Full text : Das Saarland im doppelten Strukturwandel 1956 - 1970

In  Frankreich  stellte  der  Versuch,  Regionalpolitik  über  die  staatlich  geführte  Planifikation
  umzusetzen,  möglicherweise  eine  Art  Kompromiß  zwischen  den  scheinbar
unvereinbaren  Prinzipien  von  Zentralismus  und  Dezentralismus  sowie  einen  Versuch
der  Kompensation  unzureichender  regionaipolitischer  Instrumente  dar.  Mit  dem
Aufbau  eines  differenzierten  Geflechts  von  Institutionen  und  gesetzlichen  Regelungen
  wurde  versucht,  die  seit  dem  IV.  Plan,  also  ab  1962,  als  unumgänglich  anerkannte
  Neuorientierung  der  Politik  umzusetzen.32 33  Dabei  konzentrierte  sich  die  planungspolitische
  Verantwortung  hauptsächlich  auf  das  comité  interministériel
déménagement  du  territoire  (CIAT)  und  die  délégation  à  l'aménagement  du  territoire
et  à  l'action  régionale  (DATAR)."  Beide  Institutionen  waren  direkt  beim  Premierminister
  angesiedelt,  wobei  das  CfAT  als  Koordinierungsinstanz  zwischen  den
Regierungsinstanzen  über  deutlich  mehr  Einfluß  verfügte  als  der  -  annähernd  vergleichbare
  -  Interministerielle  Ausschuß  für  Raumordnung  (IMARO),  da  ihm  mit
dem  fonds  cf  intervention  pour  l'aménagement  du  territoire  (FIAT)  sogar  gewisse
Finanzmittel  zur  Verfügung  standen.  Die  DATAR  dagegen  war  durch  ihre  Position
außerhalb  der  normalen  Ressortverteilung  und  durch  ihre  vertikalen  Weisungskompetenzen
  nicht  nur  sehr  flexibel,  sondern  konnte  durch  ihre  direkte  Beteiligung
an  der  staatlichen  Planung  auch  unmittelbar  Einfluß  ausüben.  Gerade  an  dieser
Konstruktion  wird  auch  der  Charakter  der  französischen  Regionalpolitik  deutlich,  die
im  aménagement  du  territoire  kein  übergeordnetes  Zielsystem,  sondern  ein  Instrument
  zur  Förderung  der  gesamtwirtschaftlichen  Produktivität  sah.
Allerdings  war  selbst  diese  recht  bescheiden  anmutende  Institutionalisierung  von
dezentralen  Ansätzen  von  Kritik  in  Teilen  von  Politik  und  Öffentlichkeit  begleitet.
Obwohl  längst  bekannt  war,  daß  das  hohe  Übergewicht  des  Pariser  Beckens  gegenüber
  der  ökonomischen  „Wüste“34  in  der  Provinz  ein  volkswirtschaftliches  Problem
politik  und  Regionalisierung  analysiert  Stefan  Berger,  Die  Dezentralisierung  und  Regionalisierung  der
Regionalpolitik  als  eine  wesentliche  Implikation  der  neuen  Wachstumstheorie,  Aachen  1999.
32  Vgl.  hierzu  die  Oherblicksdarstellungen  zu  Strukturen  und  Instrumenten  der  Regionalpolitik  in  Frankreich
  bei  Hans  Dieter  Ockenfels,  Regionalplanung  und  Wirtschaftswachstum,  dargestellt  am  Beispiel
Frankreichs,  Köln  1969  (=  Abhandlungen  zur  Mittelstandsforschung  42),  Adolf  Fritsch.  Planifikation  und
Regionalpolitik  in  Frankreich,  Stuttgart  1973  (=  Schriften  des  Deutschen  Instituts  fur  Urbanistik  42),  und
Gregor  Halmes,  Regionenpolitik  und  Regionalismus  in  Frankreich  1964-1983  unter  besonderer  Berücksichtigung
  der  Dezentralisierungspolitik  der  Linksregierung  seit  1981,  Frankfurt  a.M.  1984.  Eine  ebenso
übersichtliche  wie  detailreiche  Darstellung  gibt  auch  Thomas  Stumm,  Staatstätigkeit  in  Frankreich  im
Spannungsfeld  innerstaatlicher  Dezentralisierung  und  europäischer  Integrationsdynamik.  Die  Territorialisierung
  und  Europäisierung  der  räumlichen  Modernisierungspolitik  in  Frankreich  während  der  80er  und
90er  Jahre,  vertieft  am  Beispiel  der  Umstellungspolitik  in  den  traditionellen  Industrieregionen  Lorraine
und  Nord-Pas-de-Calais,  (Diss.)  Tübingen  1999,  bes.  S.  92-1  19.
33  Vgl.  zum  folgenden  die  Überblicksdarstellungen  über  Institutionen  und  Konzeptionen  französischer
Regionalpolitik  in:  Hans  Kistenmacher  u.  Dieter  Gust,  Grundzüge  der  Raumplanungssysteme  in  der
Bundesrepublik  Deutschland  und  in  Frankreich  und  Möglichkeiten  der  besseren  Abstimmung  in  beiderseitigen
  Grenzräumen,  in:  Probleme  räumlicher  Planung  und  Entwicklung  in  den  Grenzräumen  an  der
deutsch-französisch-luxemburgischen  Staatsgrenze,  Hannover  1983  (=  Veröffentlichungen  der  Akademie
für  Raumforschung  und  Landesplanung,  Forschungs-  und  Sitzungsberichte  149),  S.  9-39,  sowie  Neumann
u.  Uterwedde,  Raumordnungspolitik.
34  Jean  F.  Gravier,  Paris  et  le  désert  français,  Paris  1947.  Graviers  Buch  gilt  allgemein  als  der  Anstoß  der

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