früheren Charakter als fiskalpolitische Auseinandersetzung und wurde zur Debatte
über die Maßnahmen der saarländischen - und bundesdeutschen - Politik zur Krisenbewältigung
und zur Strukturverbesserung: Nachdem der SPD-Fraktionsvorsitzende
bereits seine Redezeit fast vollständig für eine Antwort auf die Regierungserklärung
verwendet hatte, weil zum Haushaltsplan „nicht viel zu sagen [ist], weil er zu 99
Prozent ein Haushaltsplan von puren Zwangsläufigkeiten ist“,81 83 setzte eine reichlich
unsystematische Grundsatzdiskussion ein. Dabei gestalteten zunächst die Redner der
Regierung, schrittweise dann aber auch die der CDU-Fraktion ihre Redebeiträge
immer offensiver. Zunächst wurde die mittelfristig zu beobachtende Senkung der
Neuverschuldung des Landes seit 1965 - die allerdings nur bei Ausblendung der
außerplanmäßigen Defizite von 1966 und 1967 zu beobachten war - noch recht
vorsichtig gelobt. Dann setzte die CDU sogar direkte Kritik an der Oppositionsstrategie
an, allenthalben durch Änderungsanträge verstärkten Mitteleinsatz zu fordern,
ohne jedoch gleichzeitig Finanzierungsmöglichkeiten für diese Wünsche zu präsentie-82
ren.
ln bezug auf die Debatte über den Haushalt 19708' konnte Kurt John - immerhin seit
1956 Parlamentsmitglied - dann sogar unbestritten feststellen, daß er „noch nie eine
solch harmonische und friedliche Haushaltsberatung erlebt“ habe.84 Die guten Nachrichten
des Finanzministers, der trotz maßvoller Neuverschuldung einen um 15,5%
erhöhten Gesamthaushalt vorlegte, in dem aufgrund der überproportional angestiegenen
eigenen Steuereinnahmen die Zuweisungen aus dem föderalen Finanzausgleich
sogar niedriger als erwartet veranschlagt werden mußten, hatten die Gemüter
weitgehend beruhigt.85 Zwar konnte sich Friedrich Regitz für die Opposition den
Hinweis darauf nicht verkneifen, daß der Haushalt vor allem wegen der Politik der
neuen Bundesregierung nun erstmals die Möglichkeit biete, „die Landesaufgaben im
Jahre 1970 besser zu erfüllen, als das in den Jahren zuvor der Fall gewesen ist“; auch
er wies aber voller Stolz daraufhin, daß in 1969 das wirtschaftliche Wachstum im
fehlerhaft, nach durchlaufender Zählung „richtig“ wäre: 2336ff.]
Kl So der Kommentar von Friedrich Regitz (SPD) hierzu in: LTDS, 5. WP, Abt. 1, 67. Sitzung v. 19.2.69,
S. 1827.
82 Ebd., S. 1833 und S. 1842.
83 Die Opposition hatte bereits vorher einen Nachtragshaushalt für das Jahr 1969 weitgehend mitgetragen,
der nach der vorübergehenden Lösung über das Instrument des Stellenpools nun erstmals seit 1965 w ieder
einen neuen Stellenplan enthielt, LTDS, 5. WP, Abt. I, 72. Sitzung v. 2.7.69, und LTDS, 5. WP, Abt. I,
74. Sitzung v. 16.7.69.
84 LTDS, 5. WP, Abt. I, 78. Sitzung v. 17.12.69, S. 2202.
85 Einen detaillierten Überblick über die finanzpolitischen Auswirkungen der Reform des Grundgesetzes
auf die Länderfinanzen gibt Bundesministerium der Finanzen (Hg.), Finanzbericht 1970. Die volkswirtschaftlichen
Grundlagen und die wichtigsten finanzwirtschafthchen Probleme des Haushaltsplans der
Bundesrepublik Deutschland für das Rechnungsjahr 1970, Bonn 1970, S. 161-175. Überdies konnte
Helmut Bulle in seinem Flaushalt auch um fast ein Drittel gestiegene Investitionsleistungen sowie eine
deutliche Verbesserung der Einnahmen der Kommunen ansetzen, LTDS, 5. WP, Abt. I, 75. Sitzung
v. 5.1 1.69, S. 2077ff.
377