sition ab detn zweiten Halbjahr. Bereits in der ersten Sitzung legte die CDU-Fraktion
einen Beschlußantrag zur Kohlepolitik vor, der energiepolitische und vor allem auf
die Probleme der Kohle ausgerichtete Maßnahmen von der Bundesregierung forderte.
Diese wurden mit der „Desintegration“ der europäischen Kohlepolitik begründet, die
sich in der zunehmenden Handlungsunfähigkeit auf europäischer Ebene bzw. in der
wachsenden Bedeutung nationaler Maßnahmen gegenüber der Kohlekrise zeigte."4 ln
diesem Antrag forderte nun erstmals auch die Mehrheitsfraktion eine bessere Information
des Parlaments durch die Regierung, wollte also explizit einen Teil der
Verantwortung tur die Verhandlungen, die bislang zwischen den Ländern und dem
Bund vor allem auf Regierungsebene geführt worden waren, übernehmen.
Für die Sozialdemokraten war dieser Vorstoß problematisch. Einerseits bot er die
willkommene Gelegenheit, ihre alte Forderung nach einer umfassenden Wirtschaftsberichterstattung
der Regierung mit Aussicht auf Erfolg zu formulieren.54 55 Andererseits
verursachte diese Einbindung des Parlaments einen gewissen Einigungsdruck
und vor allem seinen Verzicht auf Autonomie in der zeitlichen Anordnung von
regionalpolitischen Initiativen. Trotzdem ging die Opposition darauf ein. In der
Debatte überden Antrag verlegte sie sich zwar auf in dieser Härte bis dato unbekannte
Angriffe gegen den Regierungschef und seine Amtsführung - die Vorwürfe reichten
bis hin zu Fragen der Wiederbewaffnung der Bundesrepublik letztlich gelang es
jedoch, die SPD in den Grundkonsens der im Landtag vertretenen Parteien wieder
einzugliedem. Von entscheidender Bedeutung in dieser Phase war dabei die Person
des Ministerpräsidenten, auf den sich die heftigen Attacken der oppositionellen
Parlamentarier konzentrierten, der aber - im Unterschied zu früheren Debatten - diese
Angriffe nicht durch seine Mehrheit im Parlament einfach auslaufen ließ. Er wirkte
im Gegenteil sogar integrativ, indem er darum bat, die aktuelle Debatte nicht als
„Generaldebatte aus dem Stegreif1 zu gestalten, da dies nur dazu führen würde, daß
man sich „auseinanderreden“ würde.56 57 Gestärkt aus dem mißlungenen Mißtrauensantrag,
konnte der Regierungschef es sich offenbar erlauben, die Kritik der Parlamentarier
auf sich zu ziehen, um damit letztlich die Opposition wenigstens prozedural in
den Gang der Diskussionen einzubinden.
Davon ausgehend erweiterte sich die Debatte um die saarländischen Strukturprobleme
um eine grundsätzliche Auseinandersetzung über die Funktionalität bzw. Angemessenheit
des föderalistischen Systems in Deutschland. Die Landesregierung
nahm die bereits früher von der SPD vorgebrachte Kritik an politischen Maßnahmen
auf Bundesebene auf und löste eine Systemdebatte über das Grundgesetz aus: Die
54 LTDS, 5. WP, Abt. 1, 23. Sitzung v. 29.9.66, S. 524. Dieser Bericht sollte explizit die Grundlage für die
„mit der gebotenen Härte“ zu führenden Verhandlungen mit Nordrhein-Westfalen und dem Bund bieten.
“ Die SPD-Fraktion brachte einen derartigen Abänderungsantrag in die Beschlußvorlage ein, siehe ebd.,
S. 525.
56 Franz Josef Röder in: ebd., S. 531.
57 Rudolf Recktenwald glaubte zuletzt gar eine Gefährdung des Föderalismus durch die haushaltspolitisch
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