Full text : Das Saarland im doppelten Strukturwandel 1956 - 1970

werden  muß.“76  Einzig  der  Wirtschaftsminister  versuchte  durch  eine  erneute  Darstellung
  der  Vorgeschichte  der  aktuellen  Entwicklung  die  Situation  zu  retten  -  er
erhielt  jedoch  dafür  nicht  einmal  rhetorische  Unterstützung  aus  den  eigenen  Fraktionen.
  Ganz  im  Gegenteil  eskalierte  die  strukturpolitische  Diskussion  in  den  auf  die
Publikation  des  Memorandums  folgenden  Monaten  hinsichtlich  Inhalt  und  Stil.
Zunächst  geriet  der  Wirtschaftsminister  weiter  unter  Druck,  dem  die  Opposition  nun
nicht  mehr  nur  allgemein  Unvermögen,  sondern  sogar  ganz  konkret  die  Blockade
wichtiger  Industrieansiedlungen  in  der  Vergangenheit  vorwarf.  Dabei  wurde  seine
frühere  Position,  Industrieansiedlungen  seien  vor  allem  durch  die  Arbeitskräfteknappheit
  erschwert  worden,  angesichts  der  neuerdings  auch  im  Saarland  erstmals  wieder
meßbar  gewordenen  Arbeitslosigkeit  einer  Überprüfung  unterzogen.  Und  auch  sein
Verhalten  im  Zusammenhang  mit  der  Ansiedlung  eines  Automobilwerkes  in  Kaiserslautern
  wurde  bemängelt.79  Auch  in  dieser  Debatte,  in  der  Huthmacher  sich  auf  die
Position  zurückzog,  erst  angesichts  der  Krise  sei  es  möglich,  „in  der  ganzen  Bevölkerung“
  Konzepte  der  Umstrukturierung  „populär“  zu  machen,X(l  fand  er  praktisch  keine
Unterstützung  aus  den  regierungstragenden  Fraktionen.
Nur  im  Umfeld  der  Beratungen  über  das  sog.  Gesetz  zur  Anpassung  und  Gesundung
des  deutschen  Steinkohlenbergbaus  -  das  Kohleanpassungsgesetz  -  schien  es  zu  einer
Beruhigung  der  Debatte  zu  kommen;  zwar  scheiterte  zunächst  der  Versuch,  eine
gemeinsame  Erklärung  aller  Fraktionen  zur  Kohlepolitik  zu  verabschieden;  nach

76  Ebd.,  S.  847.
7  Bemerkenswert  ist  die  Rolle  der  FDP/DPS  in  dieser  Diskussion:  Karl  Wust  versuchte  an  dieser  Stelle,
seine  Fraktion  als  diejenige  politische  Kraft  darzustellen,  die  sich  „schon  immer“  für  den  Kanalbau
eingesetzt  habe;  das  Scheitern  der  Tariffrage  führte  er  auf  die  unzureichende  Interessenvertretung
Deutschlands  in  Europa  zurück:  „Ich  kann  mir  nämlich,  meine  Damen  und  Herren,  kaum  vorstellen,  daß,
wenn  der  Präsident  der  Französischen  Republik,  Herr  de  Gaulle,  unser  Problem  zu  lösen  gehabt  hätte,  es
dann  auch  so  negativ  wie  bei  uns  gelaufen  wäre.“,  ebd.,  S.  844.
8  Manfred  Zeiner  (SPD)  bezog  sich  auf  eine  frühere  Äußerung  Huthmachers,  der  die  unzureichende
Ansiedlungsleistung  während  der  Stagnationskrise  darauf  zurückgeführt  hatte,  daß  die  Regierung
ansiedlungswilligen  Firmen  keine  Arbeitskräfte  zur  Verfügung  stellen  konnte:  „Wenn  wir  in  der  Lage
wären,  Unbeschäftigte  hieranzubieten,  dann  wäre  -  das  kann  ich  Ihnen  sagen  -  die  Ansiedlungspolitik  ein
Kinderspiel  und  keine  schwierige  Angelegenheit.“,  LTDS,  5.  WP,  Abt.  I,  15.  Sitzung  v,  31.3.66,  S.  370.
Nun,  so  führte  Zeiner  aus,  herrsche  gar  ein  Überangebot  an  Arbeitskräften:  „Bitte,  Herr  Minister,  dann
vollführen  Sie  dieses  Kinderspiel  heute.  Sie  brauchen  es.“,  LTDS,  5.  WP,  Abt.  I,  35.  Sitzung  v.  26.4.67,
S.  913.
7y  Huthmacher  mußte  sich  gegen  den  Vorwurf  wehren,  die  Ansiedlung  des  später  in  der  Nähe  von
Kaiserslautern  errichteten  Opel-Werkes  mit  Rücksicht  auf  die  kurzfristigen  Interessen  der  Stahlindustrie
im  Saarland  verhindert  zu  haben.  Dies  leugnete  er.  Statt  dessen  zog  er  sich  auf  die  Position  zurück,  daß
die  Ansiedlung  dieses  Unternehmens  „die  Entwicklung  im  Westraum  des  Saarlandes  gestört“  hätte,  weil
sie  nicht  in  sein  Entwicklungskonzept  hätte  integriert  werden  können.  „Ich  war  deswegen  froh,  daß  sich
diese  Verhandlungen  zerschlagen  haben.“  Aus  regionalpolitischer  Sicht  sei  sogar  der  jetzt  gewählte
Standort  sinnvoller,  weil  damit  der  Leerraum  zwischen  Saarbrücken  und  Mannheim  industriell  erschlossen
  werde,  ebd.,  S.  916ff.
80 „Deswegen  habe  ich  gesagt,  daß  der  derzeitige  Zeitpunkt  der  geeignetste  sei  den  Ruf  nach  Umstrukturierung
  in  der  ganzen  Bevölkerung  populär  zu  machen,  selbst  bei  denjenigen,  die  früher  Hemmungen
gehabt  haben  sollten.“,  ebd.,  S.  918.

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