Full text : Das Saarland im doppelten Strukturwandel 1956 - 1970

saarländischen  Industrie  nur  noch  2,7%.  Gleichzeitig  deutete  sich  anhand  der
schrumpfenden  Auftragsbestände  eine  weiterhin  negative  Tendenz  an.7
Die  Phase  des  konjunkturellen  Aufschwungs  zur  Mitte  des  Jahrzehnts  erlaubt  einige
weiterführende  Folgerungen:  Zunächst  ist  festzustellen,  daß  der  Aufschwung  zwar  im
Vergleich  zu  den  Vorjahren  recht  kräftig  ausfiel,  daß  aber  die  Wachstumsraten  der
letzten  Periode  in  der  Übergangszeit  deutlich  unterschritten  wurden.  Außerdem  war
die  Wachstumsphase  im  Vergleich  zu  vorherigen  konjunkturellen  Zyklen  deutlich
verkürzt.  Weiterhin  gestalteten  sich  die  Effekte  der  einzelnen  Sektoren  nun  anders.
Während  der  Bergbau  unbeeindruckt  von  der  allgemein  günstigen  Entwicklung  seine
klar  negative  Tendenz  fortsetzte,  entfaltete  der  Bereich  Eisen  und  Stahl  im  Montankern
  eine  stabilisierende  Wirkung.  Hinzu  trat  zwar  die  -  von  der  Regionalpolitik
der  späten  50er  und  frühen  60er  Jahre  erhoffte  -  positive  Wirkung  anderer  Industriegruppen,
  insbesondere  der  Investitionsgüterindustrie  bzw.  der  verarbeitendenden
Industrie;  deren  z.T.  in  direktem  Zusammenhang  zur  stabilen  Entwicklung  im  Stahlbereich
  stehenden  Impulse  wurden  jedoch  zunehmend  vom  Abwärtstrend  des  Montankerns
  überkompensiert.  s  Deutlich  sichtbar  wurde  diese  zunehmende  Verschärfung
der  strukturellen  Probleme  der  Saarwirtschaft  an  der  Beschäftigungsentwicklung.
Zwar  erzeugte  auch  der  Arbeitsplatzabbau  im  Bergbau,  der  sogar  auf  dem  Höhepunkt
des  Booms  zu  einer  Verringerung  der  Beschäftigtenzahlen  in  diesem  Sektor  um  mehr
als  2000  führte,  keine  Arbeitslosigkeit,  allerdings  konnte  die  Gesamtbeschäftigung  in
der  Region  kaum  gesteigert  werden;  der  recht  hohe  Zuwachs  der  Brutto-Lohn-  und
-gehaltssummen  täuscht  darüber  hinweg,  daß  1965  im  Vergleich  zum  Vorjahr  in  der
saarländischen  Industrie  insgesamt  weniger  Arbeitsstunden  geleistet  wurden.
Die  Bedeutung  dieser  Tendenzen  wird  im  Zusammenhang  mit  einem  Vergleich  der
Sozialprodukte  in  der  Bundesrepublik  und  im  Saarland  deutlich.71'  Insgesamt  blieb
das  Saarland  mit  seinen  Wachstumsraten  bis  zur  Mitte  der  60er  Jahre  stets  hinter  dem
Bundesdurchschnitt  zurück.  Aus  der  Perspektive  der  Boomjahre  1964/65  betrachtet,
stellt  dies  aber  nun  gerade  keine  Abkoppelung  vom  Bundestrend  dar,  sondern  vielmehr
  eine  engere  Ankoppelung.8"  Die  früher  mitunter  eintretenden  Sondereinflüsse,
die  -  neben  ihrer  manchmal  auch  negativen  Beeinflussung  des  Wachstums  -  wenigstens
  teilweise  einen  Ausgleich  ungünstiger  Einflüsse  aus  Deutschland  hatten  be-7

  „Deutliche  Belebung  in  der  saarländischen  Investitionsgüterindustrie“,  Landesbank  und  Girozentrale
Saar  (Hg.),  Wirtschaftsberichte  1966,  Saarbrücken  1966,  H.  3.
78  Trotzdem  wurde  noch  bis  zur  Jahresmitte  1965  die  Entwicklung  im  Zwischenboom  sehr  positiv  beurteilt:
Landesbank  und  Girozentrale  Saar  (Hg.),  Wirtschaftsberichte  1965,  Saarbrücken  1965,  H.  6,  titelte  mit:
„Die  wirtschaftliche  Zukunft  des  Saarlandes  hat  begonnen“  -  und  spielte  damit  auf  die  konjunkturelle
Erholung  im  Vorjahr  und  den  relativen  Erfolg  der  Eisen-  und  Stahlindustrie  sowie  der  neu  angesiedelten
Unternehmen  an,  vgl.  auch  ebd.,  H.  1.
79  Vgl.  hierzu  die  Darstellung  in:  Stat.  Amt  d.  Saarl.  (Hg.),  Sozialprodukt  des  Saarlandes  1960  bis  1964,
Saarbrücken  1965  (=  SiZ,  Sonderh.  35),  und  Statistisches  Amt  des  Saarlandes  (Hg.),  Sozialprodukt  des
Saarlandes.  Landeswerte  1960  bis  1965,  Kreiswerte  1961  und  1964,  Saarbrücken  1967  (=  SiZ,  Sonderh.
  43).
80  Ganz  anders  hierzu  Roesler,  Rückgliederung,  S.  456.

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