Full text : Das Saarland im doppelten Strukturwandel 1956 - 1970

Neuorientierung  der  Ausgaben  nötig.* 11  Aus  Sicht  der  Opposition  führte  dagegen  Kurt
Conrad  aus,  daß  selbst  in  den  Ausschußberatungen  an  dem  Entwurf  der  Regierung
praktisch  keine  Änderungen  vorgenommen  werden  konnten,  da  die  finanzpolitische
„Zwangssituation“  des  Landes  de  facto  keine  Spielräume  mehr  erlaubt  habe.12  Als
unmittelbare  Folge  der  Versäumnisse  bei  der  Erhaltung  des  Bergbaus  und  bei  der
Umstrukturierung  des  Landes  schließe  so  die  schlechte  Finanzlage  die  für  die  weitere
Strukturpolitik  notwendigen  Maßnahmen  praktisch  aus.1'  Sehr  viel  härter  noch  kritisierte
  Wilhelm  Silvanus  für  die  SPD  die  Finanzpolitik  der  Regierung,  die  nur  mit
„Tricks“  den  Flaushalt  überhaupt  habe  ausgleichen  können.  So  würden  z.B.  Zuschüsse
  für  den  Kapitaldienst  von  Krediten  eingestellt,  die  die  Gemeinden  aufzunehmen
  hätten:  „Hier  wird  mit  einem  Kredit  der  Schuldendienst  des  nächsten  finanziert,
aus  250.000  werden  2,5  Mio.  Wenn  auf  Bundesebene  dieses  Beispiel  Schule  macht,
dann  ...  wird  die  Rückzahlung  leicht,  denn  dann  ist  die  Währung  kaputt.“14 15  Damit  war
eine  wichtige  Grundlinie  formuliert,  die  einen  großen  Teil  der  Redebeiträge  der
Opposition  kennzeichnete:  Bereits  jetzt,  so  der  Gedanke,  folge  die  Verschuldung
nicht  mehr  rationalen  Kriterien,  und  selbst  unter  diesen  Umständen  müsse  auf  die
Erbringung  eigentlich  notwendiger  Leistungen  in  großem  Umfang  verzichtet
werden."
Darüber  hinaus  entwickelte  sich  die  Haushaltsdiskussion  aber  auch  zu  einer  umfassenden
  Reforrndebatte  über  viele  Bereiche  der  saarländischen  Politik,  wobei  insbesondere
  schul-  und  bildungspolitischen  Themen  breiter  Raum  eingeräumt  wurde.
Jedoch  glichen  die  hier  angeführten  Argumente  erstens  noch  sehr  stark  denjenigen
der  vorangegangenen  Debatten16  und  waren  zweitens  eingebettet  in  die  immer  neu
aufgenommene  Auseinandersetzung  um  die  Frage,  inwieweit  der  Landeshaushalt  als
Kommission  Für  die  Finanzreform,  Gutachten  über  die  Finanzreform  in  der  Bundesrepublik  Deutschland,
Stuttgart  1966,  das  am  10.2.66  übergeben  und  im  März  1966  veröffentlicht  wurde,  vgl.  Renzsch,  Finanzverfassung,
  S.  215.  Offenbar  erfolgte  die  Übernahme  dieses  Begriffs  in  die  saarländischen  Politik
zumindest  als  Schlagwort  recht  früh.
11  LTDS,  5.  WP,  Abt.  I,  13.  Sitzung  v.  9.3.66,  S.  236f.
12  Da  zudem  die  Koalitionsabgeordneten  sich  als  „Gefolgsleute  der  Regierung“  verstünden,  sei  der
Haushalt  „Ausdruck  des  politischen  Willens  dieser  Regierung,  dieser  Koalition“,  ebd.,  S.  239.
13  Ebd.,  S.  240ff.  Vgl.  hierzu  auch:  Den  Circulus  vitiosus  aufbrechen.  Betrachtungen  zum  Verhältnis  von
Steuerkraft  und  Wirtschaftskraft  des  Saarlandes,  in:  Die  Arbeitskammer.  Zeitschrift  der  Arbeitskammer
des  Saarlandes  13  (1965),  S.  56-57.
14  LTDS,  5.  WP,  Abt.  I,  13.  Sitzung  v.  9.3.66,  S.  248.
15  So  in  der  Formulierung  von  Karl  Wolfskeil  (SPD):  „Wir  müssen  Schulden  machen,  um  mit  den  neuen
Schulden  die  alten  Schulden  bezahlen  zu  können.“,  ebd.,  S.  259.  Besonders  Friedrich  Regitz  (SPD)  wies
auf  das  Problem  hin,  daß  die  Ausgabenreduzierung  zur  Konjunkturdämpfung  im  Saarland  völlig  falsch
sei,  da  hier  notwendige  Leistungen  zur  Umstrukturierung  nicht  erbracht  würden.  Insofern  bestünde
zwischen  einem  Verzicht  auf  eine  expansive  Ausgabenpolitik  und  der  Notwendigkeit  einer  Haushaltssanierung
  volkswirtschaftlich  kein  Widerspruch,  ebd.,  S.  268.
16  Hauptsächlich  die  Volksschulbauprogramme  wurden  mit  recht  gemischten  Gefühlen  reflektiert,  was
eine  zunehmende  Konzentration  auf  die  Alternative  einer  Mittelpunktschule  als  „echte  Bürgerschule“
bewirkte.  Besonders  deutlich:  Richard  Klein  (SPD),  ebd.,  S.  284f.  Zu  den  ideologischen  Implikationen  der
Diskussion  um  die  Mittelpunktschule  vgl.  Kuhlmann,  Schulreform,  S.  88ff.

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