Full text : Das Saarland im doppelten Strukturwandel 1956 - 1970

ein  Jahr  später  jedoch  konnte  Helmut  Bulle  die  Bedeutung  dieser  Einrichtung  als
zentrale  Schaltstelle  für  die  Ansiediungs-  und  Modernisierungsmaßnahmen  der
Landesregierung  hervorheben.  Schließlich  wurde  sogar  die  Veränderung  der  herkömmlichen
  Haushaltsstruktur  als  Dienst  an  dieser  Sache  dargestellt,  da  sich  danach
durch  eine  gemeinsame  Veranschlagung  von  Tilgungsausgaben  und  neu  aufgenommenen
  Kreditmarktmitteln  die  Gesamtbelastung  des  Kapitalmarktes  leichter  würde
abschätzen  lassen.  8
Insoweit  fand  der  Haushalt  auch  die  ungeteilte  Zustimmung  der  CDU-Fraktion,  wenn
auch  bereits  von  Jakob  Feiler  selber  daraufhingewiesen  wurde,  daß  erneut  die  wirtschaftspolitischen
  Schwerpunkte  der  Regierung  nicht  vollständig  in  der  Ausgabenstruktur
  abgebildet  w'erden  konnten,  weil  die  dazu  notwendigen  Spielräume  bei
wieder  nur  5,3%  Haushaltswachstum  nicht  zur  Verfügung  stünden.  Auch  die  mittlerweile
  -  nach  dem  Erlaß  von  250  Mio.  DM  Altschulden  -  erstmals  wieder  die
Grenze  von  einer  Mrd.  DM  überschreitende  Verschuldung  rief  wachsende  Besorgnis
hervor,  wobei  aber  gleichzeitig  der  von  der  SPD  in  ihrer  Verfassungsklage  eingeforderte
  Deckungsgrundsatz  als  unrealistisch  bezeichnet  wurde  und  die  Obergrenze
der  Verschuldung  bei  einer  Schuldenaufnahme  über  dem  Niveau  der  durchgeiuhrten
Investitionen  gesehen  wurde.  4
Auch  die  SPD-Opposition  stellte  den  Zusammenhang  zwischen  Haushaltspolitik  und
allgemeinem  Reformbedarf  in  den  Vordergrund.  Schon  die  Tatsache,  daß  „die  Konjunktumeutralität
  Ausfluß  des  Unvermögens“  sei,  wurde  als  Beleg  für  die  Notwendigkeit
  grundlegender  Reformen  des  Föderalismus  und  seiner  Finanzregelungen  angeführt.
  Dringender  Reformbedarf  bestand  aber  auch  hinsichtlich  der  Neuordnung  der
saarländischen  Gemeindestruktur.80  Zuletzt  verlor  die  Haushaltsdebatte  sogar  ihren

Zersplitterung  der  politischen  Kräfte,  vgl.  LTDS,  5.  WP,  Abt.  I,  54.  Sitzung  v.  30.4.68,  S.  1504;  ähnlich
verlief  die  Debatte  um  die  Genehmigung  selber,  in  der  Minister  Koch  die  GmbH  sogar  als  Koordinierungsstelle
  für  die  Fördermaßnahmen  verstanden  sehen  wollte,  LTDS,  5.  WP,  Abt,  I,  59.  Sitzung  v.  3.7.68,
S.  1679ff.
LTDS,  5.  WP,  Abt.  1,71.  Sitzung  v.  4.6.69,  S.  1956.  Zu  dieser  Funktion  der  IBESA  vgl.  auch  Landesbank
  und  Girozentrale  Saar  (Hg.),  Wirtschaftsberichte  1969,  Saarbrücken  1969,  H.  1.
78  LTDS,  5.  WP,  Abt.  1,  64.  Sitzung  v.  20.12.68,  S.  1719ff.  Die  Überführung  der  traditionellen  Haushaltsgestaltung
  in  eine  Projektstruktur  war  zeitgleich  auch  in  anderen  Ländern  zu  beobachte,  vgl.  Schulz  zur
Wiesch,  Planungspolitik,  S.  279.  Im  Unterschied  dazu  diente  dieses  Instrument  im  Saarland  jedoch
überwiegend  dazu,  die  Kreditfinanzierung  des  Haushaltes  transparenter  zu  machen  und  die  Finanzierungsprobleme
  des  Saarlandes  offenzulegen.
LTDS,  5.  WP,  Abt.  I,  65.  Sitzung  v.  8,1.69,  S.  1758ff.
80  „Ich  meine,  daß  wir  uns  auf  die  Dauer  den  Luxus  nicht  leisten  können,  als  ginge  uns  das  nichts  an“,  so
Kurt  Conrad  (SPD),  ebd.,  S.  1763ff.  Im  Vorgriff  auf  diese  Neuordnung  legte  die  Regierung  übrigens  noch
vor  Ende  der  Legislaturperiode  eine  Neuordnung  des  Kommunalen  Finanzausgleichs  vor,  welche  die
Konzentration  von  Finanzmitteln  der  Gemeinden  zur  Bildung  eines  sogenannten  Investitionsstocks
vorsah.  Mit  diesen  Mitteln,  über  deren  Verwendung  das  Land  zu  entscheiden  hatte  und  die  dem  normalen
Finanzsystem  zu  entnehmen  waren,  sollten  konkrete  Projekte  zur  Beschleunigung  des  Strukturwandels
finanziert  werden  -  letztlich  eine  Art  Rückgriff  auf  Elemente  des  kommunalen  Finanzausgleiches  vor  der
Reform  von  1960.  Vgl.  hierzu  LTDS,  5.  WP,  Abt.  I,  81.  Sitzung  v.  8.4.70,  S.  2336ff„  und  LTDS,  5.  WP,
Abt.  1,  84.  Sitzung  v.  27.5.70,  S.  3326ff.  [An  dieser  Stelle  ist  übrigens  die  Paginierung  der  Protokolle

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