die  Aussprache  zu  einer  Anfrage  der  SPD  zum
Schulorganisationsgesetz  in:  LTDS,  5.  WP,  Abt.  I,  21.  Sitzung  v.  12.7.66,  S.  489ff.  Hinsichtlich  der  Frage
nach  dem  Stellenwert  der  Bildungspolitik  in  der  politischen  Diskussion  ist  übrigens  der  aus  dem  Protokoll
ersichtliche  Hinweis  interessant,  daß  die  Debatte  zu  diesem  Thema  kurz  vor  19  Uhr  abrupt  abgebrochen
wurde,  weil  die  Übertragung  eines  Vorrundenspiels  der  Fußball-Weltmeisterschaft  (Deutschland  gegen  die
Schweiz,  5:0)  anstand.  Zu  den  frühen  Reformkonzepten  Scherers  siehe  auch  Ständige  Konferenz  der
Kultusminister  der  Länder  der  Bundesrepublik  Deutschland,  Kulturpolitik  der  Länder  1965-1966,

379
            
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.