Vorgehens weise der Landesregierung anhand von Einzelpunkten kritisierte.10* Der
Tenor seines Wortbeitrages - und auch der seiner Fraktionskollegen - bestand darin,
daß in der aktuellen Legislaturperiode im Hinblick auf die Umstrukturierung der
Saarwirtschaft zu wenig erreicht worden sei. Sogar Frankreich sei, so das Gegenbeispiel,
in Lothringen sehr viel weiter gekommen, daher müsse die Zusammenarbeit mit
dem westlichen Nachbarn unbedingt verstärkt werden.11'4 Gegen die somit sehr
vorsichtig vorgetragene Kritik setzte besonders der Regierungschef eine in dieser
Form neue Sichtweise. Ausgehend von der nun von ihm als allgemeingültige Erkenntnis
verkündeten Feststellung, daß planerische Aspekte in der Gesellschaft immer
wichtiger würden und daß dadurch die Anforderungen an die ordnende, aber auch auf
Expertenwissen zurückgreifende Kraft der Politik immer höher würden, entwickelte
er eine „Erfolgsstory“ der Strukturpolitik in Vergangenheit und Gegenwart des
Saarlandes. Die Regierung habe die sich abzeichnenden Probleme früh genug erkannt,
in voller Übereinstimmung - hier wurde der frühere Wirtschaftsminister
explizit einbezogen - alles Notwendige getan und mit ihrem konsequenten Kurs, der
auch eine zu weitgehende Umstrukturierung ablehnte, nicht nur eine günstige Entwicklung
ausgelöst, sondern auch Schlimmeres verhindert. Daher sei auch eine
Länderneugliederung schlichtweg überflüssig, da sie allenfalls das „äußere Bild der
Statistik“, nicht aber die konkrete Situation ändere.108 110
Diese „Erfolgsstory“ bestimmte die Darstellung der strukturpolitischen Gegebenheiten
durch die Regierung und die sie tragenden Fraktionen praktisch für den Rest der
Legislaturperiode. Der Wirtschaftsminister reicherte diesen Grundgedanken mit einer
detaillierten Darstellung der Ansiedlungs- und Auflockerungserfolge der allgemeinen
Wirtschaftspolitik an,111 112 der Regierungschef nutzte die Gelegenheit einer Entscheidung
des Bundestags gegen die Einstellung eines Titels für Kanalbaumaßnahmen, um
das streng wachstumsorientierte „Strukturprogramm Saar“ als Fortsetzung der
„Erfolgsstory“ in aller Breite zu präsentieren,"2 und auch die meisten sonstigen De¬108
Ebd., S. 1822-1825. Sehr viel differenzierter dagegen: Christoph Loew, Nach dem Kabinettsbeschluß:
Jetzt muß die Saar ihre Chancen wahrnehmen, in: Die Arbeitskammer. Zeitschrift der Arbeitskammer des
Saarlandes 17 (1969), S. 77-78. Interessant ist die hier vorgetragene Bewertung, nach welcher der Kanal
in erster Lime den Interessen der Hüttenindustrie würde dienen können und insofern „strukturkonservierenden
Charakter“ besitze. Daran schloß die Gewerkschaft der Eisenbahner Deutschlands ihre Stellungnahme
an, nach der es volkswirtschaftlich sinnvoller sei, die Finanzmittel anstatt zum Bau des Kanals
in Wirtschaftsfördermaßnahmen zu investieren, vgl. Saar-Pfalz-Kanal ein volkswirtschaftlicher Gewinn?,
in: ebd., S. 31 -32.
109 Vgl. bes. den Beitrag von Hermann Petri (SPD) in: LTDS, 5. WP, Abt. I, 67. Sitzung v. 19.2.69,
S. 1831 f.
110 Ebd., S 1858ff.
111 Vgl. die Regierungserklärung zur wirtschaftlichen Situation in: LTDS, 5. WP, Abt. I, 79. Sitzung v.
25.2.69, S. 2266ff.
112 LTDS, 5. WP, Abt, 1, 69. Sitzung v. 21.4.69, S. 1888-1895(!). Vgl. hierzu auch Hans A. Klein, Die
Saarwirtschaft kann saniert werden, in: Die Arbeitskammer. Zeitschrift der Arbeitskammer des Saarlandes
17 (1969), S. 223-225, mit einer präzisen Analyse der Zusammenhänge zwischen Kanalfrage und
Wachstumsorientierung im Strukturprogramm.
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