Full text : Das Saarland im doppelten Strukturwandel 1956 - 1970

Bundesregierung  einem  solchen  Antrag  würde  Folge  leisten,  noch  daß  Chancen  zur
Aufwertung  des  Wirtschaftsstandorts  Saarland  durch  Tarifmaßnahmen  auf  europäischer
  Ebene  bestünden,  da  es  „mit  dem  Grundgedanken  des  Vertrages  [EGKS-Vertrag]
  einfach  nicht  vereinbar  [ist],  daß  auf  Dauer  die  Geographie  durch  tarifarische
Maßnahmen  korrigiert  wird.“40  Dies  stellte  ein  Abrücken  von  früheren  Positionen  der
Landesregierung  dar41  und  außerdem  eine  Art  zweite  Verteidigungslinie  gegenüber
dem  von  der  SPD  scharf  vorgetragenen  Vorwurf,  die  Landesregierung  gefährde  durch
unsachgemäßes  Vorgehen  saarländische  Interessen.42  Ähnliches  gilt  für  die  Debatte
über  den  Beitritt  des  Saarlandes  zur  Aktionsgemeinschaft  deutscher  Steinkohlenreviere.
  Auch  hier  nutzte  die  Opposition  ihre  Chance,  den  Generalplan  als  Regierungsprogrammatik
  für  die  Legislaturperiode  in  seiner  Wirksamkeit  zu  hinterfragen.43  Dies
wurde  in  den  Kontext  der  Forderung  nach  einer  integrierten  Planung  für  die  Region
gestellt.44 45  Die  Bewältigung  der  regionalen  Folgen  der  Kohlekrise  -  ein  „wirtschaftliches
  Aushungern“  der  östlichen  Landesteile43  -  wurde  als  wichtigste,  vom  Generalplan
  nicht  zu  leistende  Aufgabe  einer  solchen  Planung  dargestellt.  Das  Fehlen  eines
umfassenden  Programms  zur  Industrieansiedlung  und  für  Werbemaßnahmen  dagegen
wurde  als  Ausdruck  einer  gegenüber  den  Großbetrieben  konservierend  wirkenden
Landespolitik  empfunden:  „Solange  die  Regierung  ein  solches  Programm  nicht
vorlegt,  besteht  der  begründete  Verdacht,  daß  ihre  eigentliche  Politik  von  handfesten
Interessengesichtspunkten  bestimmt  wird.“46

40  LTDS,  5.  WP,  Abt,  l,  22.  Sitzung  v.  21.7.66,  S.  506.
41  Fast  noch  deutlicher  rückte  Huthmacher  von  der  alten  Politik  ab,  indem  er  nicht  nur  die  Möglichkeit,
den  Kanal  zu  bauen,  als  „Illusion“  bezeichnete,  sondern  auch  die  Frage  aufwarf,  ob  dieser  Kanal  überhaupt
  regionalpolitisch  nützlich  wäre:  Schließlich  habe  man  in  Nordrhein-Westfalen  „eine  Reihe  von
Kanälen  ...  Trotzdem  ist  dort  die  Situation  genauso  schlecht  wie  unsere“,  ebd.,  S.  514f.  Im  direkten
Widerspruch  zu  dieser  Argumentation  erneuerte  das  Kabinett  -  möglicherweise  in  Reaktion  auf  die
vorangegangene  Landtagssitzung  -  Anfang  August  seinen  Beschluß,  Verhandlungen  mit  der  Hohen
Behörde  der  Montanunion  in  dieser  Frage  nicht  akzeptieren  zu  wollen  und  statt  dessen  den  Bund  zum
Kanalbau  aufzufordern,  vgl.  LASB  StK  1743,  Kabinettsprotokoll  v.  1.8.66.
42  Dieser  Punkt  hatte  bereits  den  Ministerpräsidenten  besonders  provoziert,  so  daß  er  zu  der  -  nicht  neuen
-  Argumentation  griff,  es  sei  weniger  auf  die  Politik  der  Landesregierung,  sondern  vielmehr  auf  das
ständige  Hinterfragen  durch  die  Opposition  zurückzufuhren,  daß  in  Bonn  und  Luxemburg  Unsicherheiten
über  die  Qualität  und  Funktion  der  verschiedenen  Kanal-  und  Tarifprojekte  entstanden  seien,  LTDS,  5.
WP,  Abt.  I,  22.  Sitzung  v.  21.7.66,  S.  510.
43  Auch  hier  reagierte  die  Landesregierung  mit  einer  teilweisen  Neufassung  ihrer  Position,  indem  sie  den
verzögerten  Beitritt  des  Saarlandes  mit  finanzpolitischen  Erwägungen  rechtfertigte.  Während  die  anderen
Länder  als  finanzstark  gelten  könnten,  sei  für  das  Saarland  -  auch  vor  dem  Hintergrund  seiner  Leistungen
in  der  Vergangenheit  -  Vorsicht  geboten,  damit  es  nicht  „über  seine  eigene  Leistungskraft  hinaus“
engagiert  würde,  LTDS,  5.  WP,  Abt.  I,  15.  Sitzung  v.  31.3.66,  S.  369.  Tatsächlich  war  die  Entscheidungsfindung
  im  Kabinett  über  den  Beitritt  an  die  definitive  -  und  schriftlich  gefaßte  -  Zusage  der  Bundesregierung
  gebunden,  weitere  finanzielle  Belastungen  für  den  Landeshaushalt  zu  vermeiden,  vgl.  LASB
StK  1743,  Kabinettsprotokoll  v.  29.11.66.
44  Vgl.  hierzu  auch  Karl  Guckelmus,  Sind  die  Ziele  des  Saar-Memorandums  erreichbar?,  in:  Die  Arbeitskammer.
  Zeitschrift  der  Arbeitskammer  des  Saarlandes  15  (1967),  S.  131-133.
45  So  Günther  Sahner  in:  LTDS,  5.  WP,  Abt.  1,  15.  Sitzung  v.  31.3.66,  S.  356.
46  So  Leo  Moser  in:  LTDS,  5.  WP,  Abt.  I,  13.  Sitzung  v.  9.3.66,  S.  311.  Dieser  Vorwurf  durchzieht  einen

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