Full text : Das Saarland im doppelten Strukturwandel 1956 - 1970

lieh  unvereinbarer  Grundaussagen  nieder.  Einerseits  stellte  Helmut  Bulle  fest,  daß
angesichts  der  angespannten  Haushaltslage  eine  Politik  des  „deficit  spending“  praktisch
  nicht  umsetzbar  sei;  andererseits  zeigte  er  anhand  der  Haushaltsentwicklung  der
Vergangenheit  auf,  daß  eine  verstärkte  Inanspruchnahme  von  Kreditmarktmitteln  sich
„nie  in  einer  späteren  proportionalen  Verbesserung  der  Einnahmen  [des  Landeshaushalts]
  niedergeschlagen  hat“  -  mithin  also  regional-  und  finanzpolitisch  ohnehin
unwirksam  gewesen  sei.  Trotzdem,  so  Bulle  weiter,  müsse  zum  Ausgleich  des  Nachholbedarfs
  aus  der  Vergangenheit  Wert  darauf  gelegt  werden,  alle  Einnahmemöglichkeiten
  voll  auszuschöpfen,  bei  Sachmitteln  und  Zuwendungen  an  Dritte  möglichst
sparsam  zu  wirtschaften  und  Bundesmittel  wo  immer  möglich  in  Anspruch  zu  nehmen.
  Weiterhin  blieb  die  geplante  Volumensteigerung  des  Landesetats  mit  5,3%  sehr
maßvoll;  und  das,  obwohl  „eine  antizyklische  Haushaltspolitik  ...  bei  dem  Konjunkturrückgang,
  der  die  Wirtschaftslage  der  letzten  eineinhalb  Jahre  geprägt  hat  und  der
sich  nur  zögernd  in  einen  leichten  Wiederanstieg  der  Wirtschaftstätigkeit  wandelt,
eine  möglichst  kräftige  Steigerung  der  staatlichen  Ausgaben“  verlange.61  Da  der
Konjunkturrückgang  erst  mit  einer  gewissen  Verzögerung  eine  Minderung  der  Steuereinnahmen
  auslöste,  setzte  der  Entwurf  nun  sogar  die  eigenen  Einnahmen  niedriger  an
als  1967,  konnte  aber  immerhin  erhebliche  Beträge  an  Sondermitteln  aus  Bonn
ausweisen;62  trotzdem  blieb  ein  Defizit  im  ordentlichen  Haushalt  bestehen,  das  -  wie
bereits  im  Vorjahr  -  nur  durch  Kreditaufnahmen  im  außerordentlichen  Haushalt
abdeckbar  schien.  Umfangreichen  Reformbedarf  sah  der  Minister  daher  in  der  Kulturpolitik.
  und  hier  vor  allem  bei  der  Universität.  Erstmals  wurde  hierbei  von  maßgeblicher
  Regierungsseite  die  Finanzierung  der  Universität  aus  finanziellen  Gründen  in
Frage  gestellt;  „Meine  Damen  und  Herren,  das  Saarland  kann  die  laufend  steigenden
Aufwendungen  dieses  Bereichs  nicht  länger  allein  tragen.“63
Trotz  dieser  ebenso  inkonsistenten  wie  gegenüber  der  Universität,  die  lange  Jahre
hindurch  als  „Aushängeschild“  des  Landes  in  Haushaltsberatungen  praktisch  sakrosankt
  war,64  aggressiven  Einlassungen  entwickelte  sich  die  parlamentarische  Debatte

61  LTDS,  5.  WP,  Abt.  I,  50.  Sitzung  v.  7.2.68,  S.  1295.
62  Die  finanzschwachen  Länder  Bayern,  Niedersachsen,  Rheinland-Pfalz,  Saarland  und  Schleswig-Holstein
  erhielten  für  1967  und  1968  jährlich  260  Mio.  DM,  wovon  20  Mio.  DM  auf  das  Saarland
entfielen.  Zusätzlich  wurden  dem  Saarland  für  die  beiden  Jahre  jeweils  15  Mio.  DM  zur  Durchführung  der
Hilfsmaßnahmen  für  den  Steinkohlenbergbau  zugesagt.  Vgl.  Bundesministerium  der  Finanzen  (Hg.),
Finanzbericht  1968.  Die  volkswirtschaftlichen  Grundlagen  und  die  wichtigsten  finanzwirtschaftlichen
Probleme  des  Haushaltsplans  der  Bundesrepublik  Deutschland  für  das  Rechnungsjahr  1968,  Bonn  1968,
S.  329.
63  LTDS,  5.  WP,  Abt.  I,  50.  Sitzung  v.  7.2.68,  S.  1301.
64  Die  Debatte  um  die  Universität  ist  dabei  sicherlich  im  Zusammenhang  mit  der  Diskussion  über  die
geplante  Schaffung  der  Gemeinschaftsaufgabe  Hochschulbau  zu  sehen;  allerdings  ist  die  regionalpolitische
  Bedeutung  von  Hochschulen  bis  heute  heftig  umstritten,  vgl.  die  differenzierten  Ergebnisse  von
Jobst  Seeber,  Regionalwirtschaftliche  Wirkungen  von  Hochschulen.  Vergleichende  empirische  Untersuchung
  in  der  Bundesrepublik  Deutschland,  Oldenburg  1985.  Wenn  auch  die  vergleichende  Fallstudie  von
Georg  Küppers,  Hochschule  und  regionaler  Arbeitsmarkt.  Ein  Beitrag  zur  empirischen  Analyse  der
Beschäftigungseffekte  regionaler  Studienplatzkapazitäten,  Berlin  1978,  hier:  S.  226,  den  Befund  von

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