Full text : Das Saarland im doppelten Strukturwandel 1956 - 1970

Themenbereich  in  den  zuständigen  Ausschuß  verwiesen  werden.  Eine  Überraschung
brachte  jedoch  die  auf  diese  Verweisung  folgende  Plenarsitzung,  in  der  der
SPD-Abgeordnete  Wilhelm  Silvanus  mit  den  aktuellen  Plänen  von  Regierung  und
Saarbergwerken  hart  ins  Gericht  ging.  Der  Generalplan  II,  so  Silvanus,  müsse  zutreffender
  als  „zweiter  Generalrückzugsplan“  bezeichnet  werden;  die  von  allen  Fraktionen
  gemeinsam  vorgelegte  Beschlußvorlage  rücke  das  Fehlen  eines  kritischen  Ansatzes
  ins  „Nebulöse“.1(111  Die  Antikritik  zu  diesen  Einlassungen  kam  jedoch  nicht
etwa  von  Regierungsseite,  sondern  vom  Fraktionsvorsitzenden  der  SPD.  Dieser
verteidigte  die  in  Ausschußberatungen  erarbeitete  Beschlußvorlage  als  akzeptablen
Kompromiß,  mit  dem  die  kohlepolitische  Diskussion  „in  Bewegung  zu  setzen“
gewesen  sei.  Zwar  sei  die  Formulierung  gegenüber  der  ursprünglichen  Fassung  leicht
abgemildert  worden,  die  SPD-Fraktion  habe  sich  gegen  seinen  Willen  jedoch  erst
kurz  vor  der  Plenarsitzung  entschieden,  dieser  abgemilderten  Form  nicht  zuzustimmen
  und  einen  neuerlichen  Abänderungsantrag  einzubringen.1,11
Man  wird  in  diesem  Agieren  der  Sozialdemokraten  wohl  nichts  weniger  als  eine
Desavouierung  ihres  Fraktionsvorsitzenden  erkennen  können;  konsequenterweise
setzte  die  CDU  mit  ihren  Stellungnahmen  zu  diesem  Vorgang  an  dieser  Stelle  an.
Nachdem  Nikolaus  Fery  den  Konsens  zwischen  Regierung  und  Opposition  darüber
betont  hatte,  daß  die  Neuordnung  des  Kohlesektors  nach  marktwirtschaftlichen
Prinzipien  zu  erfolgen  habe,11)2  interpretierte  Rainer  Wicklmayr  die  Vorgänge  in  der
SPD  parteipolitisch:  „Aber  es  hat  offenbar  verschiedenen  Leuten  nicht  gefallen,  daß
es  solche  Gemeinsamkeiten  gibt.  Das  hat  in  das  lange  gepflegte  Bild  einer  verfehlten
Wirtschaftspolitik  nicht  ganz  hineingepaßt.“* 103  Gegen  Ende  der  Debatte,  in  deren

Darstellung  von  Eugen  Huthmacher  stellte  Röder  diese  Frage  nun  so  dar,  als  habe  Opel  -  genau  wie  auch
Ford  -  von  vornherein  kein  Interesse  an  einer  Ansiedlung  im  Saarland  gehabt;  daß  eine  derartige  Ansiedlung
  wenigstens  in  einem  Fall  erfolgt  war,  konnte  er  somit  auf  die  Politik  seiner  Regierung  zurückführen,
ebd.,  S.  1576.  Jedenfalls  hat  die  Regierung  die  Ansiedlungsmaßnahme  in  Saarlouis  bzw.  den  dazu  nötigen
Ausbau  der  lokalen  Infrastruktur  auch  mit  finanziellen  Maßnahmen  begleitet,  vgl.  LASB  StK  1740,
Kabinettsprotokoll  v.  21.12.65,  und  hat  sich  auch  mit  Einflußnahmen  französischer  Behörden  zugunsten
einer  möglichen  Abwerbung  des  ansiedlungswilligen  Unternehmens  beschäftigt,  LASB  StK  Kabinettsregistratur,
  Anlage  MW,  Kabinettsvorlage  Wirtschaftsministerium  v.  23.12.65.
I0"  LTDS,  5.  WP,  Abt.  I,  57.  Sitzung  v.  15.5.68,  S.  1621.  Silvanus  hatte  sich  früh  bereits  mit  weitgehenden
Reformforderungen  in  der  Montanpolitik  profiliert,  vgl.  Wilhelm  Silvanus,  Alternative  zu  Kohle  und
Stahl?  Zur  Frage  der  Umstrukturierung  der  Saarwirtschaft,  in:  Die  Arbeitskammer.  Zeitschrift  der
Arbeitskammer  des  Saarlandes  12  (1964),  S.  97-99,  wo  substanzerhaltende  Maßnahmen  außerordentlich
kritisch  bewertet  wurden.
101  LTDS,  5.  WP,  Abt.  1,  57.  Sitzung  v.  15.5.68,  S.  1623f  Kurt  Conrad  (SPD)  stellte  in  explizitem
Widerspruch  zum  Wortbeitrag  seines  Fraktionskollegen  fest,  daß  „bei  beiden  Parteien  zweifellos  der  Wille
bestanden  hat,  im  Interesse  des  Landes  Formulierungen  zu  finden,  die  etwas  in  Bewegung  setzen,  wenn
auch  die  Mitglieder  der  Regierungsparteien  mäßigend  und  Spitzen  abbrechend  eingewirkt  haben.“
102  Einigkeit  besteht  nach  seiner  Darstellung  darin,  „  ...  daß  Kohlepolitik  mit  dem  Markt,  über  den  Markt,
zumindest  in  der  Tendenz  gemacht  werden  muß“  und  daß  bisherige  Maßnahmen  die  Strukturkrise
„verschleppt“  haben,  und  zwar  mit  „großem  Nachteil  in  volkswirtschaftlicher  und  auch  in  sozialpolitischer
  Hinsicht“,  ebd.,  S.  1624.
103  F.bd.,  S.  1627.

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