Full text : Das Saarland im doppelten Strukturwandel 1956 - 1970

Unter  diesen  Gutachten  nimmt  dasjenige  von  Olaf  Sievert  und  Manfred  Streit  nicht
nur  in  der  Chronologie  den  ersten  Platz  ein,  sondern  zeichnete  sich  auch  durch  seinen
engen  Bezug  zur  ersten  Phase  des  Gutachterstreits  aus  -  es  wurde  unter  anderem  von
der  Stadt  Saarbrücken  in  Auftrag  gegeben.  108  Dieses  Gutachten  gelangte  unter  anderem
  zu  dem  Ergebnis,  daß  eine  stärkere  Förderung  der  Stadt  Saarbrücken  als  zentraler
Agglomeration  des  Saarlandes  positive  Auswirkungen  auf  die  ganze  Region  würde
haben  können.109  Recht  skeptisch  äui3erte  sich  das  Gutachten  jedoch  hinsichtlich  der
Zukuntisaussichten  des  Montankerns.  Die  zu  erwartende  ungünstige  Entwicklung  des
Steinkohlenbergbaus  und  die  sich  abzeichnende  weitere  Belastung  der  Eisen-  und
Stahlindustrie  durch  Standortkostennachteile  lege,  so  der  Gedankengang,  eine  Strategie
  nahe,  die  bei  weitgehendem  Verzicht  auf  Subventionen  die  Zukunft  in  einer
Umstrukturierung  der  regionalen  Wirtschaft  sucht.110
Überhaupt  gewichteten  die  beiden  Gutachter  die  Auswirkungen  politischer  Einflüsse
auf  die  Saarwirtschaft  und  insbesondere  das  dadurch  zu  erklärende  Fehlen  einer  guten
Verkehrsanbindung  besonders  stark.1"  Dies  wurde  als  Hindernis  für  die  an  sich
wünschenswerte  und  naheliegende  Weiterentwicklung  der  dem  Montankern  verbundenen
  Sektoren  verstanden.  Die  bereits  im  Generalplan  der  Saarbergwerke  AG
vorgeschlagene  Konzeption  zur  Diversifizierung  -  besonders  der  Ausbau  der  Petrochemie
  -,  aber  auch  die  Möglichkeit  der  Ansiedlung  von  dem  Montanbereich  immerhin
  nahestehenden  Branchen  wie  z.B.  der  Automobilindustrie  wurde  jedoch  als  mit
staatlicher  Förderung  realisierbar  und  dann  auch  sinnvoll  eingeschätzt.  Dementsprechend
  optimistisch  fiel  die  grundsätzliche  Beurteilung  der  Wirtschaftsregion
aus:11  Die  regionalen  Probleme  seien  primär  Probleme  des  Montanbereiches;  die
Sonderregelungen  der  Übergangszeit  dagegen  hatten  in  der  jüngsten  Vergangenheit
eine  hohe  Anziehungskraft  des  Standortes  Saarland  für  andere  Branchen  hersteilen
können.  Die  standortlordernden  Aktivitäten  der  saarländischen  Stellen  seien  demgegenüber
  als  zu  gering  einzuschätzen.113
Ein  prinzipiell  durchaus  ähnliches  Konzept  verfolgte  das  ebenfalls  auf  „Anregung“
der  Stadt  Saarbrücken  erstellte  Gutachten  von  Bruno  Tietz."4  Auch  dieses  betonte  die

108  Olaf  Sievert  u.  Manfred  Streit,  Entwicklungsaussichten  der  Saarwirtschaft  im  deutschen  und  westeuropäischen
  Wirtschaftsraum,  Saarbrücken  1964.  Sievert  war  nach  seiner  wissenschaftlichen  Ausbildung
im  Saarland  ab  1965  über  15  Jahre  hinweg  Mitglied  des  Sachverständigenrates  zur  Begutachtung  der
gesamtwirtschaftlichen  Entwicklung  der  Bundesregierung.  An  der  saarländischen  Strukturpolitik  war  er  als
Mitglied  der  an  anderer  Stelle  dieser  Arbeit  noch  zu  besprechenden  Strukturkommission  des  Ministerpräsidenten
  auch  nach  seiner  Gutachtertätigkeit  beteiligt.  Vgl.  Munzinger  Archiv  der  Gegenwart  50/98.
109  Ebd.,  S.  268.
110  Ebd.,  S.991T.
111  Ebd.,  S.  9-88.
112  Ebd.,  S.  150-231.  Sehr  deutlich  hierzu  auch:  Manfred  Streit,  Probleme  einer  Wachstums-  und  Strukturpolitik
  im  Saarland,  in:  Mitteilungen  der  Industrie-  und  Handelskammer  des  Saarlandes  21  (1965),
S.  406-408.
113  Sievert  u.  Streit,  Entwicklungsaussichten,  S.  251  ff.
114  Tietz,  Teilräume.  Das  Gutachten  ist  binnen  weniger  Monate  in  einer  zweiten  Auflage  erschienen:  Tietz,
            
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