Full text : Das Saarland im doppelten Strukturwandel 1956 - 1970

erhalten  und  um  zu  verhindern,  daß  das  Land  „politisch  bedeutungslos“  werde,  und
er  müsse  „größeren  Spielraum“  für  nicht  gesetzlich  gebundene  Ausgaben  vorsehen.
Um  eine  derartige  „strukturelle  Verbesserung“  zu  erreichen,  seien  insbesondere  die
Ausgabenstruktur  zugunsten  des  ordentlichen  Haushalts  zu  verändern  und  seien  bestimmte
  Mittelansätze,  z.B.  bei  Darlehen  für  den  Wohnungsbau,  drastisch  zu
kürzen.29
In  dieser  Form  vorgetragen,  fand  die  Haushaltspolitik  von  Regierung  und  Koalition
allerdings  wenig  Zustimmung  bei  der  parlamentarischen  Opposition.  Mit  aller  Härte
brandmarkte  die  SPD  den  Rückgang  der  Ansätze  im  außerordentlichen  Haushalt  als
„Bilanz  eines  untergehenden  Unternehmens“  -  denn:  „ein  gesundes  Unternehmen
muß  investieren“.39  Daß  der  Finanzminister  sich  angesichts  der  von  den  unzulänglichen
  M  itteln  dominierten  Situation  einer  geringen  Zuwachsrate  im  Haushalt  rühme,
sei  wohl  als  „Witz  zur  Eröffnung  der  Karnevalssession“  gemeint:  „Bei  uns  wäre  es
doch  nötig,  daß  von  der  Politik  des  Landes  Impulse  ausgehen,  auch  für  unsere  Bauwirtschaft
  ...  und  auch  für  andere  Wirtschaftszweige“.31 33  Gleichzeitig  führte  die  auch
in  dieser  Beratung  wieder  intensiv  vorgenommene  Diskussion  bundespolitischer
Themen,  die  auch  Widersprüche  zwischen  den  beiden  Koalitionspartnern  offenbarte,
die  SPD  zur  Frage,  „ob  hier  etwa  die  Lösung  der  bisherigen  Koalition  zwischen  der
CDU  und  der  FDP/DPS  beabsichtigt“  sei  -  eine  Möglichkeit,  angesichts  derer  den
Sozialdemokraten  „der  Schreck  in  die  Glieder  gefahren“  war.'2  Schließlich  fand  sich
aber  auch  in  den  Beiträgen  der  Opposition  das  Dilemma  der  saarländischen  Haushaltspolitik
  wieder,  wenn  unmittelbar  nach  der  Kritik  an  der  restriktiven  Sparpolitik
kritisiert  wurde,  daß  auch  damit  das  Ziel  der  Beschränkung  der  Staatsausgaben  nicht
erreicht  werde,  da  gegenüber  dem  nach  den  Sperrungen  des  Sommers  wirklich
vollzogenen  Haushalt  für  1967  eine  Steigerungsrate  von  mehr  als  12%  geplant  war.  “
Allerdings  führte  die  harsche  Kritik  der  Opposition  und  die  bundespolitische  Dimension
  der  Debatte  dazu,  daß  die  Regierungsmitglieder  weitgehend  auf  sich  alleine
gestellt  waren.  In  einer  ungewöhnlich  defensiven  Rede  griff  der  Regierungschef
selber  ein  und  warf  der  Opposition  vor,  „Ausflüge  in  die  Bundespolitik“  zu  unternehmen,
  um  parteipolitisches  Kapital  zu  schlagen:  „Es  ist  wohl  nur  die  scheinbare,  die
vage  Möglichkeit,  daß  Sie  zum  ersten  Mal  nach  zwanzigjähriger  Opposition  jetzt  eine
geringe  Chance  sehen,  mit  dem  von  uns  [!]  abgefallenen  Koalitionspartner  eventuell
in  die  Regierung  einzuziehen.“  Der  so  als  von  kurzfristigen  Machtkalkülen  geprägt
dargestellten  Politik  stellte  der  Regierungschef  die  Erfolge  seiner  Regierungszeit
gegenüber,  um  dabei  mehr  Zeit  und  grundsätzliche  Unterstützung  des  Parlaments  als

29  So  Jakob  Feiler  (CDU)  in:  LTDS,  5.  WP,  Abt.  I,  26.  Sitzung  v.  1  l.l  1.66,  S.  588ff.
30  So  Rudolf  Recktenwald  (SPD),  ebd.,  S.  599.
31  Friedrich  Regitz  (SPD),  ebd.,  S.  594.
32  Ebd.,  S.  598.
33  So  Karl  Heinz  Schneider  (SPD),  ebd.,  S.  604.

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