Full text : Das Saarland im doppelten Strukturwandel 1956 - 1970

Im  Gegensatz  dazu  bestand  ein  grundlegendes  Problem  des  französischen  Systems
zur  Implementierung  der  Regionalpolitik  darin,  daß  den  zentralstaatlichen  Planungsinstanzen
  keine  planungsfahigen  Regionalinstanzen  gegenüberstanden.  Dadurch
wurden  die  Probleme  in  der  Kooperation  mit  den  Gemeinden,  deren  zum  Teil  ungünstige
  Größenstruktur  und  unzureichende  Finanzausstattung  die  frühen  regionalpolitischen
  Ansätze  ohnehin  bereits  stark  erschwert  hatten,  weiter  vergrößert.40  Erst
mit  den  -  allerdings  nicht  flächendeckend  oder  gleichzeitig  eingesetzten  -  organisations
  régionales  d‘études  et  déménagement  des  aires  métropolitaines  (OREAM)
konnte  dieses  Defizit  ansatzweise  ausgeglichen  werden.  Die  raumordnerische  Vorstellung
  bestand  dabei  darin,  daß  Ausgleichspole  sowohl  die  regionalen  Disparitäten
austarieren  wie  die  Inzidenz  raumwirksamer  Mittel  der  Planifikation  sicherstellen
könnten.41  Schrittweise  wurden  dabei  auch  kleinere  Städte  und  ländliche  Regionen
einbezogen,  was  eine  Erweiterung  der  Regionalpolitik  mit  ihrer  aus  der  Nachkriegszeit
  stammenden  urbanistischen  Tradition  und  ihrer  Ausrichtung  auf  den  Ausgleich
des  wirtschaftlichen  Wachstums  darstellte.42
Die  Unterschiede  zwischen  der  Bundesrepublik  und  Frankreich  bei  der  Ausgestaltung
von  Regionalpolitik  machen  die  Grundprobleme  dieses  Politikbereiches  deutlich:
Regionalpolitik  bezieht  sich  primär  auf  immobile,  unteilbare  und  polyvalente  Engpassfaktoren,
  Deren  Auslastung  kann  zwar  bestimmt  werden,  was  quantitative
Analysen  ennöglicht;  ob  der  so  gemessene  Zustand  aber  eine  Veränderung  mit  der
Aussicht  auf  Wachstum  nach  dem  Ungleichgewichtsmodell  nahelegt  oder  ob  diese
Auslastung  als  regionales  Optimum  verstanden  werden  soll,  dessen  Veränderung
höhere  Kosten  verursacht  als  volkswirtschaftliche  Vorteile  zu  erwarten  sind,  ist  damit
nicht  zu  bestimmen.  Außerdem  bleibt  die  Frage  zu  beantworten,  ob  die  Intensität  der
Förderung  von  Regionen  umgekehrt  proportional  zu  ihrer  tatsächlichen  Wirtschaftskraft
  oder  nach  dem  Umfang  der  unausgeschöpften  regionalen  Entwicklungspotentiale
  erfolgen  soll.4’’  Schließlich  steht  der  Tendenz  zur  Regionalisierung  von  Regional¬40

  Ausführlich  hierzu  bereits  Adolf  Fritsch,  Planifikation,  S.  204ff.
41  Kistenmacher  u.  Gust,  Grundzüge,  S.  18.  Die  OREAM  Nancy-Metz-Thionville  wurde  am  28.5.66
gegründet,  vgl.  Bruno  Tietz,  Das  CECOFA-Projekt.  Ein  deutsch-französisches  Großhandelszentrum  im
Grenzraum  Saarbrücken-Saargemünd.  Vorstudie,  erstellt  im  Aufträge  des  Bundesministeriums  für
Wirtschaft  und  des  Ministeriums  für  Wirtschaft,  Verkehr  und  Landwirtschaft  des  Saarlandes,  Saarbrücken
1969,  S.  2.
42  Marcou,  Kistenmacher  u.  Clev,  L'aménagement,  S.  14.
43  Vgl.  hierzu  Havighorst,  Regionalisierung,  S.  10,  und  Biehl  u.a.,  Bestimmungsgründe,  S.  157ff.  Als
besonders  kritisch  erweist  sich  dieser  Problemkomplex  im  Bereich  der  in  den  70er  Jahren  immer  wichtiger
werdenden  Arbeitsmarktpolitik.  Zweifellos  konnte  durch  die  Fördermaßnahmen  der  Regionalpolitik  in  der
Bundesrepublik  die  Schaffung  von  neuen  Arbeitsplätzen  in  bestimmten  Regionen  angeregt  werden;  es
stellt  sich  jedoch  die  Frage,  ob  diese  Erfolge  mehr  als  ein  Abwerben  von  Arbeitsplatzschaflungspotential
aus  anderen  Regionen  darstellen,  ob  also  der  volkswirtschaftliche  Effekt  der  Förderung  nicht  möglicherweise
  gleich  null  ist.  Diesen  Standpunkt  vertreten  Hans-Jürgen  Ewers  u.  Michael  Fritsch,  Beschäftigungs-Wirkungen
  regionaler  Wirtschaftspolitik,  in:  Dietrich  Garlichs,  Friederike  Maier  u.  Klaus  Semlinger
(Hgg.),  Regionalisierte  Arbeitsmarkt-  und  Beschäftigungspolitik,  Frankfurt  a.M.  u.a.  1983,  S.  38-65,  hier:
S.  51,  sehr  pointiert.  Nach  Darstellung  der  Autoren  können  die  Industriegebiete  „mittlerer  Verdichtung“
als  die  „Hauptverlierer“  der  Arbeitsplatzentwicklung  in  der  Bundesrepublik  im  Zeitraum  zwischen  1969

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