Full text : Das Saarland im doppelten Strukturwandel 1956 - 1970

vor.  Als  wichtigste  Ziele  formulierte  er  die  „Herstellung  [von]  gleichwertigen  Lebensverhältnissen
  in  Stadt  und  Land“  sowie  die  „wirtschaftliche  und  kulturelle  Verflechtung
  unseres  Landes  mit  den  Nachbargebieten  im  Zuge  der  großräumigen
europäischen  Integration,  um  das  Land  zu  einem  Kernland  im  Montandreieck  zu
machen“.'1  Mit  dieser  Formel  versuchte  der  Regierungschef,  die  drei  von  ihm  genannten
  Einzelbereiche  saarländischer  Strukturpolitik  zu  integrieren,  nämlich  „nachhaltige“
  Unterstützung  des  Generalplans  der  Saarbergwerke,  Schaffung  neuer  Arbeitsplätze
  zum  Ausgleich  der  erwarteten  Strukturveränderungen  und  Bevölkerungsbewegung
  sowie  Schutz  bestehender  Industrien  vor  einem  „mörderischen  Kampf1  um
Arbeitsplätze.  Gleichzeitig  vermied  er  dadurch  eine  Fixierung  der  weiteren  Debatte
auf  das  von  ihm  gleichzeitig  angekündigte  „längerfristige  Landesprogramm“.
Diese  Strategie  erwies  sich  in  den  folgenden  Monaten  teilweise  als  erfolgreich.
Obwohl  die  Regierungserklärung  gerade  keine  einheitliche,  von  Regierungsseite
anhand  regionalpolitischer  Zieldefinitionen  entwickelte  Programmplanung  enthielt,
machte  der  Oppositionsführer  seine  Antwort  auf  diese  Regierungserklärung  an  der
wohl  süffisant  gemeinten  Bemerkung  fest,  die  CDU  habe  hinsichtlich  der  Frage  nach
planerischer  Politik  viel  von  der  SPD  gelernt  und  weite  Teile  der  SPD-Forderungen
aus  der  Vergangenheit  übernommen.  Und  auch  das  Stichwort  der  regionalen  grenzüberschreitenden
  Zusammenarbeit  fand  sofort  Beachtung.  Offensichtlich  überforden
mit  dieser  Wendung  in  der  Regierungspolitik,  welche  die  bisher  stets  betonte  Konfliktstellung
  zum  als  Konkurrenten  verstandenen  Nachbarn  ablöste,  reagierte  die
Fraktionsführung  der  SPD  mit  pauschaler  Ablehnung  dieses  als  „Hochmut“  und
allenfalls  im  Zusammenhang  mit  der  ersten  Strophe  des  Deutschlandlieds  zu  verstehenden
  Projekts.6 8 9  Als  Ergebnis  der  Regierungserklärung  hielt  der  Vorsitzende  der
Mehrheitsfraktion  dagegen  fest,  daß  die  Landesregierung  die  Strukturprobleme  der
Vergangenheit  in  ihrer  ganzen  Breite  aufgenommen  und  gestaltet  habe,  wobei  er
besonders  die  gute  Kooperation  mit  dem  Bund  als  beispielhaft  darstellte.''  Und
schließlich  glaubte  der  Vertreter  der  FDP/DPS  sogar,  sich  Ausführungen  zum  Pro¬6
 LTDS,  5.  WP,  Abt.  I,  2.  Sitzung  v.  19.7.65,  S.  7.  In  der  Selbstdarstellung  der  Regierung  gegenüber  der
Öffentlichkeit  hatte  dieser  Zug  bereits  vor  den  Landtagswahlen  1965  eine  immer  wichtigere  Rolle
gespielt,  vgl.  Saarland,  Der  Chef  der  Staatskanzlei,  Saarwirtschaft  im  Montandreieck  -  Gemeinsamer
Markt.  Informationstagung  für  Wirtschaftsredakteure  vom  13.  bis  18.  Dezember  1964,  Saarbrücken  1965.
LTDS,  5.  WP,  Abt.  I,  2.  Sitzung  v.  19.7.65,  S.  12  und  S.  7.  Dies  war  wohl  ein  Reflex  auf  die  in  der
Anfangsphase  der  Strukturdebatte  erworbene  Erfahrung,  als  die  Ankündigung  von  Entwicklungsplänen
der  Opposition  die  Chance  geboten  hatte,  deren  Aufstellung  und  Diskussion  zu  verlangen.  Vgl.  hierzu  die
heftige  Debatte  in:  LTDS,  4.  WP,  Abt.  I,  27.  Sitzung  v.  7.1  1.62,  S.  1040,  in  der  sich  Huthmacher  gegen
den  Vorwurf  von  „Plänen  in  der  Schublade“  wehren  mußte.
s  Kurt  Conrad  führte  aus,  daß  er  sich  noch  an  Zeiten  erinnern  könne,  „wo  man  Wörter  wie  Programm,
Vorausschau,  Planung  nicht  in  den  Mund  nehmen  konnte,  ohne  daß  jemand  von  der  CDU-Fraktion
herbeigeeilt  ist  und  erklärt  hat,  wie  verderblich  solche  Programme,  Planungen  usw.  seien.“,  LTDS,  5.  WP,
Abt.  I,  4.  Sitzung  v.  23.7.65,  S.  29  und  S.  32.
9 Die  Landesregierung  hat  „dem  föderalistischen  Aufbau  der  Bundesrepublik  entsprechend,  über  den
Funktionsbereich  des  Landes  hinaus  maßgeblichen  Einfluß  auf  die  Gestaltung  der  gesamten  Politik"
genommen,  ebd.,  S.  27.

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