Full text : Das Saarland im doppelten Strukturwandel 1956 - 1970

im  Boom  der  Nachkriegsjahre  die  Landwirtschaft  als  Reserve  industrieller  Entwicklung
  praktisch  in  ganz  Europa  einem  „Sog“  ausgesetzt  war.61  Dieser  Prozeß  kann
einerseits  als  Anbindung  des  ländlichen  Raums  an  die  industriellen  regionalen
Zentren,62  andererseits  aber  auch  als  zunehmender  Funktionsverlust  kleiner  Gemeinden
  durch  multi  funktionale  lokale  Zentren  interpretiert  werden.63
Im  Zuge  der  raschen  Industrialisierung  und  vor  allem  durch  den  in  der  wirtschaftlichen
  Anbindung  des  Saargebiets  an  Frankreich  entstehenden  Preisdruck  im  Bereich
der  Grundnahrungsmittel  war  der  „stürmische  Anpassungsprozeß“64  der  Landwirtschaft
  allerdings  in  der  Saarregion  früher  und  intensiver  als  in  anderen  Teilen
Deutschlands  erfolgt.65  Dieser  Trend  setzte  sich  auch  nach  dem  Zweiten  Weltkrieg
unter  ähnlichen  Rahmenbedingungen  weiter  fort,  wobei  insbesondere  die  ungünstige
Ertragslage  der  technisch  vergleichsweise  schlecht  ausgestatteten  Betriebe  sowie  die
umfangreichen  Sozialbrachen  ab  Mitte  der  50er  Jahre  zunehmend  zu  einem  politischen
  Problem  wurden.66  Erst  nach  der  Eingliederung  in  die  Bundesrepublik  konnte
mit  umfangreichen  Investitions-  und  Flurbereinigungsprogrammen  schrittweise  die
Lebensfähigkeit  vor  allem  der  verbliebenen  größeren  Betriebe  sichergestellt  werden.
Die  saarländische  Landwirtschaft  als  Ganzes  hatte  ihre  Funktion  als  „Reservewirtschaft“
  der  Industrie  nach  dem  Zweiten  Weltkrieg  längst  verloren.67

61  Kaelble,  Boom,  S.  I7ff.  Zur  Bedeutung  der  60er  Jahre  als  Wendepunkt  in  der  Entwicklung  ländlicher
Gemeinden  siehe:  Peter  Exner,  Ländliche  Gesellschaft  und  Landwirtschaft  in  Westfalen  1919-1969,
Paderborn  1997,  bes.  S.  449.  Interessantes  Zahlenmaterial  verarbeiten  Franz  Grumbach  u.  Gerd  Greve,
Wandlungen  in  der  Beschäftigtenstruktur,  in:  Heinz  König  (Hg.),  Wandlungen,  S.  23-46.
62  Im  Saarland  besonders  durch  das  vom  Bergbau  etablierte  System  der  Pendlerbusse,  vgl.  Friedrich,
Saarlandgrenze,  S.  33.
63  Bahrenberg,  Infrastrukturversorgung,  S.  49,  spricht  vom  „Rückzug  [von  Versorgungseinrichtungen]  aus
der  Fläche“.  Als  Ergebnis  der  Einflüsse  des  Strukturwandels  der  Nachkriegszeit  kristallisiert  sich  daher  ein
„Umschlag  von  Bauemsiedlung  in  gewerblich  geprägte,  urbanisierte  Wohngemeinde“  als  teilräumliches
Entwicklungsmuster  heraus,  vgl.  Clemens  Zimmermann,  Ländliche  Gesellschaft,  S.  159.
64  Hans-Jürgen  Seraphim  u.  Paul-Helmuth  Burberg,  Strukturwandlungen  in  der  Landwirtschaft  der
Bundesrepublik  Deutschland,  in:  Heinz  König  (Hg.),  Wandlungen,  S.  397-438,  hier:  S.  436.
65  Vgl.  hierzu  die  älteren  Arbeiten:  Anton  E.  Oldoffedi,  Die  Landwirtschaft  des  Saarlandes  mit  besonderer
Berücksichtigung  ihrer  soziologischen  und  volkswirtschaftlichen  Bedeutung  sowie  ihrer  betriebswirtschaftlichen
  Entfaltungsmöglichkeiten,  Hohenheim  1952;  Manfred  Mohm,  Die  Nachkriegsentwicklung  der
saarländischen  Landwirtschaft  (von  1947-1954),  Innsbruck  1956.  Walter  Vollmar,  Die  Existenzbedingungen
  der  saarländischen  Landwirtschaft,  Hohenheim  1959.  Einen  Überblick  über  die  Agrargeschichte
Deutschlands  in  langfristiger  Perspektive  versucht:  Kerstin  C.  Bollmann,  Agrarpolitik.  Entwicklungen  und
Wandlungen  zwischen  Mittelalter  und  Zweitem  Weltkrieg,  Frankfurt  a.M.  1990.  Die  Analyse  der  Beschäftigtenzahlen
  bei  Hartmut  Kaelble  u.  Rüdiger  Hohls  (Hgg.),  Die  regionale  Erwerbsstruktur  im
Deutschen  Reich  und  in  der  Bundesrepublik  Deutschland  1895-1970,  St.  Katharinen  1989  (=  Quellen  und
Forschungen  zur  historischen  Statistik  von  Deutschland  9),  S.  84-89,  bestätigt  diesen  Befund.
66  Die  Anpassungs-  und  Übergangsschwierigkeiten  im  Zuge  der  Eingliederung  in  die  Bundesrepublik
analysieren:  Wilfried  Rabe,  Die  Agrarstrukturen  des  Saarlandes,  Bonn  1963;  Gerd  Hamann  (Bearb.),
Bundesland  Saarland.  Landwirtschaft  im  Industrieland,  Göttingen  1964.  Einen  Aufriß  der  zeitgenössischen
Diskussion  liefern:  Heimut  Rohm,  Die  Strukturveränderungen  in  der  Landwirtschaft  und  Neuordnungen
des  ländlichen  Raumes  als  aktuelle  Probleme  der  Agrarpolitik,  in:  Agrarwirtschaft  (1963),  H.  1  1,  und
Magura,  Chronik.
67  Vgl.  hierzu  die  ausführliche  Darstellung  der  saarländischen  Agrarpolitik  der  60er  Jahre  bei  Jutta  Müller,

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