Allerdings war der Kritik der Sozialdemokraten an den finanzpolitischen Stabilisierungsmaßnahmen
dadurch die Spitze genommen, daß ihre Partei derartige Maßnahmen
auf Bundesebene in der Vergangenheit mehrfach gefordert hatte.26 Daher konnte
der Ministerpräsident in seiner abschließenden Rede eine gemeinsame Linie der
Fraktionen formulieren, nach der in der aktuellen Lage diejenigen Länder, die ihre
Haushalte ohne Rückgriff auf Kapitalmarktmittel ausgleichen konnten, gegenüber
dem Saarland deutlich bevorteilt seien. Daher müsse die saarländische Politik „alles
tun“, um eben diesen Zustand zu erreichen. Man einigte sich darauf, in einer gemeinsamen
Erklärung die währungsstabilisierenden Maßnahmen als solche zu begrüßen,
gleichzeitig aber darauf hinzuweisen, daß eine Überhitzung der Konjunktur im
Saarland nicht feststellbar sei und daß die konjunkturdämpfenden Maßnahmen auf
Bundesebene zu einer „gefährlichen Situation“ im Saarland führen könnten.27
3.1.2 Die regionale Wirtschaftskrise als Krise der Haushaltspolitik
Das in diesem formelhaften Kompromiß beschriebene Dilemma verschärfte sich noch
in den darauffolgenden Haushaltsberatungen. Die Einnahmeseite des Etats hing nach
den Worten des Finanzministers „nahezu unbeschränkt“ von der konjunkturellen
Entwicklung im Bundesgebiet ab, die „außerhalb der unmittelbaren Entscheidungsmöglichkeit
dieses Hohen Hauses“ lag, während gleichzeitig auch viele Ausgabeansätze
durch Bundesgesetze vorgegeben seien. Darauf reagierte er mit einer neuerlichen
Beschränkung der Ausgaben im außerordentlichen Haushalt bei gleichzeitig auf
das Mindestmaß beschränkter Erhöhung der Ansätze im ordentlichen Haushalt.
Neben der bescheidenen Gesamt-Zuwachsrate von 5,8% gegenüber den ursprünglichen
Ansätzen für 1966 sollte dazu insbesondere der Rückgriff auf Bindungsermächtigungen
als Mittel zur Finanzierung des außerordentlichen Haushaltes soweit
wie möglich reduziert werden; schließlich hatte der Vollzug des Haushaltes 1966
bereits massive Liquiditätsprobleme der Landeskasse ausgelöst. Allerdings schien der
Minister selber unsicher hinsichtlich des zu erwartenden Erfolgs seiner Politik: Es
war bereits absehbar, daß selbst eine starke Steigerung der Landeseinnahmen aus
Steuern durch die dann zu erhöhenden Zuweisungen an die Gemeinden und vor allem
durch den Anstieg der Personalausgaben überkompensiert werden würde; daher
kündigte Reinhard Koch einen generellen Verzicht auf Ausweisung neuer Stellen
an.2* Die Vertreter der Mehrheitsfraktion formulierten dagegen präzisere Anforderungen
an den Haushaltsentwurf: Er müsse erstens ausgeglichen sein, einer „echten
Strukturpolitik Rechnung tragen“, um die „Wettbewerbsfähigkeit“ des Landes zu
26 Vgl. hierzu den durch Zwischenrufe ausgelösten Wortwechsel im Redebeitrag von Kurt Conrad (SPD),
ebd., S. 457.
27 Ebd., S. 467f.
Koch ging von einer außerordentlich gestiegenen Bedeutung der Finanzpolitik aus: „Wohl niemals war
der öffentliche Haushalt so in den Mittelpunkt des Tagesgeschehens gerückt wie heute“, so Minister Koch
in LTDS, 5. WP, Abt. I, 25. Sitzung v. 9.11.66, S. 564. Zu seinen Vorschlägen vgl. ebd., S. 564 und
S. 566ff.
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