Full text : Das Saarland im doppelten Strukturwandel 1956 - 1970

Auslassen  von  Chancen,  als  zögerliches  oder  unsachgemäßes  Handeln6*  oder  Ausdruck
  einer  „rückwärts  gerichteten  Politik,  einer  konservativen  und  einer  konservierenden
  Politik“68 69 71  dargestellt  wurde,  ln  diesen  Debatten,  in  denen  übrigens  die
Regierungsmitglieder  den  Hauptteil  der  Diskussionen  bestritten  -  der  Koalitionspartner
  FDP/DPS  war  schon  seit  der  vorangegangenen  Landtagswahl  in  strukturpolitischen
  Fragen  praktisch  nicht  mehr  in  Erscheinung  getreten  -,  versuchte  die
Regierungsseite  eine  Art  „Politik  der  Schadensbegrenzung“:  Während  anhand  hochspezialisierter
  Nachfragen  zu  Details  anscheinend  die  Haltlosigkeit  der  von  der
Opposition  vorgetragenen  Kritik  an  der  Politik  der  Vergangenheit  nachgewiesen
werden  sollte,711  bemühte  man  sich  ungeachtet  der  Schärfe  der  Kritik,  gemeinsame
Grundüberzeugungen  und  Zielprojektionen  zu  betonen  und  so  die  SPD  in  eine  Art
regionalen  Konsens  einzubinden.  1
Teilweise  übernahm  in  dieser  recht  verfahrenen  Situation  das  Saar-Memorandum  der
Landesregierung  vom  April  1967  die  Funktion  eines  Befreiungsschlages.  Dabei  ist
bereits  die  Tatsache,  daß  ein  solches  Memorandum  überhaupt  vorgelegt  wurde,  schon
bemerkenswert.  Einerseits  stellte  es  keinesfalls  das  schon  in  der  Regierungserklärung
angekündigte  längerfristige  Entwicklungsprogramm  dar,  dessen  Fehlen  die  Opposition
  noch  bis  kurz  vorher  immer  wieder  kritisiert  hatte.72 73  Andererseits  ging  das
Saar-Memorandum  sogar  über  die  Funktionen  eines  Entwicklungsplanes  hinaus,  griff
der  Ministerpräsident  damit  doch  in  seiner  Funktion  als  Regierungschef  zu  dem
Mittel,  allgemeine  Grundlinien  und  Zielprojektionen  der  Politik  in  einer  Situation
formulieren  zu  können,  in  der  durch  aktuelle  Entwicklungen  der  Politik  die  Weiterentwicklung
  der  saarländischen  Wirtschaft  in  ihrem  Grundbestand  gefährdet  zu  sein
schien.7'  Bemerkenswert  ist  weiterhin,  daß  der  Ministerpräsident  in  dem  Saar-Me¬68
  Kurt  Conrad  stellte  fest,  daß  „die  saarländische  Regierung  eine  Sternstunde  der  möglichen  saarländischen
  Politik  versäumt“  habe,  „indem  sie  in  den  Jahren,  als  sie  den  Auftrag  des  Hauses“  gehabt  hätte,
über  die  Realisierung  des  Saar-Pfalz-Kanals  zu  verhandeln,  „sich  alsbald  von  diesem  Problem  hätte
abbringen  lassen  und  sich  ...  mit  der  Erklärung  der  Bundesregierung  zufrieden  gegeben  habe,  daß  der
Kanal  gebaut  werde,  wenn  die  Als-ob-Tarife  nicht  dauernd  gesichert“  werden  könnten,  LTDS,  5.  WP,  Abt.
I,  33.  Sitzung  v.  11.4.67,  S.  841.
69  So  Rudolf  Recktenwald  (SPD)  in:  ebd.,  S.  848.
70  So  konnte  z.B.  Friedrich  Regitz  auf  Nachfrage  hin  keinen  einzigen  Fall  nennen,  in  dem  eine  Gemeinde
die  Ansiedlung  eines  Industriebetriebes  habe  ablehnen  müssen,  weil  keine  ausreichenden  Mittel  zur
Erschließung  von  Flächen  zur  Verfügung  gestanden  hätten,  LTDS,  5.  WP,  Abt.  1,28.  Sitzung  v.  14.12.66,
S.  673.  Ähnlich  verhalten  optimistisch  auch:  Karl  Guckelmus,  Hoffnungsschimmer  durch  Industrieansiedlung?,
  in:  Die  Arbeitskammer.  Zeitschrift  der  Arbeitskammer  des  Saarlandes  16  (1968),  S.  61-62.
71  Anfang  1967  erklärte  der  Fraktionsvorsitzende  der  SPD  (!),  mit  aller  Vorsicht  argumentieren  zu  müssen,
um  nicht  durch  eine  „Zerstörungsarbeit“  den  Konsens  einer  zur  Verabschiedung  anstehenden  gemeinsamen
  Erklärung  zur  Wirtschaftspolitik  zu  gefährden,  LTDS,  5.  WP,  Abt.  I,  30.  Sitzung  v.  25.1.67,
S.  769.
12  Zuletzt  hatte  Franz  Josef  Röder  sich  auf  den  Standpunkt  zurückgezogen,  daß  er  den  „Röderplan“,  der
in  der  Presse  kolportiert  wurde,  überhaupt  nicht  angekündigt  habe  und  einen  solchen  schon  gar  nicht
gegenüber  der  Öffentlichkeit  geheimhalte,  LTDS,  5.  WP,  Abt.  1,  31.  Sitzung  v.  1.3.67,  S.  806.
73  Aus  den  vorliegenden  Materialien  konnten  keine  Hinweise  auf  die  Autoren  dieses  Textes  gewonnen
werden.  Die  SPD-Opposition  hatte  noch  anläßlich  der  vorangegangenen  Regierungserklärung  gemutmaßt,

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