Full text : Das Saarland im doppelten Strukturwandel 1956 - 1970

Probleme  des  Saarlandes,  so  der  Gedankengang,  seien  maßgeblich  darauf  zurückzuführen,
  daß  im  Föderalismus  der  gegenwärtigen  Verfassung  „die  gesamtwirtschaftlichen
  Erkenntnisse  ...  Vorrang  vor  einer  regionalbezogenen  Individualpolitik  haben
müssen“.5*  Daher  „muß  auch  über  die  Frage  entschieden  werden,  ob  die  Aufgabe  der
Überwindung  wirtschaftlicher  Strukturprobleme  überregionalen  Ausmaßes  nur  auf
den  Bund  und  das  jeweilige  Sitzland  beschränkt  werden  darf,  oder  ob  hier  nicht  ein
klassisches  Beispiel  einer  Gemeinschaftsaufgabe  gegeben  ist.“54  Daß  dieser  Ansatz
vom  Ministerpräsidenten  sehr  schnell  bis  hin  zur  Forderung  nach  einem  ganz  neuen
Instrumentarium  zur  Steuerung  wirtschaftlicher  und  finanzpolitischer  Entwicklungen
ausgebaut  wurde/’11  rief  heftige  Reaktionen  bei  der  Opposition  hervor.  Diese  reklamierte
  nun  nicht  nur  den  Begriff  der  „Gemeinschaftsaufgabe“  für  die  SPD,  sondern
versuchte  umgehend,  die  Regierung  wieder  stärker  in  ihrer  konkreten  Verantwortung
im  Land  zu  fassen;  „Herr  Ministerpräsident,  können  Sie  abstreiten,  daß  die  SPD
schon  vor  fünfzehn  Jahren  dieses  Instrumentarium  gefordert  hat,  weil  sonst  eine
moderne  Wirtschaftspolitik  gar  nicht  mehr  getrieben  werden  könne,  und  daß  die  CDU
sich  diesen  Forderungen  widersetzt  hat?“58 61
Damit  löste  der  Höhepunkt  der  Wirtschaftskrise  als  erstes  eine  weitgehende  Verunsicherung
  in  der  regionalen  politischen  Diskussion  aus.  Die  SPD-Opposition  im
Landtag  schwankte  in  diesen  Monaten  stets  zwischen  fundamentaler  Kritik  an  einzelnen
  Regierungsmaßnahmen  bzw.  Krisenerscheinungen  im  Land,  partieller  Kooperation
  mit  den  anderen  Landtagsfraktionen  und  allgemeiner  Darstellung  alternativer
Regierungskonzepte.  Aber  auch  der  Ministerpräsident  und  die  Mehrheitsfraktion
agierten  unsicher:  Während  der  Regierungschef  beispielsweise  am  11.  November
1966  noch  indirekt  eingestand,  in  seiner  Regierungszeit  zu  spät  den  Vorschlägen  der
Opposition  zur  Entwicklung  eines  regionalwirtschaftlichen  Instrumentariums  gefolgt
zu  sein,62  formulierte  er  13  Tage  später  eine  Art  Generalabrechnung  mit  der  SPD,  der
er  verantwortungslose  Oppositionsarbeit  vorwarf,  weil  sie  nämlich  die  Regierung
stets  nur  kritisiere,  aber  keine  brauchbaren  Alternativvorschläge  entwickele.63
Allerdings  verliefen  die  Debatten  trotzdem  keinesfalls  unsystematisch.  Besonders  die
Opposition  nutzte  die  ihr  zur  Verfügung  stehenden  Mittel  ausgiebig,  um  immer
wieder  die  Strukturprobleme  zu  thematisieren,  sei  es  in  Form  eines  Antrags,  die
zwischenzeitlich  veröffentlichten  Gutachten  zur  künftigen  wirtschaftlichen  Entwicklung
  des  Saarlandes  dem  Parlament  vorzulegen  und  dort  zu  diskutieren,64  sei  es

bedingten  Veränderungen  im  Länderfinanzausgleich  erkennen  zu  können,  ebd.,  S.  530.
58  So  Finanzminister  Reinhard  Koch  in:  LTDS,  5.  WP,  Abt.  I,  25.  Sitzung  v.  9.11.66,  S.  565.
59  Ebd.,  S.  570.
60  LTDS,  5.  WP,  Abt.  1,  26.  Sitzung  v.  11.11.66,  S.  606.
61  Ebd.,  S.  595  und  S.  607  (Zitat).
62  Ebd,,  S,  607.
63  LTDS,  5.  WP,  Abt.  1,  27.  Sitzung  v.  24.11.66,  S.  626.
M  Ebd.,  S.  637.  Aus  diesem  Antrag  entwickelte  die  SPD  erneut  die  Forderung  nach  einer  Diskussion  der

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