Full text : Das Saarland im doppelten Strukturwandel 1956 - 1970

ausgelösten  Ansiedlungsbooms  eintretende  Stagnation  bei  den  Ansiedlungserfolgen,
die  im  Gegensatz  zum  Rest  der  Bundesrepublik  selbst  im  Zwischenboom  der  Jahre
1964/65  kaum  noch  positive  Impulse  erfuhr  -  übrigens  ein  weiterer  Beleg  für  die
schwache  Partizipation  der  ungünstig  strukturierten  Region  an  nationalen  Aufschwungtendenzen.
  1(11  Andererseits  wurde  aber  auch  klar,  daß  die  angestrebte  Konzentration
  der  Förderpolitik  auf  Räume  außerhalb  der  bestehenden  Verdichtungsräume
  offenbar  erreicht  worden  war.  Besonders  stark  profitierten  vor  allem  die
Landkreise  St.  Wendel,  Saarlouis  und  Homburg  von  den  neu  angesiedelten  Betrieben,
von  den  Stillegungen  von  Betrieben  waren  dagegen  besonders  die  alten  Industrieverdichtungszonen
  des  Kreises  Ottweiler,  des  Gebiets  um  Saarbrücken,  aber  auch
Teile  des  Landkreises  Homburg  betroffen.101 102
Bis  zum  Jahr  1973  hatte  sich  diese  Entwicklung  soweit  herauskristallisiert,  daß  eine
Analyse  der  Industrie-  und  Handelskammer  die  Landkreise  Saarbrücken,  Saarbrücken-Land
  und  Ottweiler  eindeutig  zu  „Verlierern  des  Strukturwandels“  erklären
konnte.103  Dadurch  wurde  klar,  daß  die  Industrieansiedlungen  den  negativen  Effekt
des  Strukturwandels  im  Landesdurchschnitt  nicht  nur  nicht  kompensieren  konnten,
sondern  daß  von  den  strukturverbessernden  Maßnahmen  gerade  die  vorher  bereits
ausgewogener  strukturierten  Kreise  profitiert  haben.  Allerdings  haben  die  Ansiedlungen
  die  frühere  Verteilung  in  den  alten  Industriezonen  nur  zum  Rand  hin  verschoben,
  nicht  völlig  verlagert,  besonders  wenn  man  die  über  einen  längeren  Zeitraum
  hinweg  stabilen  Betriebe  betrachtet.  Daher  forderte  man  für  die  Zukunft  eine
Abkehr  von  der  flächendeckenden  Förderung  hin  zu  einer  Förderung  entlang  der
Industrieachsen  -  und  damit  eine  grundsätzliche  Umkehr  der  Anfang  der  60er  Jahre
von  der  allgemeinen  Wirtschaftspolitik  entwickelten  Förderkonzeption.104

101  Bundesministerium  für  Arbeit  und  Sozialordnung  (Hg.),  Die  Standortwahl  der  Industriebetriebe  in  der
Bundesrepublik  Deutschland  und  Berlin  (West).  Neuerrichtete,  verlagerte  und  stillgelegte  Industriebetriebe
in  den  Jahren  1970  und  1971,  Bonn  1975,  S.  18.  Die  Studie  kommt  zu  dem  Ergebnis,  daß  tur  die  Jahre
1961  -1965  nicht  zuletzt  wegen  der  starken  Ansiedlungskonjunktur  ab  1964  von  einer  „flächenerfassenden
Industriedurchsetzung“  zu  sprechen  sei.  An  diesem  Vorgang  partizipierte  das  Saarland,  das  sich  in  dieser
Zeit,  wie  bereits  analysiert,  in  einer  Phase  der  grundlegenden  Neuformulierung  seiner  Strukturpolitik  durch
die  allgemeine  Wirtschaftspolitik  befand,  nur  sehr  schwach.
Bundesminister  tur  Arbeit  und  Sozialordnung  (Hg.),  Standortwahl  1955-1967,  S.  88.  Interessant  ist
übrigens  auch  der  dort  vorgebrachte  Hinweis,  daß  in  den  neu  angesiedelten  Betrieben  im  Saarland
ungewöhnlich  viele  Frauenarbeitsplätze  geschaffen  wurden,  daß  sich  deren  Übergewicht  aber  trotz  der
insgesamt  vergleichsweise  stabilen  Entwicklung  der  Unternehmen  durch  Stillegungen  wieder  zugunsten
der  Männer  abbaute.  Eine  namentliche  Aufzählung  neu  angesiedelter  Unternehmen  liefert  Wolf-Dieter
Kresse,  Industrieansiedlungen  1968/69,  in:  Die  Arbeitskammer.  Zeitschrift  der  Arbeitskammer  des
Saarlandes  18(1970),  S.  39-41.
103  Industrie-  und  Handelskammer  des  Saarlandes  (Hg.),  Industrielle  Entwicklung  der  saarländischen
Landkreise,  Saarbrücken  1973,  S.  10.  Differenzierter  hierzu  auch:  Franz-Josef  Bade,  Die  Stellung  des
Saarlandes  im  wirtschaftlichen  Strukturwandel  der  Bundesrepublik  Deutschland,  in:  Zeitschrift  für
Wirtschaftsgeographie  34  (1990),  S.  195-207.  Bade  interpretiert  die  mittelfristigen  Folgen  dieser  Entwicklung
  als  Trend  zur  Suburbanisierung,  betont  aber  die  im  Vergleich  zu  anderen  Verdichtungszonen  in  den
70er  Jahren  relativ  günstige  Entwicklung  des  Saarbrücker  Raumes.
104  Ebd.,  S.  17  und  S.  24,  vgl.  auch:  Karl  Guckelmus,  Gemeinden  und  Kreise  konkurrieren  um  neue
Industrien,  in:  Die  Arbeitskammer.  Zeitschrift  der  Arbeitskammer  des  Saarlandes  17  (1969),  S.  103-104,

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