Full text : Das Saarland im doppelten Strukturwandel 1956 - 1970

und  prägten  auch  die  Perzeption  der  regionalstrukturellen  Veränderungen.4*  Die
Strukturpolitik  der  60er  Jahre  bezog  sich  dabei  allerdings  in  Lothringen  auf  eine
Region,  deren  Wirtschaftsstruktur  sehr  viel  länger  andauernden  und  sehr  viel  differenzierteren
  Strukturwandelvorgängen  ausgesetzt  war  als  die  im  Saarland.48 49 50  Zwar
hatte  zumindest  der  östliche  Teil  Lothringens  in  durchaus  ähnlicher  Weise  vom
Aufschwung  des  Steinkohlenbergbaus  profitiert,  was  gleichzeitig  auch  ähnliche
Probleme  im  Bereich  der  Industriestruktur,  der  Bevölkerungsentwicklung  und  der
Siedlungsstruktur  ausgelöst  hatte,'"  allerdings  gestaltete  sich  auch  der  Weg  Lothringens
  in  die  regionale  Strukturkrise  nur  teilweise  parallel  zu  dem  des  saarländischen
Nachbarn.  Bereits  ab  1950  geriet  mit  der  Textilindustrie  ein  bedeutender  Wirtschaftszweig
  der  Region  in  die  Krise,  was  gravierende  Arbeitsplatzverluste  -  der  Umfang
wird  auf  ca.  1500  Arbeitsplätze  pro  Jahr  geschätzt  -  und  auch  regionalw  irtschaftliche
Konsequenzen  nach  sich  zog.  Mitte  der  50er  Jahre  traten  dann  ähnlich  wie  im  Saarland
  zunehmend  Probleme  auch  im  Bergbau  auf,  die  sich  aber  nicht  nur  auf  den
Bereich  der  Kohle,  sondern  auch  auf  den  Eisenerzbergbau  bezogen.  Der  Einbruch  in
der  Stahlindustrie  stellte  dann  die  dritte  krisenhafte  Zuspitzung  in  einem  regional
bedeutsamen  Industriebereich  dar.  Für  die  regionale  Strukturpolitik  war  dabei  besonders
  bedeutsam,  daß  die  Krisen  und  Boomphasen  eine  Desintegration  der  Region
bewirkten:  Anstelle  eines  regionalen  Zentrums  entwickelten  sich  drei  geographische
Schwerpunkte,  nämlich  um  Nancy,  auf  der  Achse  Metz-Mosel-Thionville  und  im
östlichen  Kohlerevier,  die  jeweils  sehr  unterschiedliche  Funktionen  ausbildeten.51
Entscheidend  für  die  Krisenbewältigungsstrategien  war  dabei,  daß  die  einzelnen
Krisen  weder  einem  gemeinsamen  Rhythmus  folgten  noch  als  unmittelbar  zusammenhängend
  wahrgenommen  wurden.52  Sehr  deutlich  wird  dies  im  Vergleich  von

48  Vgl.  hierzu  die  Abrisse  der  historischen  Entwicklung  von  Hans-Walter  Herrmann,  Die  Groß  région  aus
historischer  und  politisch-wirtschaftlicher  Sicht  -  historischer  Abriß,  in:  Jo  Leinen  (Hg.),  Saar-Lor-Lux.
Eine  Euro-Rcgion  mit  Zukunft?,  St.  Ingbert  2001  (=  Geschichte,  Politik  und  Gesellschaft.  Schriftenreihe
der  Stiftung  Demokratie  Saarland  6),  S.  27-47,  sowie  Jean-Paul  Lehners  u.  Lars  Bolle,  Region  in  Westeuropa:
  Am  Beispiel  der  grenzüberschreitenden  Region  Saar-Lor-Lux,  in:  ebd.,  S.  361-378.  Paul  Thomes,
Wirtschaftliche  Verflechtungen  einer  Grenzregion.  Die  Industrielandschaft  Saar-Lor-Lux  im  19.  Jahrhundert,
  in:  Jahrbuch  für  westdeutsche  Landesgeschichte  14  (1988),  S.  181-198.
49  Zur  Frühphase  der  Industrialisierung  Lothringens  vgl.  den  Überblick  von  Gérard  Noiriel,  Die  verspätete
Industrialisierung  der  lothringischen  Eisen-  und  Stahlregion,  in:  Rainer  Schulze  (Hg.),  Industrieregionen,
S.  366-389,  sowie  Claude  Prêcheur,  La  Lorraine  sidérurgique,  Paris  1959.
50  Vgl.  hierzu  die  Darstellung  bei  Peter  Moll,  Das  lothringische  Kohlenrevier.  Eine  geographische  Untersuchung
  seiner  Struktur,  Probleme  und  Entwicklungstendenzen,  Saarbrücken  1970  (=  Veröffentlichungen
des  Instituts  für  Landeskunde  des  Saarlandes  18).  Zum  Strukturwandel  in  den  agrarisch  strukturierten
Teilen  vgl,  Susanne  Albrecht,  Der  ländliche  Raum  Lothringens  zwischen  Verfall  und  Neubelebung.
Politische  Rahmenbedingungen  und  strukturelle  Auswirkungen  von  Anpassungs-  und  Entwicklungsvorgängen
  in  jüngerer  Zeit,  Mainz  1995  (=  Mainzer  geographische  Studien  42).
51  François  Reitel,  L’industrie  en  Lorraine.  Die  Industrie  in  Lothringen,  in:  Wolfgang  Brücher,  Reinhold
Grotz  u.  Alred  Pietsch  (Hgg.),  Industriegeographie  der  Bundesrepublik  Deutschland  und  Frankreichs  in
den  1980er  Jahren.  Géographie  industrielle  de  la  France  et  de  la  République  fédérale  d’Allemagne  dans  les
années  quatre-vingt,  Frankfurt  a.M.  1991  (=  Studien  zur  internationalen  Schulbuchforschung  70),
S.  261-272,  hier:  S.  262ff.
'2  May,  Wandel,  S.  15.  Eine  Skizze  der  wichtigsten  Entwicklungslinien  des  Strukturwandels  in  Lothringen

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