Unter diesen Gutachten nimmt dasjenige von Olaf Sievert und Manfred Streit nicht
nur in der Chronologie den ersten Platz ein, sondern zeichnete sich auch durch seinen
engen Bezug zur ersten Phase des Gutachterstreits aus - es wurde unter anderem von
der Stadt Saarbrücken in Auftrag gegeben. 108 Dieses Gutachten gelangte unter anderem
zu dem Ergebnis, daß eine stärkere Förderung der Stadt Saarbrücken als zentraler
Agglomeration des Saarlandes positive Auswirkungen auf die ganze Region würde
haben können.109 Recht skeptisch äui3erte sich das Gutachten jedoch hinsichtlich der
Zukuntisaussichten des Montankerns. Die zu erwartende ungünstige Entwicklung des
Steinkohlenbergbaus und die sich abzeichnende weitere Belastung der Eisen- und
Stahlindustrie durch Standortkostennachteile lege, so der Gedankengang, eine Strategie
nahe, die bei weitgehendem Verzicht auf Subventionen die Zukunft in einer
Umstrukturierung der regionalen Wirtschaft sucht.110
Überhaupt gewichteten die beiden Gutachter die Auswirkungen politischer Einflüsse
auf die Saarwirtschaft und insbesondere das dadurch zu erklärende Fehlen einer guten
Verkehrsanbindung besonders stark.1" Dies wurde als Hindernis für die an sich
wünschenswerte und naheliegende Weiterentwicklung der dem Montankern verbundenen
Sektoren verstanden. Die bereits im Generalplan der Saarbergwerke AG
vorgeschlagene Konzeption zur Diversifizierung - besonders der Ausbau der Petrochemie
-, aber auch die Möglichkeit der Ansiedlung von dem Montanbereich immerhin
nahestehenden Branchen wie z.B. der Automobilindustrie wurde jedoch als mit
staatlicher Förderung realisierbar und dann auch sinnvoll eingeschätzt. Dementsprechend
optimistisch fiel die grundsätzliche Beurteilung der Wirtschaftsregion
aus:11 Die regionalen Probleme seien primär Probleme des Montanbereiches; die
Sonderregelungen der Übergangszeit dagegen hatten in der jüngsten Vergangenheit
eine hohe Anziehungskraft des Standortes Saarland für andere Branchen hersteilen
können. Die standortlordernden Aktivitäten der saarländischen Stellen seien demgegenüber
als zu gering einzuschätzen.113
Ein prinzipiell durchaus ähnliches Konzept verfolgte das ebenfalls auf „Anregung“
der Stadt Saarbrücken erstellte Gutachten von Bruno Tietz."4 Auch dieses betonte die
108 Olaf Sievert u. Manfred Streit, Entwicklungsaussichten der Saarwirtschaft im deutschen und westeuropäischen
Wirtschaftsraum, Saarbrücken 1964. Sievert war nach seiner wissenschaftlichen Ausbildung
im Saarland ab 1965 über 15 Jahre hinweg Mitglied des Sachverständigenrates zur Begutachtung der
gesamtwirtschaftlichen Entwicklung der Bundesregierung. An der saarländischen Strukturpolitik war er als
Mitglied der an anderer Stelle dieser Arbeit noch zu besprechenden Strukturkommission des Ministerpräsidenten
auch nach seiner Gutachtertätigkeit beteiligt. Vgl. Munzinger Archiv der Gegenwart 50/98.
109 Ebd., S. 268.
110 Ebd., S.991T.
111 Ebd., S. 9-88.
112 Ebd., S. 150-231. Sehr deutlich hierzu auch: Manfred Streit, Probleme einer Wachstums- und Strukturpolitik
im Saarland, in: Mitteilungen der Industrie- und Handelskammer des Saarlandes 21 (1965),
S. 406-408.
113 Sievert u. Streit, Entwicklungsaussichten, S. 251 ff.
114 Tietz, Teilräume. Das Gutachten ist binnen weniger Monate in einer zweiten Auflage erschienen: Tietz,