Full text : Das Saarland im doppelten Strukturwandel 1956 - 1970

blem  des  Saar-Pfalz-Kanals  im  Rahmen  der  Generaldebatte  um  die  zukünftige  Politik
im  Saarland  „ersparen“  zu  können,  da  diese  an  anderer  Stelle  der  Tagesordnung  noch
einmal  aufgenommen  würde."1
In  dieser  Situation  gestaltete  sich  der  Aufbau  einer  erfolgversprechenden,  harten
Oppositionslinie  recht  schwierig.  Es  ist  durchaus  signifikant,  daß  ausgerechnet  dem
Parlamentsneuling  Wilhelm  Silvanus  die  Aufgabe  zufiel,  ausgehend  von  dem  bereits
vorher  in  der  Debatte  erwähnten  Zurückbleiben  des  Saarlandes  während  der  Stagnationskrise
  die  grundlegende  Kritik  am  Regierungskonzept  Röders  zu  pointieren."
Allerdings  wurde  diese  Argumentation  von  den  folgenden  Rednern  nur  teilweise
aufgenommen;  vielmehr  entwickelte  sich  eine  Diskussion,  inwieweit  die  in  der  letzten
Legislaturperiode  erreichten  Industrieansiedlungen  ausreichend  waren,  wobei  die
Vertreter  der  neuen  und  alten  Regierungsmehrheit  mit  dem  Hinweis  auf  die  Zahl  der
geschaffenen  Arbeitsplätze  und  dem  immerhin  gestiegenen  Bruttosozialprodukt  gute
Argumente  einbringen  konnten."’  Der  CDU-Seite  bot  sich  auch  die  Chance,  ihre  als
planungsfeindlich  negativ  besetzte  Konzeption  des  Vorrangs  freier  Unternehmertätigkeit
  vor  staatlicher  Planung  positiv  darzustellen.  In  der  Diskussion  über  Verzögerungen
  bei  der  Einführung  der  Als-ob-Tarife  konnte  der  Wirtschaftsminister  die  Landesregierung
  sogar  von  der  Verantwortlichkeit  in  der  Kanalfrage  entbinden.1'
Diese  Schwierigkeiten  der  Opposition,  gegenüber  der  maßgeblich  von  Franz  Josef
Röder  geprägten  Strategie  eine  Linie  zu  finden,  ist  als  eine  Erklärung  für  den  konfusen
  Verlauf  der  weiteren  strukturpolitischen  Debatte  anzusehen.  Auch  in  den  folgenden
  Monaten  gelang  es  nur  sehr  begrenzt,  eine  widerspruchsfreie  Sicht  auf  die  Strukturprobleme
  zu  entwickeln  oder  die  Regierung  anhand  konkreter  Maßnahmen  in  ihrer

10  Kurt  John  (FDP/DPS)  in  ebd.,  S.  34.
11  Silvanus  bezeichnete  die  Regierungserklärung  als  „Stoffsammlung  ...  quer  durch  den  Garten“,  der  es  an
innerer  Kohäsion  und  Zielausrichtung  fehle.  Unter  ausdrücklichem  Bezug  auf  „die  Gutachter“  und  den
von  wissenschaftlicher  Seite  langfristig  prognostizierten  Fehlbestand  an  Arbeitsplätzen  bewertete  er  den
„Neckermann-Katalog“  der  Regierung  als  nicht  ausreichend  zur  Bewältigung  der  sich  abzeichnenden
Strukturprobleme.  Ebd.,  S.  45f.
■  Harsche  Kritik  fand  dabei  die  Röder’sche  Formel  vom  „mörderischen  Kampf'  der  Industrien  um
Arbeitsplätze,  vgl.  auch  Die  saarländische  Industrie  im  Jahr  1964,  in:  Die  Arbeitskammer.  Zeitschrift  der
Arbeitskammer  des  Saarlandes  13  (1965),  S.  277-283.  Interessant  an  diesem  Aufsatz  ist  besonders,  daß
angesichts  der  sich  andeutenden  Probleme  der  Wirtschaft  die  auch  in  diesem  Blatt  im  Vorjahr  noch
vertretene  Formel  vom  „Anschluß  [an  die  BRD]  gefunden“  revidiert  w  urde.  Tatsächlich  neigte  sogar  einer
der  Gutachter  1965  noch  dazu,  von  einer  übereilten  Ansiedlungspolitik  eher  abzuraten:  „Die  Gefahr  einer
Strukturkrise  der  Saarwirtschaft  ist  nicht  so  groß,  daß  es  darauf  ankäme,  jedem  Ansiedlungswilligen  die
Arbeitskraftreserven  der  Region  anzubieten,  gleichviel  ob  von  ihm  Impulse  erwartet  werden  können,  die
auf  eine  Mobilisierung  der  spontanen  Wachstumskräfte  des  Landes  hinw  irken  oder  nicht.“  Vgl.  Manfred
Streit,  Probleme  einer  Wachstums-  und  Strukturpolitik  im  Saarland,  in:  Mitteilungen  der  Industrie-  und
Handelskammer  des  Saarlandes  21  (1965),  S.  406-408,  hier:  S.  408;  und  auch  die  für  die  Ansiedlungspolitik
  Verantwortlichen  zogen  noch  bis  in  das  Jahr  1966  eine  günstige  Bilanz  der  Ansiedlungstätigkeit
„der  letzten  25  Jahre“,  vgl.  Josef  Even,  Zur  Industrieansiedlung  im  Saarland,  in:  Mitteilungen  der
Industrie-  und  Handelskammer  des  Saarlandes  22  (1966),  S.  799-800.
13 „Der  Bau  des  Saar-Pfalz-Kanals  ist  eine  Angelegenheit  der  Bundesregierung,  nicht  der  Landesregierung,“,
  LTDS,  5.  WP,  Abt.  1,  4.  Sitzung  v.  23.7.65,  S.  51,  Zitat  ebd.,  S.  70.

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