Saarland erstmals den Durchschnitt auf Bundesebene überschritten habe.*6 Mehr
noch: Regitz bezeichnete die Ansätze antizyklischer Politik sogar ausdrücklich als
reine Theorie: „ln der Zeit, in der es notwendig gewesen wäre, Konjunkturanstöße
durch öffentliche Ausgaben zu geben, ist dieses Land nicht dazu in der Lage gewesen,
für Investitionen die wirklich notwendigen Mittel im Haushalt zur Verfügung zu
stellen.“* Angesichts derart weitgehender Übereinstimmungen kann es kaum überraschen,
daß die Opposition schließlich sogar dem Etat ihre Zustimmung gab.
3.2 Reformen in der Krise
3.2.1 Strukturwandel in der Bildungspolitik
Die internen Konflikte innerhalb der SPD und besonders die öffentliche Desavouierung
Kurt Conrads durch Teile seiner Fraktion bei der kohlepolitischen Debatte
deuten daraufhin, daß diese Zustimmungs- und Kompromißbereitschaft im Gegensatz
zur Übergangszeit nicht auf einen Konsenszwang zwischen Regierung und
Opposition zurückgeführt werden kann. Vielmehr partizipierten auch die oppositionellen
Sozialdemokraten an der Gestaltung von Politik im Saarland, und dies ganz
besonders bei der Haushaltspolitik. Je enger diese im Laufe der Zeit mit grundlegenden
Fragen der Bewältigung des Strukturwandels verwoben wurde, um so mehr
konnte die SPD in bestimmten Elementen der Etatgestaltung Teile ihrer Forderungen
wiedererkennen. In den Ausschußberatungen, in denen der Etatentwurf der Regierung
zwischen den Fraktionen und unter Ausschluß der Öffentlichkeit besprochen wurde,
konnte sie sogar einzelne Programmpunkte direkt umsetzen. Dies gilt um so mehr, als
das Landesparlament im Rahmen seiner Tätigkeit neben den „großen“ Beratungsgegenständen
wie Strukturpolitik und Haushaltsfragen eine enorme Bandbreite von
Themen zu behandeln hatte, bei denen dann auch der Opposition breiter Raum zur
Durchsetzung eigener Ideen gegeben war.ss Dabei zeichneten sich die Beratungen in
der fünften Wahlperiode als besonders reformfreudig aus. Neben der üblichen Fülle
an einzelnen Gesetzesinitiativen standen im Bereich der Bildungs- und Hochschulpolitik
Themen zur Diskussion, die nicht nur der verstärkten Aufmerksamkeit der
Öffentlichkeit für Bildungspolitik entsprachen, sondern als Lösung des schon zum
Schlagwort gewordenen „saarländischen Schulstreits“ um Beibehaltung oder Abschaffung
der Konfessionsschule die Kulturpolitik nachhaltig prägten.
Dieser Politikbereich war zwar schon in der Phase der Teilautonomie, stärker noch
aber seit dem Übergang zum Bundesland eine der Kernkompetenzen der Landespoli-86
LTDS, 5. WP, Abt. I, 78. Sitzung v. 17.12.69, S. 2198.
87 Ebd., S. 2199.
88 Diesen Aspekt vernachlässigt Manfred G. Schmidt, CDU und SPD an der Regierung. Ein Vergleich
ihrer Politik in den Ländern, Frankfurt a.M. 1980, in seinem Vergleich der Regierungspolitik von CDU
und SPD auf Länderebene. Gerade im von Schmidt als wichtiges Beurteilungskriterium herangezogenen
Bildungssektor ist eine solche Herangehensweise jedoch als besonders problematisch anzusehen, weil hier
die Interaktion zwischen Regierung und Opposition besonders viel Spielraum für Kompromisse ließ.
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