Full text : Das Saarland im doppelten Strukturwandel 1956 - 1970

Reitel,  im  Vergleich  mit  dem  Saarland  oder  dem  Ruhrgebiet  so  „niederschmetternd“
aus,  weil  das  französische  politische  System  die  Einrichtung  dezentral  verwalteter
Einheiten  mit  eigenen  finanziellen  Mitteln,  z.B.  als  „Agglomerationsbudget“,  schon
rein  rechtlich  ausschließe.58
/.  1.2  Die  regionale  Wirtschaftskrise  im  Saarland
Diese  vergleichsweise  positive  Bewertung  der  regionalpolitischen  Verarbeitung
struktureller  Veränderungen  im  Saarland  anhand  der  Fakten  der  regionalökonomischen
  Entwicklung  nachzuvollziehen  fallt  aber  bereits  aus  methodischen  Gründen
schwer.  Da  im  Saarland  nur  für  die  Industrie  eine  regelmäßige  und  regional  differenzierte
  Beriehterstattung  vorgenommen  wurde,  ist  die  Datenlage  nur  für  diesen  Bereich
  einigermaßen  lückenlos  und  vor  allem  ausreichend  differenziert.  Daher  muß  die
ökonomische  Entwicklung  des  Bundeslandes  weitgehend  aus  der  Entwicklung  der
industriellen  Wirtschaftsbereiche  erklärt  werden;  alle  anderen  Bereiche  des  Wirtschaftslebens
  -  Handel,  Handwerk,  aber  auch  der  Öffentliche  Dienst  -  können  quasi
nur  in  einer  Art  „Zuschlagverfahren“  berücksichtigt  werden."'  Zwar  ist  diese  Vorgehensweise
  für  das  Saarland  mit  seinem  weit  überdurchschnittlichen  Anteil  der
Industrie  an  der  regionalen  Wirtschaft,  der  sich  nicht  nur  an  dem  hohen  Besatz  mit
Industriearbeitsplätzen,  sondern  vor  allem  an  dem  hohen  Anteil  der  Industrie  an  der
gesamten  Wertschöpfung  festmachen  läßt,  noch  eher  zu  vertreten  als  in  anderen
Ländern.  Nichtsdestoweniger  werden  bestimmte  Aspekte  des  Strukturwandels  durch
dieses  Vorgehen  ausgeblendet.  Von  besonderer  Bedeutung  ist  dabei  im  Saarland  die
Frage  nach  der  Entwicklung  der  Landwirtschaft,  weil  dieser  Sektor  allgemein  durch
seine  im  Vergleich  zur  Industrie  komplementär  angelegte  Regional-  und  Beschäftigungsstruktur
  sozusagen  spiegelbildlich  die  Verlaufsmuster  der  industriellen  Entwicklung
  wiedergeben  kann.  Allerdings  ist  gerade  für  diesen  Sektor  der  Forschungsstand
  als  besonders  wenig  ausgeprägt  zu  bezeichnen.6"  Allgemein  gilt  die  These,  daß

58  Reitel,  Probleme,  S.  176.  Vgl.  hierzu  übrigens  auch  die  positive  Bewertung  der  Strukturpolitik  im
Ruhrgebiet  bei  Organisation  d'études  d'aménagement  de  l'aire  Métropolitaine  de  Nancy-Metz-Thionville
(Hg.),  L'aménagement  d'une  région  européenne:  La  Ruhr  (=  feuillets  de  l'O.R.E.A.M.  Lorraine  5  (  1968).
59  Vgl.  zu  diesem  methodischen  Problem  der  regionalwirtschaftlichen  Analyse  der  60er  Jahre,  das  partiell
im  übrigen  bis  heute  besteht:  Dieter  Schröder,  Strukturwandel,  S.  60fF.
60  Vgl.  hierzu  die  Überblicksdarstellung  bei  Kluge,  Agrarpolitik,  Werner  Rösener,  Einführung  in  die
Agrargeschichte,  Darmstadt  1997;  Feldenkirchen,  Agrarpolitik,  sowie  Münkel  (Hg.),  Agrarland.  Eine
knappe  Zusammenfassung  bietet  Theodor  Bergmann,  Agrarstrukturwandel  und  Agrarpolitik,  in:  Jürgen
Stark  u.  Martin  Doll  (Hgg.),  Strukturwandel  und  Strukturpolitik  im  ländlichen  Raum.  Festschrift  zum  65.
Geburtstag  für  Helmut  Rohm,  Stuttgart  1978,  S.  157-189.  Einen  Überblick  über  den  Forschungsstand
liefert  Peter  Blickle,  Deutsche  Agrargeschichte  in  der  zweiten  Hälfte  des  20.  Jahrhunderts,  in:  Troßbach
u.  Zimmermann  (Hgg.),  Agrargeschichte,  S.  7-32.  Zur  Einordnung  in  die  allgemeine  Wirtschaftspolitik
siehe:  Harm  G.  Schröter,  Konsumpolitik  und  „Soziale  Marktwirtschaft“.  Die  Koexistenz  liberalisierter  und
regulierter  Verbrauchsgütermärkte  in  der  Bundesrepublik  der  1950er  Jahre,  in:  Berghoff  (Hg.),  Konsumpolitik,
  S.  113-134.  Hinweise  auf  den  Zusammenhang  zwischen  regionaler  Agrargeschichte  und  dem
Prozeß  der  europäischen  Einigung  liefert:  Heino  von  Meyer,  Walter  Ort  u.  Hermann  Priebe  (Hgg.),
Agrarpolitik  und  Regionalentwicklung.  Räumliche  Auswirkungen  der  Agrarpolitik  dargestellt  am  Beispiel
der  Region  Trier,  Bonn  ¡981.

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