im Boom der Nachkriegsjahre die Landwirtschaft als Reserve industrieller Entwicklung
praktisch in ganz Europa einem „Sog“ ausgesetzt war.61 Dieser Prozeß kann
einerseits als Anbindung des ländlichen Raums an die industriellen regionalen
Zentren,62 andererseits aber auch als zunehmender Funktionsverlust kleiner Gemeinden
durch multi funktionale lokale Zentren interpretiert werden.63
Im Zuge der raschen Industrialisierung und vor allem durch den in der wirtschaftlichen
Anbindung des Saargebiets an Frankreich entstehenden Preisdruck im Bereich
der Grundnahrungsmittel war der „stürmische Anpassungsprozeß“64 der Landwirtschaft
allerdings in der Saarregion früher und intensiver als in anderen Teilen
Deutschlands erfolgt.65 Dieser Trend setzte sich auch nach dem Zweiten Weltkrieg
unter ähnlichen Rahmenbedingungen weiter fort, wobei insbesondere die ungünstige
Ertragslage der technisch vergleichsweise schlecht ausgestatteten Betriebe sowie die
umfangreichen Sozialbrachen ab Mitte der 50er Jahre zunehmend zu einem politischen
Problem wurden.66 Erst nach der Eingliederung in die Bundesrepublik konnte
mit umfangreichen Investitions- und Flurbereinigungsprogrammen schrittweise die
Lebensfähigkeit vor allem der verbliebenen größeren Betriebe sichergestellt werden.
Die saarländische Landwirtschaft als Ganzes hatte ihre Funktion als „Reservewirtschaft“
der Industrie nach dem Zweiten Weltkrieg längst verloren.67
61 Kaelble, Boom, S. I7ff. Zur Bedeutung der 60er Jahre als Wendepunkt in der Entwicklung ländlicher
Gemeinden siehe: Peter Exner, Ländliche Gesellschaft und Landwirtschaft in Westfalen 1919-1969,
Paderborn 1997, bes. S. 449. Interessantes Zahlenmaterial verarbeiten Franz Grumbach u. Gerd Greve,
Wandlungen in der Beschäftigtenstruktur, in: Heinz König (Hg.), Wandlungen, S. 23-46.
62 Im Saarland besonders durch das vom Bergbau etablierte System der Pendlerbusse, vgl. Friedrich,
Saarlandgrenze, S. 33.
63 Bahrenberg, Infrastrukturversorgung, S. 49, spricht vom „Rückzug [von Versorgungseinrichtungen] aus
der Fläche“. Als Ergebnis der Einflüsse des Strukturwandels der Nachkriegszeit kristallisiert sich daher ein
„Umschlag von Bauemsiedlung in gewerblich geprägte, urbanisierte Wohngemeinde“ als teilräumliches
Entwicklungsmuster heraus, vgl. Clemens Zimmermann, Ländliche Gesellschaft, S. 159.
64 Hans-Jürgen Seraphim u. Paul-Helmuth Burberg, Strukturwandlungen in der Landwirtschaft der
Bundesrepublik Deutschland, in: Heinz König (Hg.), Wandlungen, S. 397-438, hier: S. 436.
65 Vgl. hierzu die älteren Arbeiten: Anton E. Oldoffedi, Die Landwirtschaft des Saarlandes mit besonderer
Berücksichtigung ihrer soziologischen und volkswirtschaftlichen Bedeutung sowie ihrer betriebswirtschaftlichen
Entfaltungsmöglichkeiten, Hohenheim 1952; Manfred Mohm, Die Nachkriegsentwicklung der
saarländischen Landwirtschaft (von 1947-1954), Innsbruck 1956. Walter Vollmar, Die Existenzbedingungen
der saarländischen Landwirtschaft, Hohenheim 1959. Einen Überblick über die Agrargeschichte
Deutschlands in langfristiger Perspektive versucht: Kerstin C. Bollmann, Agrarpolitik. Entwicklungen und
Wandlungen zwischen Mittelalter und Zweitem Weltkrieg, Frankfurt a.M. 1990. Die Analyse der Beschäftigtenzahlen
bei Hartmut Kaelble u. Rüdiger Hohls (Hgg.), Die regionale Erwerbsstruktur im
Deutschen Reich und in der Bundesrepublik Deutschland 1895-1970, St. Katharinen 1989 (= Quellen und
Forschungen zur historischen Statistik von Deutschland 9), S. 84-89, bestätigt diesen Befund.
66 Die Anpassungs- und Übergangsschwierigkeiten im Zuge der Eingliederung in die Bundesrepublik
analysieren: Wilfried Rabe, Die Agrarstrukturen des Saarlandes, Bonn 1963; Gerd Hamann (Bearb.),
Bundesland Saarland. Landwirtschaft im Industrieland, Göttingen 1964. Einen Aufriß der zeitgenössischen
Diskussion liefern: Heimut Rohm, Die Strukturveränderungen in der Landwirtschaft und Neuordnungen
des ländlichen Raumes als aktuelle Probleme der Agrarpolitik, in: Agrarwirtschaft (1963), H. 1 1, und
Magura, Chronik.
67 Vgl. hierzu die ausführliche Darstellung der saarländischen Agrarpolitik der 60er Jahre bei Jutta Müller,
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