1.2 Konzeptionelle Antworten auf die regionale Wirtschaftskrise
1.2.1 Die Fortsetzung des saarländischen Gutachterstreits
Allerdings löste die regionale Wirtschaftskrise bereits bei den Zeitgenossen selber
konzeptionelle Bemühungen in Politik und Wissenschaft zu ihrer Überwindung aus.
Eine der spektakulärsten Äußerungen stellte dabei sicherlich das von der Regierung
des Saarlandes im Jahr 1967 publizierte „Saar-Memorandum“ dar.10' Darin legte die
Regierung einen Überblick über saarländische Strukturprobleme und eine fundamentale
Re-Interpretation ihrer politischen und ökonomischen Ursachen vor. Als erstes ist
die Bewertung der Übergangszeit nach 1955 zu nennen: Bereits im Vorwort des
Memorandums bezog sich der Ministerpräsident auf die nach seiner Meinung aus der
politisch-ökonomischen Situation der Nachkriegszeit resultierenden Benachteiligungen
des Saarlandes, die - so der entscheidende Punkt - nach Sicht aller an den Verhandlungen
zum Saarvertrag Beteiligten die Etablierung einer wirtschaftlichen
Übergangszeit nötig gemacht habe. Allerdings, so Röder weiter, sei die zeitliche
Begrenzung auf nur zweieinhalb Jahre ohne eine entsprechende Anschlußregelung
ein schwerwiegender Fehler gewesen.10*’ Des weiteren wurden die akuten wirtschaftlichen
Probleme in den Zusammenhang der Frage nach der Wirksamkeit der im Zuge
der Eingliederung und danach eingesetzten Förder- und Hilfsmaßnahmen gestellt.
Zwar wurde weder der große Umfang dieser Maßnahmen geleugnet, noch deren
Wirksamkeit grundsätzlich in Frage gestellt; das Memorandum versuchte jedoch mit
umfangreichen Sozialproduktanalysen nachzuweisen, daß das Saarland nach der
Eingliederung zwar in Deutschland „Fuß fassen“, nicht jedoch mit der Bundesrepublik
habe „Schritt halten“ können.10 Zur Absicherung dieser Interpretation verw ies
das Memorandum auf eine ganze Reihe von gutachterlichen Äußerungen über den
Strukturwandel und die jüngste wirtschaftliche Entwicklung im Saarland. Diese
Gutachten können als Fortsetzung oder zweite Phase des bereits erwähnten „saarländischen
Gutachterstreits“ verstanden werden.
der diesen Wandel in der Anforderung an die Förderkonzeption ebenfalls vollzieht. Interessant ist übrigens
der Hinweis, daß die neu angesiedelten Betriebe, die überdurchschnittlich viele Männer beschäftigten, eher
am Rand der Industriezonen angesiedelt wurden, wohingegen die Mehrzahl der auf weibliche Erwerbstätigkeit
ausgerichteten Ansiedlungsprojekte räumlich disloziert erfolgte. In gewisser Hinsicht könnte man
daher davon sprechen, daß die Ansiedlungsmaßnahmen zugunsten der ländlich strukturierten Gebiete eine
nachgeholte Industrialisierung der Frauen im Saarland darstellten.
105 Regierung des Saarlandes (Hg.), Das Saarland 10 Jahre nach seiner Eingliederung in die Bundesrepublik
Deutschland, Bilanz und Aufgaben. Memorandum der Regierung des Saarlandes vom 10. April
1967, Saarbrücken 1967. Mit dieser Arbeit griff die Landesregierung auf eine bereits in der frühen
Nachkriegszeit etablierte Tradition von in Form von eigenständigen Publikationen gefaßten
(Regierungs-)Selbstbetrachtungen des Saarlandes zurück: Regierung des Saarlandes (Hg.), Das Saarland.
Memorandum der Regierung des Saarlandes, 1. Aufl. Saarbrücken 1949, 2. Aufl. Saarbrücken 1952, 3.
Aufl. Saarbrücken 1953, sowie: dies. (Hg.), Memorandum der Regierung des Saarlandes an die Bundesregierung
vom 13. November 1957, Saarbrücken 1957.
106 Regierung des Saarlandes (Hg.), Saarland, S. 5.
107 Ebd., S. 24.
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