Full text : Das Saarland im doppelten Strukturwandel 1956 - 1970

Ganzes  einzufordern:  „Besonnene  Strukturpolitik“  brauche  eben  Zeit,’4  Bereits  die
unmittelbare  Reaktion  der  SPD  auf  seine  Rede  zeigte  jedoch,  wie  sehr  sich  im  Kontext
  der  Haushaltskrise  die  Form  und  die  Ansprüche  an  parlamentarische  Beratungen
gegenüber  der  in  der  Vergangenheit  gewohnten  Praxis  verändert  hatten.  „Wenn  die
Grundsatzberatung  zum  Haushalt  nicht  mehr  der  geeignete  Anlaß  [für  scharfe  politische
  Auseinandersetzungen]  sein  soll,  dann  weiß  ich  nicht  mehr,  welchen  Anlaß  es
überhaupt  noch  gibt.“3''
Die  weiteren  Budgetberatungen  waren  von  zwei  Entwicklungslinien  geprägt.  Im  auf
Grundfragen  der  Haushaltspolitik  bezogenen  Teil  wurden  CDU-Fraktion  und  Landesregierung
  gleichermaßen  weiter  in  die  Defensive  gedrängt,  so  daß  der  Fraktionsvorsitzende
  der  CDU  die  Notwendigkeit  einer  generellen  Neuorientierung  der  Landespolitik
  zugestand.  Nötig  sei  „ein  grundsätzliches  Umdenken  und  eine  Überprüfung
sämtlicher  Ausgaben  in  unserem  Lande.  Es  kann  entscheidend  für  die  Gewährung  von
Leistungen  weder  ein  Besitzstand  -  wir  haben  einmal  das  Wort,sozialer  Besitzstand1
geprägt  -  noch  eine  gesetzliche  Notwendigkeit  zu  Ausgaben,  sondern  nur  noch  die
Sicherung  unserer  Lebensgrundlagen  sein.“34 36 38  Diesbezüglich  gestand  die  Opposition
zwar  zu,  daß  eine  auf  nationaler  Ebene  beschlossene  Fixierung  der  Anteile  von  Bund
und  Ländern  an  der  Einkommen-  und  der  Körperschaftssteuer  die  wichtigste  haushaltswirksame
  Entscheidung  im  Saarland  darstelle;  allerdings  wurden  auch  die  Reformansätze
  der  Landesregierung  als  nicht  ausreichend  bzw.  nicht  akzeptabel  dargestellt.'
  Öl  ins  Feuer  goß  dabei  auch  die  Fraktion  von  FDP/DPS,  für  die  Kurt  John
im  Stil  einer  klassischen  Oppositionsrede  das  Fehlen  von  politischen  Schwerpunktsetzungen
  im  Haushalt  und  die  immer  noch  zu  hohen  Bindungsermächtigungen  und
Ausgabereste  kritisierte.  's  Allerdings  verlagerten  die  Regierungsmitglieder  -  und  hier
insbesondere  Franz  Josef  Röder  -  diese  Diskussion  ähnlich  wie  wie  bei  den  allgemeinen
  Strukturdebatten  auf  die  Ebene  ihrer  persönlichen  Verantwortung  für  Einzelentscheidungen
  der  Vergangenheit.  Dadurch  gerieten  die  Oppositionsredner  bei
dem  Versuch  in  argumentative  Schwierigkeiten,  die  Politik  der  Vergangenheit  als
Ganzes  als  fehlgeschlagen  zu  deuten.  Erfolgreicher  war  dagegen  der  Ansatz,  die
Interessenvertretung  des  Landes  durch  seine  Regierung  anzugreifen.  Insbesondere  die
Position  der  Landesregierung  bei  den  Verhandlungen  zur  Neuordnung  des  Länder¬34
 Ebd.,  s.  603.
°  So  Friedrich  Regitz  (SPD),  ebd.,  S.  604.
36  Jakob  Feiler  in:  LTDS,  5.  WP,  Abt.  I,  28.  Sitzung  v.  14.12.66,  S.  666.  Auch  hier  galt  aber  der  Bezug  zu
Entscheidungen  auf  Bundesebene  als  ein  kaum  lösbares  Grundproblem,  weil  „die  Einnahmeentwicklung
unseres  Haushaltsplanes  mehr  von  der  Einnahmeentwicklung  und  dem  Steueraufkommen  der  großen  und
reichen  Länder  abhängt  als  von  unseren  eigenen  Steuereinnahmen.“
Insbesondere  die  Schaffung  eines  sogenannten  Stellenpools,  in  den  freiwerdende  Stellen  in  der  Verwaltung
  eingebracht  und  dann  nach  Maßgabe  der  Regierung  -  gegebenenfalls  in  anderen  Bereichen  -
wiederbesetzt  werden  durften,  wurde  als  Einschränkung  des  Budgetrechts  des  Parlaments  abgelehnt,  ebd.,
S.  663.  Dieses  Mittel  war  Gegenstand  eines  Berichts  des  Beirats  für  Verwaltungsvereinfachung,  vgl.
LASB  StK  1743,  Kabinettsprotokoll  v.  25.1  1.66.
38  LTDS,  5.  WP,  Abt.  1,  28.  Sitzung  v.  14.12.66,  S.  670f.

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