Zustimmung, wenn z.B. Ernst Tesar für die SPD ausführte, daß, vom Gesichtspunkt
der Raumordnung betrachtet, „Lothringen und Saarland ein Raum“ seien. Aus diesem
Grunde sollte der westliche Nachbar „Partner, und nicht Konkurrent“ sein.
Ansonsten verfolgten die Sozialdemokraten eine Form der parlamentarischen Beratung
von Strukturpolitik, die der in der vorangegangenen Legislaturperiode geübten
Praxis sehr stark glich. Mit einer Fülle von Anträgen und Anfragen, die sich meistens
auf aktuelle Ereignisse, nicht selten aber auch auf die Materialgrundlage von in
Vorbereitung befindlichen Regierungsentwürfen bezogen, machte die Opposition das
Thema Strukturpolitik quasi zum ständigen Beratungsgegenstand. Gleichzeitig verzichtete
die Opposition jedoch darauf, ein präzises Gegenprogramm zu den von der
Regierung vorgeschlagenen regionalpolitischen Maßnahmen zu entwickeln oder
wenigstens die für die Zukunft avisierte Vorgehensweise mit Gegenvorschlägen zu
kontrastieren. Besonders deutlich zeigte sich dieser Aspekt in der Mitte Februar
angesetzten Debatte über die Aufhebung der Als-ob-Tarife durch den europäischen
Gerichtshof. Obwohl die Opposition diese Entscheidung als „Fiasko“ für die Standortpolitik
der Regierung Röders darzustellen versuchte,* 93 geriet die Debatte zu einer
zwar heftigen, aber bezogen auf die aktuelle Programmatik der Regierung zusammenhanglosen,
quasi zeithistorischen Diskussion über die Standortpolitik der Vergangenheit.
So kam es zu einem heftigen Schlagabtausch über die Verantwortung einzelner
Politiker und Parteien für frühere Fehlentscheidungen; letztlich muß aber doch dem
Gesamturteil von Alfred Wilhelm zugestimmt werden: „Die Aktuelle Stunde hat,
glaube ich, von seiten der Opposition bis jetzt zwar viele Worte, aber wenig Aktuelles
gebracht.“94
Etwas besser gelang der Opposition der Brückenschlag zwischen Kritik an Versäumnissen
der Regierung in der Vergangenheit und Problemen der gegenwärtigen ökonomischen
Entwicklung bei der Debatte über eine Regierungserklärung zum Generalplan
ll9' der Saarbergwerke AG. Die Sozialdemokraten verlegten sich besonders auf
den arbeitsmarktpoiitischen Aspekt von Regionalpolitik und betonten, bereits in der
Vergangenheit als Bedingung für den Stellenabbau im Bergbau die Schaffung neuer
Arbeitsplätze in der Region gefordert zu haben, was aber nicht in ausreichendem
FA-Projekt, das weiter unten noch zu thematisieren sein wird.
9: LTDS, 5. WP, Abt. I, 52. Sitzung v. 6.3.68, S. 1413. Diese Äußerung ist insofern interessant, als bis
dahin die SPD das Konkurrenzverhältnis zu Lothringen gerade in regionalpolitischen Diskussionen, z.B.
in der Tarif- und Verkehrsfrage, stets besonders betont hatte.
93 So Friedrich Regitz (SPD) in: LTDS, 5. WP, Abt. I, 51. Sitzung v. 14.2.68, S. 1345. Vgl hierzu auch die
Bewertung bei Christoph Loew, Nur eine Wasserstraße bringt die Saarwirtschaft den Märkten näher, in:
Die Arbeitskammer. Zeitschrift der Arbeitskammer des Saarlandes 16 (1968), S. 300-301, hier: S. 300,
der glaubte, daß wegen des Urteils „nach dem Bergbau der zweite Grundpfeiler der Saarwirtschaft, die
Hüttenindustrie, zur Schrumpfung verurteilt“ sei.
94 Ebd., S. 1349. Sogar die Landesbank und Girozentrale Saar (Hg.), Wirtschaftsberichte 1968, Saarbrücken
1968, Heft 1, sprach von „Unbehagen“ und „Ungeduld“, die sich im Land breitgemacht hätten.
95 Vgl. hierzu Seyler, Auswirkungen, S. Off; Dörrenbächer, Anpassungsprozesse, S. 109ff., sowie ders.,
Bierbrauer u. Brücher, Coal mining, S. 211.
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