Full text : Das Saarland im doppelten Strukturwandel 1956 - 1970

1.2 Konzeptionelle  Antworten  auf  die  regionale  Wirtschaftskrise
1.2.1 Die  Fortsetzung  des  saarländischen  Gutachterstreits
Allerdings  löste  die  regionale  Wirtschaftskrise  bereits  bei  den  Zeitgenossen  selber
konzeptionelle  Bemühungen  in  Politik  und  Wissenschaft  zu  ihrer  Überwindung  aus.
Eine  der  spektakulärsten  Äußerungen  stellte  dabei  sicherlich  das  von  der  Regierung
des  Saarlandes  im  Jahr  1967  publizierte  „Saar-Memorandum“  dar.10'  Darin  legte  die
Regierung  einen  Überblick  über  saarländische  Strukturprobleme  und  eine  fundamentale
  Re-Interpretation  ihrer  politischen  und  ökonomischen  Ursachen  vor.  Als  erstes  ist
die  Bewertung  der  Übergangszeit  nach  1955  zu  nennen:  Bereits  im  Vorwort  des
Memorandums  bezog  sich  der  Ministerpräsident  auf  die  nach  seiner  Meinung  aus  der
politisch-ökonomischen  Situation  der  Nachkriegszeit  resultierenden  Benachteiligungen
  des  Saarlandes,  die  -  so  der  entscheidende  Punkt  -  nach  Sicht  aller  an  den  Verhandlungen
  zum  Saarvertrag  Beteiligten  die  Etablierung  einer  wirtschaftlichen
Übergangszeit  nötig  gemacht  habe.  Allerdings,  so  Röder  weiter,  sei  die  zeitliche
Begrenzung  auf  nur  zweieinhalb  Jahre  ohne  eine  entsprechende  Anschlußregelung
ein  schwerwiegender  Fehler  gewesen.10*’  Des  weiteren  wurden  die  akuten  wirtschaftlichen
  Probleme  in  den  Zusammenhang  der  Frage  nach  der  Wirksamkeit  der  im  Zuge
der  Eingliederung  und  danach  eingesetzten  Förder-  und  Hilfsmaßnahmen  gestellt.
Zwar  wurde  weder  der  große  Umfang  dieser  Maßnahmen  geleugnet,  noch  deren
Wirksamkeit  grundsätzlich  in  Frage  gestellt;  das  Memorandum  versuchte  jedoch  mit
umfangreichen  Sozialproduktanalysen  nachzuweisen,  daß  das  Saarland  nach  der
Eingliederung  zwar  in  Deutschland  „Fuß  fassen“,  nicht  jedoch  mit  der  Bundesrepublik
  habe  „Schritt  halten“  können.10  Zur  Absicherung  dieser  Interpretation  verw  ies
das  Memorandum  auf  eine  ganze  Reihe  von  gutachterlichen  Äußerungen  über  den
Strukturwandel  und  die  jüngste  wirtschaftliche  Entwicklung  im  Saarland.  Diese
Gutachten  können  als  Fortsetzung  oder  zweite  Phase  des  bereits  erwähnten  „saarländischen
  Gutachterstreits“  verstanden  werden.

der  diesen  Wandel  in  der  Anforderung  an  die  Förderkonzeption  ebenfalls  vollzieht.  Interessant  ist  übrigens
der  Hinweis,  daß  die  neu  angesiedelten  Betriebe,  die  überdurchschnittlich  viele  Männer  beschäftigten,  eher
am  Rand  der  Industriezonen  angesiedelt  wurden,  wohingegen  die  Mehrzahl  der  auf  weibliche  Erwerbstätigkeit
  ausgerichteten  Ansiedlungsprojekte  räumlich  disloziert  erfolgte.  In  gewisser  Hinsicht  könnte  man
daher  davon  sprechen,  daß  die  Ansiedlungsmaßnahmen  zugunsten  der  ländlich  strukturierten  Gebiete  eine
nachgeholte  Industrialisierung  der  Frauen  im  Saarland  darstellten.
105  Regierung  des  Saarlandes  (Hg.),  Das  Saarland  10  Jahre  nach  seiner  Eingliederung  in  die  Bundesrepublik
  Deutschland,  Bilanz  und  Aufgaben.  Memorandum  der  Regierung  des  Saarlandes  vom  10.  April
1967,  Saarbrücken  1967.  Mit  dieser  Arbeit  griff  die  Landesregierung  auf  eine  bereits  in  der  frühen
Nachkriegszeit  etablierte  Tradition  von  in  Form  von  eigenständigen  Publikationen  gefaßten
(Regierungs-)Selbstbetrachtungen  des  Saarlandes  zurück:  Regierung  des  Saarlandes  (Hg.),  Das  Saarland.
Memorandum  der  Regierung  des  Saarlandes,  1.  Aufl.  Saarbrücken  1949,  2.  Aufl.  Saarbrücken  1952,  3.
Aufl.  Saarbrücken  1953,  sowie:  dies.  (Hg.),  Memorandum  der  Regierung  des  Saarlandes  an  die  Bundesregierung
  vom  13.  November  1957,  Saarbrücken  1957.
106  Regierung  des  Saarlandes  (Hg.),  Saarland,  S.  5.
107  Ebd.,  S.  24.

310
            
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.