Full text : Das Saarland im doppelten Strukturwandel 1956 - 1970

morandum  ein  politisches  Instrument  quasi  als  Chefsache  einsetzte,  dessen  Verwendung
  die  Opposition  im  Landtag  über  Jahre  hinweg  gefordert  hatte  und  das  bereits
seit  Beginn  der  strukturpolitischen  Debatte  in  der  vierten  Legislaturperiode  den
vielleicht  wichtigsten  Bestandteil  der  Profilierungsversuche  der  SPD  dargestellt  hatte.
Möglicherweise  ist  darin  die  Erklärung  für  die  einigermaßen  irritierte  Reaktion  der
Sozialdemokraten  auf  dieses  Memorandum  zu  sehen.  Der  Oppositionsführer  konzentrierte
  sich  auf  den  Teil  des  Textes,  in  dem  der  Entscheidungsprozeß  auf  europäischer
und  nationaler  Ebene  skizziert  wurde,  der  das  Projekt  der  Als-ob-Tarife  zu  Unterstützungstarifen
  hatte  werden  lassen.  Er  kritisierte  vor  allem,  daß  die  Bundesregierung
wegen  der  fehlenden  aufschiebenden  Wirkung  einer  Klage  auf  Rechtsmittel  gegen
diese  Entscheidung  der  Hohen  Behörde  der  Montanunion  verzichtet  hatte  und  betonte
die  Mitverantwortung  der  saarländischen  Regierung  für  den  Mißerfolg.  Mit  den  im
Memorandum  niedergelegten  Ansätzen  eines  Entwicklungskonzepts  setzte  sich
Conrad  jedoch  nicht  weiter  auseinander,  sondern  sagte  sogar  -  ganz  im  Stile  der
konstruktiven  Opposition  -  seine  Mitarbeit  bei  der  weiteren  Ausarbeitung  zu.74
Trotzdem  konnte  sich  die  Regierung  mit  ihrem  Vorstoß  nicht  aus  ihrer  defensiven
Position  befreien:  Gegenüber  der  in  ihren  Elementen  bereits  bekannten  und  nun
immer  wieder  vorgebrachten  Argumentation  der  Sozialdemokraten  5  verhielt  sich  die
Mehrheitsfraktion  merkwürdig  zurückhaltend  und  gestand  zuletzt  sogar  offen  zu,
„daß  eben  im  großen  und  ganzen  des  Unterfangen  der  Bundesregierung,  die  Standortverbesserung
  auf  nationaler  tarifarischer  Basis  zu  lösen,  als  gescheitert  betrachtet

der  Text  sei  von  einer  Arbeitsgruppe  von  ca.  30  Personen  erstellt  worden,  LTDS,  5.  WP,  Abt.  1,  4.  Sitzung
v.  23.7.65,  S.  45.  Diese  Annahme  ließ  sich  ebensowenig  verifizieren,  die  genannte  Zahl  scheint  aber
deutlich  zu  hoch  angesetzt  und  steht  möglicherweise  eher  in  der  Tradition  der  bereits  früher  geäußerten
Kritik  an  der  Staatskanzlei  als  „Nebenregierung“,  vgl.  LTDS,  4.  WP,  Abt.  I,  16.  Sitzung  v.  30.1.62,  S.
588.  Die  Tatsache,  daß  diejenigen  Teile  des  Memorandums,  die  sich  auf  die  frühere  Ansiedlungspolitik
bezogen,  durchweg  aus  bereits  publiziertem  Material,  insbesondere  den  Regierungserklärungen  von  Eugen
Huthmacher  entnommen  waren,  die  Teile  dagegen,  die  das  Zukunftsprogramm  mit  umfangreichen
finanzpolitischen  Erwägungen  verknüpften,  praktisch  neu  entworfen  waren,  spricht  dafür,  daß  der  Text
möglicherweise  aus  einer  Zusammenarbeit  mit  Experten  aus  dem  Finanzministerium  stammte.  Der
damalige  Finanzminister  übernahm,  wie  noch  zu  zeigen  sein  wird,  in  seiner  späteren  Funktion  als
Wirtschaftsminister  eben  diese  Teile  besonders  intensiv.  Auch  die  im  Aufbau  begriffene  Landesplanung
im  Ministerium  für  öffentliche  Arbeiten  und  Wiederaufbau  scheint  an  der  Erstellung  des  Textes  nicht
beteiligt  gewesen  zu  sein,  zumindest  erwähnt  Jost,  Geschichte,  S.  335,  nichts  dergleichen,  obwohl  er
selber  bereits  seit  Anfang  1965  in  dieser  Abteilung  Verantwortung  innehatte,  vgl.  LASB  StK  1736,
Kabinettsprotokoll  v.  9.2.65.
4  LTDS,  5.  WP,  Abt.  I,  33.  Sitzung  v.  11.4.67,  S.  832ff.  Interessant  ist  übrigens,  daß  die  „Parlamentsregie“
  in  dieser  Debatte  zu  einem  ähnlichen  Mittel  wie  bereits  bei  der  parlamentarischen  Debatte  zum
Bergarbeiterstreik  1962  griff:  Nach  der  Rede  von  Röder  beendete  das  Fernsehen  die  Übertragung,  so  daß
die  Erwiderung  des  Oppositionsführers  nicht  mehr  als  Ganzes  im  Originalton  gesendet  wurde.  Die
heftigen  Proteste  der  Sozialdemokraten  -  „Daß  es  sich  dabei  um  einen,  möglichst  die  Regierung  unterstützenden
  Sendebetrieb  handelt,  das  weiß  die  ganze  Bundesrepublik“,  ebd.,  S.  841  -  blieben  ergebnislos.
^  Sehr  deutlich  hierzu:  ebd.,  S.  846f.  und  S.  848ff:  „Aber  hätte  es  wirklich  so  weit  kommen  müssen,  daß
der  Ministerpräsident  des  Landes  an  diesen  Platz  tritt  und  dem  Landtag  sagen  muß:  Wir  sind  nicht  mehr
in  der  Lage,  aus  eigener  Kraft  etwas  zu  tun  zur  Bewältigung  der  Aufgaben,  die  uns  gestellt  sind?“.

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