Im Gegensatz dazu bestand ein grundlegendes Problem des französischen Systems
zur Implementierung der Regionalpolitik darin, daß den zentralstaatlichen Planungsinstanzen
keine planungsfahigen Regionalinstanzen gegenüberstanden. Dadurch
wurden die Probleme in der Kooperation mit den Gemeinden, deren zum Teil ungünstige
Größenstruktur und unzureichende Finanzausstattung die frühen regionalpolitischen
Ansätze ohnehin bereits stark erschwert hatten, weiter vergrößert.40 Erst
mit den - allerdings nicht flächendeckend oder gleichzeitig eingesetzten - organisations
régionales d‘études et déménagement des aires métropolitaines (OREAM)
konnte dieses Defizit ansatzweise ausgeglichen werden. Die raumordnerische Vorstellung
bestand dabei darin, daß Ausgleichspole sowohl die regionalen Disparitäten
austarieren wie die Inzidenz raumwirksamer Mittel der Planifikation sicherstellen
könnten.41 Schrittweise wurden dabei auch kleinere Städte und ländliche Regionen
einbezogen, was eine Erweiterung der Regionalpolitik mit ihrer aus der Nachkriegszeit
stammenden urbanistischen Tradition und ihrer Ausrichtung auf den Ausgleich
des wirtschaftlichen Wachstums darstellte.42
Die Unterschiede zwischen der Bundesrepublik und Frankreich bei der Ausgestaltung
von Regionalpolitik machen die Grundprobleme dieses Politikbereiches deutlich:
Regionalpolitik bezieht sich primär auf immobile, unteilbare und polyvalente Engpassfaktoren,
Deren Auslastung kann zwar bestimmt werden, was quantitative
Analysen ennöglicht; ob der so gemessene Zustand aber eine Veränderung mit der
Aussicht auf Wachstum nach dem Ungleichgewichtsmodell nahelegt oder ob diese
Auslastung als regionales Optimum verstanden werden soll, dessen Veränderung
höhere Kosten verursacht als volkswirtschaftliche Vorteile zu erwarten sind, ist damit
nicht zu bestimmen. Außerdem bleibt die Frage zu beantworten, ob die Intensität der
Förderung von Regionen umgekehrt proportional zu ihrer tatsächlichen Wirtschaftskraft
oder nach dem Umfang der unausgeschöpften regionalen Entwicklungspotentiale
erfolgen soll.4’’ Schließlich steht der Tendenz zur Regionalisierung von Regional¬40
Ausführlich hierzu bereits Adolf Fritsch, Planifikation, S. 204ff.
41 Kistenmacher u. Gust, Grundzüge, S. 18. Die OREAM Nancy-Metz-Thionville wurde am 28.5.66
gegründet, vgl. Bruno Tietz, Das CECOFA-Projekt. Ein deutsch-französisches Großhandelszentrum im
Grenzraum Saarbrücken-Saargemünd. Vorstudie, erstellt im Aufträge des Bundesministeriums für
Wirtschaft und des Ministeriums für Wirtschaft, Verkehr und Landwirtschaft des Saarlandes, Saarbrücken
1969, S. 2.
42 Marcou, Kistenmacher u. Clev, L'aménagement, S. 14.
43 Vgl. hierzu Havighorst, Regionalisierung, S. 10, und Biehl u.a., Bestimmungsgründe, S. 157ff. Als
besonders kritisch erweist sich dieser Problemkomplex im Bereich der in den 70er Jahren immer wichtiger
werdenden Arbeitsmarktpolitik. Zweifellos konnte durch die Fördermaßnahmen der Regionalpolitik in der
Bundesrepublik die Schaffung von neuen Arbeitsplätzen in bestimmten Regionen angeregt werden; es
stellt sich jedoch die Frage, ob diese Erfolge mehr als ein Abwerben von Arbeitsplatzschaflungspotential
aus anderen Regionen darstellen, ob also der volkswirtschaftliche Effekt der Förderung nicht möglicherweise
gleich null ist. Diesen Standpunkt vertreten Hans-Jürgen Ewers u. Michael Fritsch, Beschäftigungs-Wirkungen
regionaler Wirtschaftspolitik, in: Dietrich Garlichs, Friederike Maier u. Klaus Semlinger
(Hgg.), Regionalisierte Arbeitsmarkt- und Beschäftigungspolitik, Frankfurt a.M. u.a. 1983, S. 38-65, hier:
S. 51, sehr pointiert. Nach Darstellung der Autoren können die Industriegebiete „mittlerer Verdichtung“
als die „Hauptverlierer“ der Arbeitsplatzentwicklung in der Bundesrepublik im Zeitraum zwischen 1969
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