Full text : Das Saarland im doppelten Strukturwandel 1956 - 1970

2  Krisenerfahrung  und  Strukturdebatte  im  saarländischen  Landtag
2.1  Der  Weg  in  die  Krise
2.1.1  Das  Scheitern  der  Stabilisierungsversuche
Nachdem  die  Regierungskoalition  von  CDU  und  DPS  aus  der  Landtagswahl  des
Jahres  1965  als  Sieger  hervorgegangen  war,  versuchte  die  neugewählte  Landesregierung,
  ihre  zwischenzeitlich  besonders  durch  die  Kanal-Frage  gefährdete  Position
in  der  regionalpolitischen  Debatte  zu  stabilisieren.  Dazu  nutzte  Franz  Josef  Röder  die
in  der  Geschäftsordnung  des  Landtags  verankerte  spezielle  Funktion  von  Regierungserklärungen,
  durch  die  in  der  Vergangenheit  der  weitere  Verlauf  von  Debatten  oft
weitgehend  vorstrukturiert  werden  konnte.1  Insbesondere  von  den  jeweils  ersten
Regierungserklärungen  nach  Wahlen  konnte  zusätzlich  erwartet  werden,  daß  der
Ministerpräsident  grundsätzliche  Aussagen  zu  seinem  Regierungskonzept  traf,  auf
deren  Basis  die  Führung  der  Regierungsgeschäfte  entwickelt  werden  sollte.  Üblicherweise
  reflektierten  diese  Teile  von  Regierungserklärungen  programmatische  Aussagen
  der  Regierungspartei(en)  vor  der  Wahl  oder  im  Rahmen  von  Koalitionsverhandlungen
  fixierte  Programmpunkte.2  Für  den  Regierungsstil  von  Franz  Josef  Röder
war  es  typisch,  daß  er  dabei  versuchte,  bestimmte  Sichtweisen  auf  die  saarländische
Gegenwart  und  vor  allem  auf  die  Vergangenheit  in  Form  von  normativ  gefaßten
Grundsatzaussagen  in  die  weiteren  Debatten  einzubringen.
1  Wie  bereits  an  anderer  Stelle  erwähnt,  hatte  Franz  Josef  Röder  dieses  Mittel  bereits  zu  Beginn  der
vorangegangenen  Legislaturperiode  mit  Erfolg  eingesetzt,  vgl.  LTDS,  4.  WP,  Abt.  I,  3.  Sitzung  v.  17.1.61,
S.  16ff.  Unmittelbar  nach  der  Neukonstituierung  des  Landtags  nach  der  Volksabstimmung  hatte  Hubert
Ney  eine  durchaus  ähnliche  Strategie  verfolgt:  Seine  Regierungserklärung  war  damals  von  der  problematischen
  Regierungsbildung  sowie  den  anlaufenden  Verhandlungen  um  den  Saarvertrag  gekennzeichnet;
trotzdem  war  es  ihm  gelungen,  weite  Teile  der  parlamentarischen  Debatte  vorzustrukturieren  und  insbesondere
  den  Konflikt  zwischen  Heimatbund  und  den  früheren  Verfechtern  der  Teilautonomie  zu
kanalisieren,  LTDS,  3.  WP,  Abt.  I,  2.  Sitzung  v.  10.1.56,  S.  16ff.  Eine  echte  Ausnahme  stellte  dagegen  die
erste  Regierungserklärung  von  Egon  Reinert  dar,  auf  die  überhaupt  keine  Debatte  folgte;  LTDS,  3.  WP,
Abt.  I,  37.  Sitzung  v.  12.6.57,  S.  1051  ff.  Dagegen  folgte  auf  dessen  Regierungserklärung  nach  seiner
zweiten  Wahl  anderthalb  Jahre  später  sehr  wohl  eine  -  diesmal  sogar  besonders  leidenschaftliche  -  Debatte,
  die  zweifellos  auch  deshalb  für  die  regierungstragenden  Fraktionen  so  problematisch  war,  weil  die
Rede  des  Regierungschefs  auf  eine  Vorstrukturierung  praktisch  verzichtet  hatte;  vgl.  LTDS,  3.  WP,  Abt.
I,  63.  Sitzung  v.  3.3.59,  S.  1743ff.
2  ln  den  Ländern  waren  schriftliche  Koalitionsverträge  bis  in  die  60er  Jahre  hinein  allgemein  unüblich,
vgl.  Jun,  Koalitionsbildung,  S.  26,  während  auf  Bundesebene  erstmals  im  Jahr  1961  ein  solcher  Vertrag
geschlossen  wurde,  vgl.  Wolfgang  F.  Dexheimer,  Koalitionsverhandlungen  in  Bonn.  Zur  Willensbildung
bei  Regierungsneubildungen  in  den  Jahren  1961,  1965  und  1969,  Bonn  1973.  Moser-Praefcke,  Regierungsbildung,
  weist  daraufhin,  daß  im  Saarland  erstmal  in  der  7.  Wahlperiode  ein  schriftlicher  Vertrag
die  Grundlage  einer  Regierungsbildung  darstellte.  Gleichwohl  hatte  bereits  im  Jahr  1959  offensichtlich
eine  differenzierte  und  programmatische  Koalitionsvereinbarung  bestanden,  vgl.  LTDS,  3.  WP,  Abt.  I,  63.
Sitzung  v.  3.3.59,  S.  1756ff.,  deren  Inhalt  als  öffentlich  bekannt  vorausgesetzt  werden  konnte  und  die
auch  Anlaß  für  Auseinandersetzungen  im  Parlament  bot.  Inwieweit  die  Regierungsbildung  in  der  5.
Wahlperiode  auf  mündlich  festgelegten  Koalitionsvereinbarungen  beruhte,  die  über  personelle  Fragen
hinausgingen,  konnte  nicht  geklärt  werden;  jedenfalls  wehrte  sich  die  FDP/DPS-Fraktion  massiv  gegen
die  Darstellung,  die  in  der  Regierungserklärung  vorgetragenen  Ansätze  stellten  ein  reines  CDU-Programm
dar,  vgl.  LTDS,  5.  WP,  Abt.  I,  4.  Sitzung  v.  23.7.65,  S.  34.

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