Full text : Das Saarland im doppelten Strukturwandel 1956 - 1970

Kohle-  und  Stahlsektor.  Während  die  Verstaatlichung  des  Steinkohlenbergbaus  nach
dem  Zweiten  Weltkrieg  die  Etablierung  einer  einheitlichen  Unternehmensstrategie
ermöglichte  -  wobei  trotz  der  Krise  ein  relativer  Bedeutungszuwachs  Lothringens
gegenüber  den  nordiranzösischen  Kohlegebieten  feststellbar  war  -,  führte  die  privatwirtschaftliche
  Organisation  des  Eisen-  und  Stahlsektors  zu  einer  Art  „Flickenteppich“
  von  modernisierten  und  weniger  krisenreagiblen  Betrieben,  dessen  Krise  später
den  „eigentlichen  Aderlaß“  der  Region  darstellte/  '  Besonders  daran  knüpfen  Sichtweisen
  an,  welche  die  negativen  Folgen  von  zentralstaatlichem  Denken  in  Frankreich
für  die  Region  betonen.  Nicht  nur  sicherheitspolitisches  Glacis-Denken,  sondern  auch
eine  generell  zu  wenig  an  der  Peripherie  orientierte  Strukturpolitik* 54 55  hat  laut  François
Reitel  dazu  geführt,  daß  Teile  Lothringens  in  einer  für  einen  eher  zentralistisch
organisierten  Staat  ungewöhnlich  schlechten  Weise  Infrastrukturen  angebunden
waren.  Weiterhin  wird  der  französische  Zentralismus  als  wesentlicher  Grund  für  die
unzureichende  Ausschöpfung  der  Möglichkeiten  einer  grenzüberschreitenden  Zusammenarbeit
  angesehen,  während  gleichzeitig  die  wenig  hilfreiche  Konkurrenz  der
regionalen  Metropolen  ebenso  auf  dieses  Strukturelement  von  französischer  Verfassung
  und  Politik  zurückgeführt  wird:"
Diese  negativen  Aspekte  der  Krisenpolitik  in  Lothringen  wurden  auf  saarländischer
Seite  breit  perzipiert.  Andererseits  weckten  die  scheinbar  größeren  Möglichkeiten
aktiver  Planung  und  Strukturbeeinflussung  im  Saarland  erhebliche  Neugier.56 *  Dies
verweist  auf  einen  Grundwiderspruch  in  der  Beurteilung  der  französischen  Regionalpolitik
  in  Lothringen:  Während  einerseits  die  auf  die  regionale  Entwicklung  durch
den  Ausbau  regionaler  Metropolen  ausgerichtete  zeitgenössische  Regionalpolitik  mit
der  Einbindung  Lothringens  in  nationale  Entwicklungsmuster  große  Hoffnungen
verband,5  bot  diese  Vorgehensweise  in  der  Ex-post-Analyse  Anlaß  zu  Kritik.  Das
Ergebnis  der  politischen  Maßnahmen  zur  Bewältigung  der  regionalen  Krise  falle,  so

bietet  auch:  dies.,  Das  Eisen-  und  Stahlbecken  Nord-Lothringen:  räumliche  Krise  und  lokale  Politik,  in:
Häußermann  (Hg.),  Ökonomie,  S.  191-213.
"  May,  Wandel,  S,  20ff.  und  S.  38,  weist  daraufhin,  daß  zwischen  1962  und  1975  durch  Umstrukturierungserfolge
  v.a.  im  tertiären  Sektor  insgesamt  25.000  zusätzliche  Arbeitsplätze  geschaffen  werden
konnten.
54  Vgl.  hierzu  auch  die  aufschlußreiche  Gegenüberstellung  der  Fördermaßnahmen  in  den  einzelnen
Regionen  Frankreichs  in:  Kommission  der  Europäischen  Gemeinschaften,  Regionale  Entwicklungsprogramme
  Frankreich  1976-1980,  Brüssel  1978  (=  Sammlung  Programme,  Reihe  Regionalpolitik  Nr.  13).
Zuletzt  hierzu  Stumm,  Staatstätigkeit.
55  François  Reitel,  Krise  und  Zukunft  des  Montandreiecks  Saar-Lor-Lux,  Frankfurt  a.M.  u.a.  1980,  hier:
S.  126  undS.  159.
56  Vgl.  hierzu  Josef  Even,  Strukturpolitik  in  Lothringen,  in:  Die  Arbeitskammer.  Zeitschrift  der  Arbeitskammer
  des  Saarlandes  12  (1964),  S.  40-47.  Josef  Even  war  als  Beamter  im  saarländischen  Wirtschaftsministerium
  in  der  zweiten  Hälfte  der  60er  Jahre  in  führender  Position  mit  der  Umsetzung  des  Kohleanpassungsgesetzes
  betraut.
'  Vgl.  hierzu  die  präzise  Zusammenfassung  bei  Organisations  Régionales  d'Etudes  et  d'Aménagement  des
Aires  Métropolitaines  Lorraine  (Hg.),  Politique  régionale  d'industrialisation,  Pont-à-Mousson  1970  (=feuillets
  de  l'O.R.E.A.M.  Lorraine  13.2).  Der  Leitgedanke  der  Entwicklungspolitik  wird  hier  mit  dem
Grundsatz:  „Les  villes,  moteurs  du  développement“  wiedergegeben,  ebd.,  S.  19.

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