Full text : Das Saarland im doppelten Strukturwandel 1956 - 1970

Bundesland  programmatisch  gefaßte  regionalpolitische  Ansätze  bereits  seit  den
frühen  50er  Jahren  verfolgte  und  wie  sie  dabei  strukturpolitische  Maßnahmen  -  z.B.
im  Bereich  der  Verkehrspolitik  -  an  planerisch  formulierten  Zielsetzungen  ausrichtete.28
 31  Dabei  tritt  immer  deutlicher  hervor,  daß  auch  die  Gemeinden  und  die
Kommunalpolitik  lange  vor  ihrer  „Aktivierung“  durch  die  Modernisierung  des  regionalpolitischen
  Instrumentariums  auf  nationaler  Ebene  umfangreiche  regionalpolitische
  Handlungsspielräume  besaßen  und  diese  -  wenn  auch  lokal  unterschiedlich
intensiv  -  nutzten.2"
Mit  den  Worten  von  Arthur  Benz  ist  daher  der  deutsche  Föderalismus  als  Prozeß  der
Herausbildung  einer  Struktur  von  Problemlösungsinstrumenten  zu  verstehen.  Die
Interaktion  von  Entscheidungszentren  -  Benz  bezieht  sich  hier  allerdings  hauptsächlich
  auf  die  Länder  und  den  Bund,  die  kommunale  Planung  sieht  er  eher  noch  als
Vorstadium  -  war  demnach  bis  weit  in  die  60er  Jahre  hinein  von  Dezentralisierungstendenzen
  geprägt.  Anhand  des  Beispiels  der  Raumplanung  in  Nordrhein-Westfalen
läßt  sich  dann  zeigen,  daß  gerade  die  inneren  Widersprüche  in  den  kommunalen
Planungsversuchen  die  Konzentration  der  Raumplanung  auf  Länderebene  ausgelöst
haben.’"  Die  Neuordnung  der  Regionalpolitik  im  Umfeld  der  Rezession  von  1966/67
ist  demgegenüber  als  eine  verzögerte  Hinwendung  zu  zentralistischeren  Tendenzen
zu  interpretieren;  diese  löste  jedoch  praktisch  unmittelbar  auch  schon  Gegenbewegungen
  und  den  Ruf  nach  mehr  regionaler  Eigenständigkeit  in  der  Regionalpolitik
31
aus.

28  Gail,  Verkehrspolitik,  S.  1  19-204.  Völlig  anders  dagegen  Hesse,  Integrationsanspruch,  S.  16f„  der  die
Entstehung  programmatischer  Ansätze  von  Regionalpolitik  erst  in  dem  Moment  ansetzt,  als  trotz  der
Angleichung  durch  die  Industriepolitik  Entwicklungsunterschiede  zwischen  den  Ländern  weiterbestanden.
29  Jaromir  Balcar,  Die  Kosten  der  Erschließung.  Kommunale  Infrastrukturpolitik  auf  dem  Land  und  ihre
Folgen  für  die  Gemeinden  (1948-1972),  in:  Daniela  Münkel  (Hg.),  Der  lange  Abschied  vom  Agrarland.
Agrarpolitik,  Landwirtschaft  und  ländliche  Gesellschaft  zwischen  Weimar  und  Bonn,  Göttingen  2000,
S.  249-277.  Vgl.  hierzu  auch  das  bereits  zitierte  Regensburger  Beispiel  bei  Finke  u.  Pohl,  Industrieforderung.
  Interessant  ist  übrigens  die  sehr  frühe  Analyse  des  Verhältnisses  von  Strukturpolitik  und  Kommunalpolitik
  bei  Hans-Dieter  Indetzki,  Umstellung  der  Kohlenbergwerke  in  den  deutschen  Gebieten  -
Aachen.  Die  regionalwirtschaftlichen  Auswirkungen  der  Stillegungen  und  Einschränkungen  im  Steinkohlenbergbau
  und  der  zur  Umstrukturierung  im  Aachener  Bezirk  getroffenen  Maßnahmen,  Brüssel  1972  (=Kommission
  der  Europäischen  Gemeinschaften  (Hg.),  Hefte  für  die  industrielle  Umstellung  20),  hier:
S.  23ff.,  in  der  ebenfalls  der  kommunalpolitischen  Initiative  maßgeblicher  Anteil  bei  der  Bewältigung  der
durch  den  sektoralen  Strukturwandel  ausgelösten  regionalen  Krise  zugesprochen  wird.
30  Arthur  Benz,  Dynamisches  System,  S.  144  und  S.  153-183.
31  Ebd.,  S.  133ff.  Vgl.  im  Gegensatz  dazu  Hesse  u.  Schlieper,  Strukturwandel,  S.  594,  welche  die  zu  stark
verflochtenen  und  zu  differenzierten  Organisationsmodelle  der  Regionalpolitik  kritisieren,  die  teilweise
sogar  zu  einer  innovationshemmenden  „Abschottung“  des  Arbeitsbereichs  von  Regionalpolitik  durch
„formal-organisatorische“  Beziehungsgeflechte  geführt  haben.  Ausführlich  analysiert  dieses  Problem
Grabher,  Wachstums-Koalitionen.  Zur  „regionalisierten  Regionalpolitik“  als  konkurrierendem  Modell  vgl.
die  praxisorientierte  Einführung  Arthur  Benz  u.a.  (Hgg.),  Regionalisierung:  Theorie,  Praxis,  Perspektiven,
Opladen  1999.  Eine  differenzierte  Zusammenstellung  der  Instrumente  von  Regionalpolitik  bietet  Peter
Tennagels,  Instrumentarium  der  regionalen  Wirtschaftspolitik,  Bochum  1980  (=  Beiträge  zur  Struktur-  und
Konjunkturforschung  XII).  Einen  Überblick  über  den  aktuellen  Forschungsstand  sowie  Hinweise  zur  Frage
der  Effizienzsteigerung  von  Regionalpolitik  durch  Regionalisierung  bietet  Frank  Havighorst,  Regionalisierung
  der  Regionalpolitik,  Münster  u.a.  1998.  Den  ökonomischen  Zusammenhang  zwischen  Wachstums¬288


            
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