Full text : Das Saarland im doppelten Strukturwandel 1956 - 1970

speziellen  völkerrechtlichen  Verträgen  zwischen  Frankreich  und  dem  Saarland,
durchgesetzt."1  Im  komplexen  Wechselspiel  zwischen  Selbstbehauptung  autonomer
Politik  und  Einwerbung  dringend  benötigter  wirtschaftlicher  und  finanzieller  Hilfen
durch  die  Saar-Regierung  stellten  die  Verhandlungen  über  diese  Konventionen  eines
der  wichtigsten  Felder  diplomatischer  Auseinandersetzung  zwischen  dem  Saarland
und  Frankreich  dar.  Ihren  Höhepunkt  erreichten  die  damit  verbundenen  Schwierigkeiten,
  als  mit  dem  saarländisch-französischen  Wirtschaftsvertrag  im  Jahr  1955  das
zur  Abstimmung  vorgeschlagene  europäische  Statut  für  das  Saarland  um  wirtschaftliche
  Elemente  ergänzt  werden  sollte.  Im  außerordentlich  belasteten  diplomatischen
Umfeld  der  Verhandlungen  hierüber  konnten  die  zentralen  Streitpunkte  zwischen
Frankreich  und  dem  Saarland  größtenteils  nicht  ausgeräumt  werden."
Unter  diesen  Streitpunkten  ist  insbesondere  die  sogenannte  Warndtfrage  zu  nennen,
die  Frage  also,  in  welchem  Umfang  und  zu  welchen  Konditionen  der  staatliche
französische  Bergbau  in  Zukunft  die  hochwertigen  und  leicht  aufschließbaren  Kohlevorkommen
  im  Warndt-Kohlenrevier,  mithin  unter  saarländischem  Territorium,
würde  ausschöpfen  dürfen.  Diese  Frage  hatte  ihre  Wurzeln  letztlich  in  den  Reparationsbestimmungen
  des  Friedensvertrags  nach  dem  Ersten  Weltkrieg,  als  Frankreich
Eigentumsrechte  am  saarländischen  Bergbau  erlangt  hatte.  Seit  den  frühen  50er
Jahren  war  diese  Frage  im  Zuge  der  wachsenden  Rentabiiitätsprobleme  der  Saarbergwerke
  virulent  geworden.  Für  den  Saarbergbau  stellte  der  Warndt  eine  in  ihrer
ökonomischen  Bedeutung  hoch  bewertete  Reserve  rentabel  zu  fördernder  Kohle  dar;
auf  der  politischen  Ebene  war  die  Warndtfrage  im  Saarland  zu  einem  Symbol  der
Forderung  nach  mehr  Selbstbestimmung  gegenüber  Frankreich  geworden.
Die  im  Saarvertrag  vereinbarte  Lösung  dieser  Frage  sah  neben  der  Weiterführung  des
größten  Teils  der  von  französischer  Seite  bereits  projektierten  bzw.  in  Angriff  genommenen
  Abbaumaßnahmen  auch  die  Lieferung  von  24  Mio.  t  Warndtkohle  durch  die
Saarbergwerke  vor.  Darüber  hinaus  wurden  die  Saarbergwerke  verpflichtet,  über
einen  Zeitraum  von  25  Jahren  33%  ihrer  Kohleproduktion  an  Frankreich  zu  liefern,
wobei  dieser  Lieferverpflichtung  eine  Abnahmeverpflichtung  in  gleicher  Höhe
gegenüberstand.'2  Diese  Vereinbarung  entsprach,  wie  noch  zu  zeigen  sein  wird,  nur

10  Die  Texte  sind  teilweise  publiziert  in:  Forschungsstelle  für  Völkerrecht  und  Ausländisches  Öffentliches
Recht  der  Universität  Hamburg  (Hg.),  Gesetzgebung  und  Abkommen  des  Saarlandes,  Hamburg  1954,
sowie  Regierung  des  Saarlandes  (Hg.),  Die  neuen  Staatsverträge  zwischen  Frankreich  und  dem  Saarland.
Text  der  am  20.  Mai  1953  in  Paris  Unterzeichneten  Verträge  mit  Anlagen  und  Zusatzprotokollen  in  den
beiden  amtlichen  Sprachen,  Saarbrücken  1953.
11  Zu  den  Verhandlungen  vgl.  Armin  Heinen,  Saarjahre.  Politik  und  Wirtschaft  im  Saarland  1945-1955,
Stuttgart  1996,  S.  352ff.  und  S.  461  ff.
12  Werner  Dietrich,  Gerd  Schuster  u.  Manfred  Glaes,  Fünfzig  Jahre  Pachtverträge  im  Warndt,  in:  Glückauf
111  (1975),  S.  530-536;  Günther  Braun,  Die  völkerrechtliche  Problematik  des  grenzüberschreitenden
Bergwerksbetriebs,  München  1967;  aus  Sicht  eines  Zeitzeugen:  Pierre  Couture,  Die  Saargruben  1945  bis
1957.  Zwölf  Jahre  französisch-saarländische  Verwaltung,  Saarbrücken  1957;  zur  Vorgeschichte:  Ulrich
Scheuner,  Die  Rechtslage  der  Saarbergwerke.  Rechtsgutachten,  Herne  1956;  mit  interessanten  Hinweisen
zur  wirtschaftlichen  Lage  des  Saarbergbaus:  Saarbergwerke  AG  (Hg.),  25  Jahre  Saarbergwerke  AG
1957-1982,  Saarbrücken  1982;  Ferdinand  Morbach  u.  Wolfgang  Brücher,  Steinkohlenbergbau  und

33
            
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.