Full text : Das Saarland im doppelten Strukturwandel 1956 - 1970

bei  der  Diskussion  um  die  kommunalen  Finanzhaushalte,  bei  der  der  Zuschußbedarf
der  Stadt  Saarbrücken  als  deutlichstes  Signal  für  eine  verfehlte  Strukturpolitik  der
Landesregierung  dargestellt  wurde.6"  Allerdings  mangelte  es  offenbar  an  Möglichkeiten,
  mit  konkreten  politischen  Initiativen  eine  Veränderung  der  Politik  zu  erreichen.
  Nachdem  der  Versuch  einer  direkten  Ablösung  der  Regierung  durch  einen
Mißtrauensantrag  gescheitert  war,  schied  die  Möglichkeit  einer  Regierungsneubildung
  gegen  die  CDU  aus.  Für  eigenständige  Reaktionen  des  Parlaments  auf  die
Krise  standen  jedoch  offensichtlich  keine  ausreichenden  Instrumente  zur  Verfügung;
die  maßgeblichen  Entscheidungen  zur  Krisenbewältigung  waren  auf  Bundesebene
bzw.  in  der  Verantwortlichkeit  der  Regierung  angesiedelt,  die  jedoch  nur  sehr  zögerlich
  Einblick  in  die  Grundlagen  ihrer  Politik  gestattete.  Und  schließlich  verliefen  die
Grundsatzdiskussionen  über  Entwicklungskonzepte  der  saarländischen  Politik  für  die
Opposition  insofern  unbefriedigend,  als  ihre  Strategie,  diesbezüglich  eine  bessere
Information  des  Parlamentes  über  die  Vorhaben  der  Regierung  zu  fordern,  dieser  stets
die  Möglichkeit  zur  Gestaltung  der  Debatte  nach  ihren  taktischen  Erfordernissen
bot.65 66
ln  dieser  Zwangslage  verlegte  sich  die  Opposition  schrittweise  darauf,  die  gegenwärtigen
  Krisenerscheinungen  als  Konsequenz  von  Versäumnissen  und  Fehlern  der
Regierungspolitik  in  der  Vergangenheit  darzustellen.  Wendungen  wie  „es  hätte  schon
lange  ..A6  wurden  immer  häufiger  zur  Formel  der  Beschreibung  einer  Politik,  die  als
Grundsätze  von  Landesplanung  im  Saarland.  Vgl.  hierzu  auch  Albert  Seyler,  Gutachten  -  was  nun?,  in:
Die  Saarländische  Wirtschaft.  Mitteilungen  der  Industrie-  und  Handelskammer  des  Saarlandes  23  (1967),
S.  8-10.
65  LTDS,  5.  WP,  Abt.  I,  28.  Sitzung  v.  14.12.66,  S.  724.  Die  Frage  nach  den  Auswirkungen  des  Strukturwandels
  auf  die  Landeshauptstadt  kann  nicht  eindeutig  beantwortet  werden.  Das  Gutachten  von  Bruno
Tietz  u.  Peter  Rothaar,  Die  Stadt  Saarbrücken  als  Einzelhandels-  und  Dienstleistungszentrum.  Analysen
und  Projektionen  unter  besonderer  Berücksichtigung  der  Einzelhandels-  und  Gastronomiebetriebe  im
Hauptgeschäftszentrum  und  in  den  Nebenzentren  der  Stadt  Saarbrücken,  Saarbrücken  1972,  bes.  S.  37f.,
betont  das  Zurückbleiben  der  Stadt  im  Wachstum  ihres  Bruttosozialprodukts  gegenüber  dem  saarländischen
  Durchschnittswert  -  allerdings  auf  einem  deutlich  höheren  Niveau.  Problematisiert  wird  dabei
insbesondere  diejenige  Tendenz,  nach  der  Saarbrücken  durch  den  Strukturwandel  und  die  damit  verbundene
  Verschiebung  der  Beschäftigungsstruktur  seine  frühere  Funktion  als  bedeutender  Montanindustriestandort
  verloren  hat.  Albert  Leroy,  Sarrebruck.  L'exemple  d'une  métropole  frontalière,  Metz  1980,  bes.
S.  322,  dagegen  betont,  daß  Saarbrücken  sich  nach  1960  zu  einer  in  allen  Funktionen  abgerundeten
regionalen  Metropole  entwickelte.
66  Sehr  deutlich  wurde  dieser  Aspekt  im  Generalbericht  der  Landesregierung  zur  wirtschaftlichen  Entwicklung
  im  Saarland,  die  der  Ministerpräsident  zu  einer  massiven  Attacke  gegen  die  Opposition  nutzte:
Diese,  so  der  Gang  der  Argumentation,  schade  durch  ihre  unangemessen  negative  Darstellung  der
ökonomischen  Entwicklung  letztlich  dem  Land,  weil  sie  permanent  die  Bereitstellung  von  Mitteln  für  die
Strukturpolitik  fordere,  die  er  aber  eigentlich  in  Bonn  einwerben  wolle,  vgl.  LTDS,  5.  WP,  Abt.  1,  28.
Sitzung  v.  14.12.66,  S.  674ff.
67  So  formulierte  Kurt  Conrad:  „Es  hätten  schon  lange  Maßnahmen  zur  Freigabe  von  Industrieflächen
erfolgen  müssen,  um  Ansiedlung  voranzutreiben....  Sie  wissen  selbst,  jahrelang  hätten  wir  es  tun  können,
Herr  Ministerpräsident.  ...  Wir  haben  es  immer  gefordert.  Und  jetzt,  wo  es  keinen  Brei  mehr  regnet,
fabrizieren  Sie  einen  kleinen  Löffel,  einen  unterdimensionalen  Löffel,  mit  dem  aber  nichts  aufzufangen
ist.  Zu  Zeiten  der  Hochkonjunktur,  als  es  Brei  regnete,  hatten  wir  keinen  Löffel.  Damals  hätten  Sie  Geld
bereitstellen  müssen.  Wir  haben  es  Ihnen  rechtzeitig  gesagt,  Sie  haben  es  aber  nicht  getan.“,  ebd.,  S.  666.

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