Kohle- und Stahlsektor. Während die Verstaatlichung des Steinkohlenbergbaus nach
dem Zweiten Weltkrieg die Etablierung einer einheitlichen Unternehmensstrategie
ermöglichte - wobei trotz der Krise ein relativer Bedeutungszuwachs Lothringens
gegenüber den nordiranzösischen Kohlegebieten feststellbar war -, führte die privatwirtschaftliche
Organisation des Eisen- und Stahlsektors zu einer Art „Flickenteppich“
von modernisierten und weniger krisenreagiblen Betrieben, dessen Krise später
den „eigentlichen Aderlaß“ der Region darstellte/ ' Besonders daran knüpfen Sichtweisen
an, welche die negativen Folgen von zentralstaatlichem Denken in Frankreich
für die Region betonen. Nicht nur sicherheitspolitisches Glacis-Denken, sondern auch
eine generell zu wenig an der Peripherie orientierte Strukturpolitik* 54 55 hat laut François
Reitel dazu geführt, daß Teile Lothringens in einer für einen eher zentralistisch
organisierten Staat ungewöhnlich schlechten Weise Infrastrukturen angebunden
waren. Weiterhin wird der französische Zentralismus als wesentlicher Grund für die
unzureichende Ausschöpfung der Möglichkeiten einer grenzüberschreitenden Zusammenarbeit
angesehen, während gleichzeitig die wenig hilfreiche Konkurrenz der
regionalen Metropolen ebenso auf dieses Strukturelement von französischer Verfassung
und Politik zurückgeführt wird:"
Diese negativen Aspekte der Krisenpolitik in Lothringen wurden auf saarländischer
Seite breit perzipiert. Andererseits weckten die scheinbar größeren Möglichkeiten
aktiver Planung und Strukturbeeinflussung im Saarland erhebliche Neugier.56 * Dies
verweist auf einen Grundwiderspruch in der Beurteilung der französischen Regionalpolitik
in Lothringen: Während einerseits die auf die regionale Entwicklung durch
den Ausbau regionaler Metropolen ausgerichtete zeitgenössische Regionalpolitik mit
der Einbindung Lothringens in nationale Entwicklungsmuster große Hoffnungen
verband,5 bot diese Vorgehensweise in der Ex-post-Analyse Anlaß zu Kritik. Das
Ergebnis der politischen Maßnahmen zur Bewältigung der regionalen Krise falle, so
bietet auch: dies., Das Eisen- und Stahlbecken Nord-Lothringen: räumliche Krise und lokale Politik, in:
Häußermann (Hg.), Ökonomie, S. 191-213.
" May, Wandel, S, 20ff. und S. 38, weist daraufhin, daß zwischen 1962 und 1975 durch Umstrukturierungserfolge
v.a. im tertiären Sektor insgesamt 25.000 zusätzliche Arbeitsplätze geschaffen werden
konnten.
54 Vgl. hierzu auch die aufschlußreiche Gegenüberstellung der Fördermaßnahmen in den einzelnen
Regionen Frankreichs in: Kommission der Europäischen Gemeinschaften, Regionale Entwicklungsprogramme
Frankreich 1976-1980, Brüssel 1978 (= Sammlung Programme, Reihe Regionalpolitik Nr. 13).
Zuletzt hierzu Stumm, Staatstätigkeit.
55 François Reitel, Krise und Zukunft des Montandreiecks Saar-Lor-Lux, Frankfurt a.M. u.a. 1980, hier:
S. 126 undS. 159.
56 Vgl. hierzu Josef Even, Strukturpolitik in Lothringen, in: Die Arbeitskammer. Zeitschrift der Arbeitskammer
des Saarlandes 12 (1964), S. 40-47. Josef Even war als Beamter im saarländischen Wirtschaftsministerium
in der zweiten Hälfte der 60er Jahre in führender Position mit der Umsetzung des Kohleanpassungsgesetzes
betraut.
' Vgl. hierzu die präzise Zusammenfassung bei Organisations Régionales d'Etudes et d'Aménagement des
Aires Métropolitaines Lorraine (Hg.), Politique régionale d'industrialisation, Pont-à-Mousson 1970 (=feuillets
de l'O.R.E.A.M. Lorraine 13.2). Der Leitgedanke der Entwicklungspolitik wird hier mit dem
Grundsatz: „Les villes, moteurs du développement“ wiedergegeben, ebd., S. 19.
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