Full text : Das Saarland im doppelten Strukturwandel 1956 - 1970

tankem.12  Dementsprechend  ging  Müller  davon  aus,  daß  bis  1980  durch  das  von  ihm
noch  erwartete  Bevölkerungswachstum  und  vor  allem  durch  die  Schrumpfung  des
Montankerns  nicht  weniger  als  120.000  Arbeitsplätze  im  Saarland  fehlen  würden.
Dies,  so  Müller,  würde  tiefgreifende  -  auch  wirtschaftliche  -  Entleerungstendenzen  in
der  Region  auslösen,  die  zu  verhindern  ökonomisch  sinnvoll  sei.12,4  Dabei  sollte  diese
Verhinderungsstrategie  auf  der  durch  die  prognostizierte  mittelfristige  Verfügbarkeit
von  Arbeitskräften  auibauen  und  eine  „Auflockerung“  der  Wirtschaftsstruktur  durch
die  Ansiedlung  von  montanfremden  Industrien,  die  aber  mit  dem  Montankern  doch
verflochten  sein  sollten,  aufbauen.  Eine  ausführliche  Analyse  aller  in  Frage  kommenden
  Branchen  führte  Müller  zu  der  Vorstellung,  daß  hierbei  vor  allem  die  weiterverarbeitende
  Industrie  und  die  Petrochemie  zu  fördern  sich  als  sinnvoll  würde  erweisen
können.127 129
Die  Frage  nach  der  Implementierung  seiner  Prognosen  in  der  Regionalpolitik  bearbeitete
  Müller  nur  sehr  zurückhaltend.  Er  gelangte  zwar  zu  einer  eindeutig  negativen
  Bewertung  des  Einflusses  nationaler  Politik  -  insbesondere  der  Grenzverschiebungen
  -  auf  die  regionalen  Entwicklungspotentiale  und  sah  in  den  frühen  Ansiedlungserfolgen
  nach  der  Eingliederung  gleichermaßen  Anzeichen  für  gelungene
Maßnahmen  zur  Auflockerung  der  Industriestruktur.  Primär  war  sein  Gesichtspunkt
aber  auf  konkrete  Rückwirkungen  auf  die  europäische  Politik  bestimmt:  Insbesondere
die  bereits  zitierte  skeptische  Einschätzung  der  regionalen  Effekte  von  Frachtsubventionen
  als  De-facto-Erhaltungssubventionen  und  seine  pointiert  vorgetragene  Forderung,
  die  saarländische  Montanindustrie  müsse  für  die  Zukunft  sinnvollerweise  aus
dem  Kreis  förderungswürdiger  Industrien  ausscheiden,  verdeutlichen  dies.
Im  Konzept  durchaus  ähnlich  gestaltete  sich  das  Gutachten  von  Gerhard  Isenberg,
das  -  in  mehreren  Einzelteilen  bereits  seit  1963  in  Arbeit  -  seine  Ergebnisse  mit  denen
der  anderen  Gutachter  konfrontierte.1311  Auch  Isenberg  sah  in  der  demographischen
Entwicklung  sowie  in  der  prognostizierten  Freisetzung  von  Arbeitskräften  durch  die
Schwerindustrie  einen  gewissen  Standortvorteil  der  Region,  der  aber  durch  die  in
mehrerer  Hinsicht  „isolierte“1-’1  Lage  der  Saarwirtschaft  überkompensiert  zu  werden
drohte.  Daher  gelangte  Isenberg  zu  einer  sehr  skeptischen  Bewertung  der  regionalen
Wirtschaftsstruktur.  Der  hohe  Anteil  von  in  Beschaffung  oder  Absatz  raumgebundenen
  Industrien  im  Saarland  stellte  geradezu  einen  Kontrast  zu  derjenigen  der  wachstumsstarken
  Region  Württemberg-Hohenzollern  dar.132  Isenberg  sah  daher  die  besten

127  Ebd.,  S.  112ff.
128  Ebd.,  S.  144.
129  Ebd.,  S.  157ff.
130  Gerhard  Isenberg,  Die  künftige  Entwicklung  der  Existenzgrundlagen  des  Saarlandes  und  deren
räumliche  Auswirkungen,  Saarbrücken  1968,  hier:  Vorbemerkung.  Isenberg  übernahm  in  diesem  Zeitraum
einen  Lehrstuhl  für  Raumordnung  und  Landesplanung  an  der  TH  Stuttgart  und  arbeitete  später  in  der
Akademie  für  Raumforschung  und  Landesplanung.
131  Ebd.,  S.  24.
132  Ebd.,  S.  78.

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