2.1.2 Die Eskalation zur regionalen Wirtschaftskrise
Die strukturpolitischen Diskussionen des Jahres 1966 waren anfangs von einer
bundespolitischen Perspektive bestimmt. Im März 1966 begründete die SPD ihre
Forderung nach einer programmorientierten Strukturpolitik damit, daß aufgrund der
aktuellen Entwicklung nicht nur in der Geldpolitik, sondern auch in der Energiepolitik
auf „dirigistische Maßnahmen“ nicht mehr zu verzichten sei.24 Dabei wurde
nochmals der verspätete Beitritt zur Aktionsgemeinschaft deutscher Steinkohlenreviere
kritisiert.2' aber auch die Verschlechterung der konjunkturellen Lage wurde als
Ausdruck einer verfehlten, weil ergebnislosen Strukturpolitik dargestellt.26 30 Schrittweise
wurde in der geradezu ausufemden Debatte der folgenden Wochen und Monate
praktisch das ganze strukturpolitische Programm der Landesregierung in Frage
gestellt. Vollkommen unrealistisch erschien nun die Konzeption, die zum verzögerten
Beitritt des Saarlandes zur Aktionsgemeinschaft deutscher Steinkohlenreviere geführt
hatte. Daß die Ruhrindustrie zu einer weitergehenden Rücknahme ihrer Kohleförderung
bereit sein würde, weil sie die bereits früher vorgenommenen Anpassungsleistungen
der Saarbergwerke anerkenne, entspreche schlichtweg nicht den Prinzipien
der „sogenannten freien Marktwirtschaft“.2 Außerdem sei der Generalplan der
Saarbergwerke praktisch hinfällig, da er von einem 10%igen Anteil der Saarbergwerke
an einer nationalen Fördermenge von 140 Mio. t Kohle ausgegangen sei,2K wobei
die nun notwendigen Reduzierungen der Fördermenge zudem einen „Kaskadeneffekt“
auch auf die saarländische Stahlindustrie erwarten ließen.24
Vollends ins Kreuzfeuer der Kritik geriet die Politik der Landesregierung, als in einer
von der SPD-Fraktion beantragten Sondersitzung zur Kenntnis genommen werden
mußte, daß die Bundesregierung bei der Hohen Behörde der Montanunion die
Als-ob-Tarife als Ausnahmetarife beantragt hatte.'0 In einer ungewöhnlich heftigen
24 Karl Wolfskeil (SPD) führte aus: „Heute sieht es doch wohl so aus, daß man beispielsweise auf den
Gebieten der Energiepolitik und der Geldwertstabilität ohne dirigistische Maßnahmen nicht auskommen
wird.“ Daher sei bei der CDU eine „gewisse Götterdämmerung“ eingetreten, da früher „das Wort Planung
nicht erwähnt werden konnte, ohne daß die CDU und DPS fast einen Herzanfall erlitten“, LTDS, 5. WP,
Abt. I, 13. Sitzung v. 9.3.66, S. 260.
25 Manfred Zeiner (SPD) bezeichnete diesen Schritt als „Irreführung der Öffentlichkeit“, da eine auf
Eigenständigkeit aufbauende Strategie die umfangreichen Aufhaldungen nicht habe verhindern können,
LTDS, 5. WP, Abt. 1, 13. Sitzung v. 9.3.66, S. 268.
26 „Am System der Industrialisierung bzw. am Bestand der Betriebe in unserem Lande stimmt [...] doch
irgend etwas nicht“, wenn schon der ordentliche Haushalt zu 26% aus Mitteln des Finanzausgleichs
finanziert werden müsse, so Karl Heinz Schneider (SPD), in: ebd., S. 304.
7 „Aber Herr Kollege Feiler, wo leben wir denn? Wir leben doch in Ihrer sogenannten freien Marktwirtschaft.
Und bilden Sie sich doch nicht ein, daß die Ruhr ihre Förderung nur deswegen zurücknehmen
wird, damit wir an der Saar keine Feierschichten mehr bekommen.“, so Manfred Zeiner (SPD) in: LTDS,
5. WP, Abt. I, 15. Sitzung v. 31.3.66, S. 366.
28 LTDS, 5. WP, Abt. 1,15. Sitzung v. 31.3.66, S. 358.
29 LTDS, 5. WP, Abt. 1, 20. Sitzung v. 12.7.66, S. 456.
30 Vgl. hierzu Ress, Wettbewerbstarife, S. 343. Die Hohe Behörde folgte in ihrer Genehmigung der
Ausnahmetarife am 20.7.66 der Begründung der Bundesregierung, die diese als Unterstützungstarife für
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