Full text : Das Saarland im doppelten Strukturwandel 1956 - 1970

gefordert  worden.1"  Diesen  Ansatz  entwickelte  Brinkmann  dann  zu  einer  Art  Generalabrechnung
  mit  der  Regierungszeit  Franz  Josef  Röders.  Er  stellte  klar,  daß  es  in  der
Vergangenheit  „bei  uns“  -  unklar  blieb,  ob  damit  die  CDU  oder  das  Saarland  gemeint
war  -  als  „Todsünde“  gegolten  habe,  von  „Umstrukturierung“  zu  sprechen,  und  daß
auch  Industrieansiedlungen  von  Regierungsseite  verhindert  worden  seien,  wenn  auch
vielleicht  nicht  aus  Gründen  der  einseitigen  Bevorteilung  bestimmter  Interessengruppen,
  sondern  auf  Grund  eines  „traditionellen  Denkens“.85 86 87  Einzig  in  der  rhetorischen
  Frage  an  die  Opposition,  ob  sie  die  gegenwärtige  Zuspitzung  der  wirtschaftlichen
  Lage  denn  damals  bereits  vorhergesehen  habe,  war  ein  schwacher  Ansatz  zur
kritischen  Auseinandersetzung  mit  der  SPD  zu  erkennen.
Nach  dieser  Eskalation  der  parlamentarischen  Auseinandersetzung  war  die  Frage  der
„richtigen“  Deutung  der  jüngsten  Zeitgeschichte  und  ihres  Einflusses  auf  die  Entwicklung
  des  Saarlandes  völlig  offen.  Hierzu  lagen  mittlerweile  in  jeder  Fraktion  sehr
unterschiedliche  und  innerfraktionell  kaum  ausgleichbare  Meinungen  vor.  Das  bereits
weiter  oben  dargestellte  Scheitern  Röders,  seine  Deutung  der  vergangenen  Regierungsjahre
  als  Grundlage  der  Bewertung  seiner  Politik  vorzugeben,  setzte  sich  also
weiter  fort.  Nun  wurde  der  Regierungschef  jedoch  sogar  persönlich  in  seiner  politischen
  Verantwortung  angegriffen  und  geriet  mehr  und  mehr  in  die  Gefahr,  zum
„Schuldigen“  erklärt  zu  werden.  Für  Entlastung  sorgte  ausgerechnet  der  neugewählte
Wirtschaftsminister  Reinhard  Koch:  Ausgehend  von  einer  Selbstbindung  an  das  Ziel
der  „Umstrukturierung“,  entwickelte  er  ein  dem  Saar-Memorandum  weitgehend
entsprechendes  Programm,  das  nicht  nur  regionalpolitische  Maßnahmen,  sondern
auch  kritische  Bemerkungen  zum  Föderalismus  und  seiner  Problemlösungsfähigkeit
in  der  Energiepolitik  enthielt  und  das  auch  die  Zusammenarbeit  in  der  europäischen
Region  Saarland-Lothringen-Luxemburg  als  die  einzig  zukunftsträchtige  Entwicklungschance
  für  das  Saarland  postulierte.8
2.2.2 Von  der  Krise  zur  „  Erfolgsstory  “
Die  Rückwirkungen  dieser  Eklat-artigen  Zuspitzung  der  Debatte  bestimmten  die
regionalpolitische  Diskussion  im  Parlament  über  einen  Zeitraum  von  fast  einem  Jahr.
Im  Überblick  über  die  bis  zum  Mai  1968  geführten  Debatten  läßt  sich  sehr  gut
erkennen,  wie  die  parlamentarische  Opposition  immer  stärker  mit  dem  Argument  der
in  der  Vergangenheit  erwiesenen  Erfolglosigkeit  der  Regierungen  Röders  argumen¬85

  „In  (len  Jahren  1956/57  ist  nach  meiner  Kenntnis  -  und  Sie,  verehrter  Herr  Kollege  Conrad,  werden  mir
da  nur  beipflichten  können  -  von  keiner  Stelle  des  Saarlandes,  also  weder  von  den  politischen  Parteien
noch  vom  saarländischen  Landtag  oder  von  einer  wirtschaftlichen  Organisation,  der  Bau  des  Kanals  in
irgendeiner  substantiierten  [sic!]  Form  vertreten  oder  vorgetragen  worden.“,  ebd.,  S.  1107.
86  Ebd.,  S.  1108.  Die  Einordnung  dieses  Debattenbeitrags  fällt  insofern  schwer,  als  Röder  und  Brinkmann
ein  sprichwörtlich  schlechtes  persönliches  Verhältnis  zueinander  hatten.  Aufschlußreich  ist  immerhin,  daß
die  gw-Saar  in  ihrer  Selbstdarstellung  als  entscheidender  Förderer  des  Strukturwandels  durch  Ansiedlung
neuer  Industrien  ihre  Gründung  explizit  auf  die  innovative  Tätigkeit  Brinkmanns  als  Wirtschaftsminister
zurückführte,  vgl.  GW-Saar  (Hg.),  25  Jahre,  S.  4.
87  LTDS,  5.  WP,  Abt.  I,  42.  Sitzung  v.  7.7.67,  S.  11  12-1123.

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