und prägten auch die Perzeption der regionalstrukturellen Veränderungen.4* Die
Strukturpolitik der 60er Jahre bezog sich dabei allerdings in Lothringen auf eine
Region, deren Wirtschaftsstruktur sehr viel länger andauernden und sehr viel differenzierteren
Strukturwandelvorgängen ausgesetzt war als die im Saarland.48 49 50 Zwar
hatte zumindest der östliche Teil Lothringens in durchaus ähnlicher Weise vom
Aufschwung des Steinkohlenbergbaus profitiert, was gleichzeitig auch ähnliche
Probleme im Bereich der Industriestruktur, der Bevölkerungsentwicklung und der
Siedlungsstruktur ausgelöst hatte,'" allerdings gestaltete sich auch der Weg Lothringens
in die regionale Strukturkrise nur teilweise parallel zu dem des saarländischen
Nachbarn. Bereits ab 1950 geriet mit der Textilindustrie ein bedeutender Wirtschaftszweig
der Region in die Krise, was gravierende Arbeitsplatzverluste - der Umfang
wird auf ca. 1500 Arbeitsplätze pro Jahr geschätzt - und auch regionalw irtschaftliche
Konsequenzen nach sich zog. Mitte der 50er Jahre traten dann ähnlich wie im Saarland
zunehmend Probleme auch im Bergbau auf, die sich aber nicht nur auf den
Bereich der Kohle, sondern auch auf den Eisenerzbergbau bezogen. Der Einbruch in
der Stahlindustrie stellte dann die dritte krisenhafte Zuspitzung in einem regional
bedeutsamen Industriebereich dar. Für die regionale Strukturpolitik war dabei besonders
bedeutsam, daß die Krisen und Boomphasen eine Desintegration der Region
bewirkten: Anstelle eines regionalen Zentrums entwickelten sich drei geographische
Schwerpunkte, nämlich um Nancy, auf der Achse Metz-Mosel-Thionville und im
östlichen Kohlerevier, die jeweils sehr unterschiedliche Funktionen ausbildeten.51
Entscheidend für die Krisenbewältigungsstrategien war dabei, daß die einzelnen
Krisen weder einem gemeinsamen Rhythmus folgten noch als unmittelbar zusammenhängend
wahrgenommen wurden.52 Sehr deutlich wird dies im Vergleich von
48 Vgl. hierzu die Abrisse der historischen Entwicklung von Hans-Walter Herrmann, Die Groß région aus
historischer und politisch-wirtschaftlicher Sicht - historischer Abriß, in: Jo Leinen (Hg.), Saar-Lor-Lux.
Eine Euro-Rcgion mit Zukunft?, St. Ingbert 2001 (= Geschichte, Politik und Gesellschaft. Schriftenreihe
der Stiftung Demokratie Saarland 6), S. 27-47, sowie Jean-Paul Lehners u. Lars Bolle, Region in Westeuropa:
Am Beispiel der grenzüberschreitenden Region Saar-Lor-Lux, in: ebd., S. 361-378. Paul Thomes,
Wirtschaftliche Verflechtungen einer Grenzregion. Die Industrielandschaft Saar-Lor-Lux im 19. Jahrhundert,
in: Jahrbuch für westdeutsche Landesgeschichte 14 (1988), S. 181-198.
49 Zur Frühphase der Industrialisierung Lothringens vgl. den Überblick von Gérard Noiriel, Die verspätete
Industrialisierung der lothringischen Eisen- und Stahlregion, in: Rainer Schulze (Hg.), Industrieregionen,
S. 366-389, sowie Claude Prêcheur, La Lorraine sidérurgique, Paris 1959.
50 Vgl. hierzu die Darstellung bei Peter Moll, Das lothringische Kohlenrevier. Eine geographische Untersuchung
seiner Struktur, Probleme und Entwicklungstendenzen, Saarbrücken 1970 (= Veröffentlichungen
des Instituts für Landeskunde des Saarlandes 18). Zum Strukturwandel in den agrarisch strukturierten
Teilen vgl, Susanne Albrecht, Der ländliche Raum Lothringens zwischen Verfall und Neubelebung.
Politische Rahmenbedingungen und strukturelle Auswirkungen von Anpassungs- und Entwicklungsvorgängen
in jüngerer Zeit, Mainz 1995 (= Mainzer geographische Studien 42).
51 François Reitel, L’industrie en Lorraine. Die Industrie in Lothringen, in: Wolfgang Brücher, Reinhold
Grotz u. Alred Pietsch (Hgg.), Industriegeographie der Bundesrepublik Deutschland und Frankreichs in
den 1980er Jahren. Géographie industrielle de la France et de la République fédérale d’Allemagne dans les
années quatre-vingt, Frankfurt a.M. 1991 (= Studien zur internationalen Schulbuchforschung 70),
S. 261-272, hier: S. 262ff.
'2 May, Wandel, S. 15. Eine Skizze der wichtigsten Entwicklungslinien des Strukturwandels in Lothringen
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