Full text : Das Saarland im doppelten Strukturwandel 1956 - 1970

vollere“  Politik  betreiben  zu  können  -  und  dabei  wollte  die  SPD  unbedingt  „mitmachen“.
  Konkret  bedeutete  dies  auch  die  Bereitschaft,  die  finanziellen  Risiken  der
Investitionspolitik  mitzutragen.52 56  Demgegenüber  zeigte  die  bereits  zitierte  Äußerung
des  Ministerpräsidenten,  die  SPD  erschwere  durch  ihre  Kritik  an  der  Landesregierung
seine  Versuche,  in  Bonn  Mittel  einzuwerben,"’  eine  gewisse  Verärgerung  über  den
neu  gefundenen  Konsens  zwischen  den  Landtagsfraktionen.  Offenbar  befürchtete  der
Regierungschef,  die  „politischen  Kosten“  dieser  Einigung  bzw.  der  Integration  der
SPD  alleine  tragen  zu  müssen.  Daß  diese  Sorge  durchaus  berechtigt  war,  zeigte  sich
bei  der  dritten  Lesung  des  Nachtragshaushaltes,  als  -  wenn  auch  nicht  unbestritten  -
die  These  in  den  Raum  gestellt  werden  konnte,  daß  möglicherweise  die  saarländischen
  Sozialdemokraten  beim  Bundesminister  Schiller  mehr  für  die  Interessen  des
Landes  erreichen  könnten  als  der  Ministerpräsident  Röder  selber."4
Wie  weit  sich  die  strategische  Lage  von  Regierung  und  Mehrheitsfraktion  im  Parlament
  verschlechtert  hatte,  wurde  vollends  jedoch  erst  bei  der  Diskussion  um  den
zweiten  Nachtragshaushalt  für  das  Jahr  1967  klar.  Schon  für  das  Jahr  1966  war  mit
ca.  40  Mio.  ein  hoher  Fehlbetrag  aufgelaufen,  der  sich  durch  die  Ereignisse  des
Jahres  1967  -  obwohl  die  Einnahmen  des  Landes  aus  eigenen  Steuern  sogar  geringfügig
  über  den  angesetzten  Beträgen  lagen  -  auf  60  Mio,  DM  erhöht  hatte;  vorübergehend
  war  dieser  Fehlbetrag  zwar  mit  Kassenkrediten  und  Einsparungen  abgedeckt
worden,  nun  aber  drohte  das  Land  seine  Kreditlinie  zu  überschreiten.  Daher  sah  der
zweite  Nachtragshaushalt  die  Aufnahme  von  zusätzlichen  Krediten  vor.""  Die  Sozialdemokraten
  entwickelten  gegenüber  diesem  Vorhaben  eine  harte  und  grundlegend
ablehnende  Haltung.  Daß  erstmals  Defizite  im  ordentlichen  Haushalt  per  Kreditaufnahme
  -  also  aus  dem  außerordentlichen  Haushalt  -  gedeckt  werden  sollten,  wurde
ais  politisch  fatal  und  zudem  verfassungswidrig  bezeichnet.  Daher  kündigte  die
Opposition  auch  die  Einleitung  eines  Normenkontrollverfahrens  an."6  Im  Laufe  der
weiteren  Debatte  inszenierte  die  Opposition  eine  „Generalabrechnung“  mit  der
Regierungspolitik:  „Denn  wenn  Sie,  wie  das  Gesetz  und  die  Verfassung  es  vorschreiben,
  dieses  Defizit  aus  1966  im  Haushalt  1967  abdecken  wollen  -  eine  löbliche
Absicht  -,  dann  müßten  Sie  aus  dem  ordentlichen  Haushalt  genau  das  herausnehmen,
was  Sie  nicht  mehr  bezahlen  können,  und  es  in  den  außerordentlichen  Haushalt
überstellen  und  damit  dem  Volk  gegenüber,  das  Sie  regieren,  die  Einzelprobleme  be-52

  So  Kurt  Conrad,  ebd.,  S.  1140f.
53  Ebd.,  S.  1144ff.
54  So  Karl  Heinz  Schneider  (SPD)  in:  LTDS,  5.  WP,  Abt.  I,  44.  Sitzung  v.  22.9.67,  S.  1159:  „Ich  kann  mir
sogar  vorstellen,  daß  in  manchen  Fällen  Gespräche  zwischen  den  Parteifreunden  Professor  Schiller  und
Conrad  für  das  Saarland  erfolgreicher  und  nutzbringender  sind  als  Gespräche  zwischen  dem  Bundeswirtschaftsminister
  Professor  Schiller  und  dem  Ministerpräsidenten  Dr.  Röder.“
55  Vgl.  hierzu  die  Haushaltsrede  des  Finanzministers  in:  LTDS,  5,  WP,  Abt.  1,  47.  Sitzung  v.  16.11.67,
S.  1228ff.
56  So  Friedrich  Regitz  (SPD),  ebd.,  S.  1231.

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