In Frankreich stellte der Versuch, Regionalpolitik über die staatlich geführte Planifikation
umzusetzen, möglicherweise eine Art Kompromiß zwischen den scheinbar
unvereinbaren Prinzipien von Zentralismus und Dezentralismus sowie einen Versuch
der Kompensation unzureichender regionaipolitischer Instrumente dar. Mit dem
Aufbau eines differenzierten Geflechts von Institutionen und gesetzlichen Regelungen
wurde versucht, die seit dem IV. Plan, also ab 1962, als unumgänglich anerkannte
Neuorientierung der Politik umzusetzen.32 33 Dabei konzentrierte sich die planungspolitische
Verantwortung hauptsächlich auf das comité interministériel
déménagement du territoire (CIAT) und die délégation à l'aménagement du territoire
et à l'action régionale (DATAR)." Beide Institutionen waren direkt beim Premierminister
angesiedelt, wobei das CfAT als Koordinierungsinstanz zwischen den
Regierungsinstanzen über deutlich mehr Einfluß verfügte als der - annähernd vergleichbare
- Interministerielle Ausschuß für Raumordnung (IMARO), da ihm mit
dem fonds cf intervention pour l'aménagement du territoire (FIAT) sogar gewisse
Finanzmittel zur Verfügung standen. Die DATAR dagegen war durch ihre Position
außerhalb der normalen Ressortverteilung und durch ihre vertikalen Weisungskompetenzen
nicht nur sehr flexibel, sondern konnte durch ihre direkte Beteiligung
an der staatlichen Planung auch unmittelbar Einfluß ausüben. Gerade an dieser
Konstruktion wird auch der Charakter der französischen Regionalpolitik deutlich, die
im aménagement du territoire kein übergeordnetes Zielsystem, sondern ein Instrument
zur Förderung der gesamtwirtschaftlichen Produktivität sah.
Allerdings war selbst diese recht bescheiden anmutende Institutionalisierung von
dezentralen Ansätzen von Kritik in Teilen von Politik und Öffentlichkeit begleitet.
Obwohl längst bekannt war, daß das hohe Übergewicht des Pariser Beckens gegenüber
der ökonomischen „Wüste“34 in der Provinz ein volkswirtschaftliches Problem
politik und Regionalisierung analysiert Stefan Berger, Die Dezentralisierung und Regionalisierung der
Regionalpolitik als eine wesentliche Implikation der neuen Wachstumstheorie, Aachen 1999.
32 Vgl. hierzu die Oherblicksdarstellungen zu Strukturen und Instrumenten der Regionalpolitik in Frankreich
bei Hans Dieter Ockenfels, Regionalplanung und Wirtschaftswachstum, dargestellt am Beispiel
Frankreichs, Köln 1969 (= Abhandlungen zur Mittelstandsforschung 42), Adolf Fritsch. Planifikation und
Regionalpolitik in Frankreich, Stuttgart 1973 (= Schriften des Deutschen Instituts fur Urbanistik 42), und
Gregor Halmes, Regionenpolitik und Regionalismus in Frankreich 1964-1983 unter besonderer Berücksichtigung
der Dezentralisierungspolitik der Linksregierung seit 1981, Frankfurt a.M. 1984. Eine ebenso
übersichtliche wie detailreiche Darstellung gibt auch Thomas Stumm, Staatstätigkeit in Frankreich im
Spannungsfeld innerstaatlicher Dezentralisierung und europäischer Integrationsdynamik. Die Territorialisierung
und Europäisierung der räumlichen Modernisierungspolitik in Frankreich während der 80er und
90er Jahre, vertieft am Beispiel der Umstellungspolitik in den traditionellen Industrieregionen Lorraine
und Nord-Pas-de-Calais, (Diss.) Tübingen 1999, bes. S. 92-1 19.
33 Vgl. zum folgenden die Überblicksdarstellungen über Institutionen und Konzeptionen französischer
Regionalpolitik in: Hans Kistenmacher u. Dieter Gust, Grundzüge der Raumplanungssysteme in der
Bundesrepublik Deutschland und in Frankreich und Möglichkeiten der besseren Abstimmung in beiderseitigen
Grenzräumen, in: Probleme räumlicher Planung und Entwicklung in den Grenzräumen an der
deutsch-französisch-luxemburgischen Staatsgrenze, Hannover 1983 (= Veröffentlichungen der Akademie
für Raumforschung und Landesplanung, Forschungs- und Sitzungsberichte 149), S. 9-39, sowie Neumann
u. Uterwedde, Raumordnungspolitik.
34 Jean F. Gravier, Paris et le désert français, Paris 1947. Graviers Buch gilt allgemein als der Anstoß der
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