naler Probleme in der Politik mittlerweile durchgesetzt hatte. Dem 23. Oktober 1955
als historische Zäsur kommt in dieser Hinsicht eine sehr viel geringere Bedeutung zu
als der Gründung des Saarstaates in den Jahren 1947/48. Ausgerechnet die Landesregierung
tat sich aber mit dem Bundesland sehr schwer. Die christdemokratischen
Politiker waren überwiegend in den älteren Formen der Prob lern Verarbeitung verhaftet;
anstelle der Verarbeitung neuer Probleme wurden ältere Aufgaben mit graduell
angepaßten älteren Instrumenten bearbeitet. Bei den meisten anderen politischen
Kräften jedoch war die Problemwahrnehmung sehr viel weiter fortgeschritten. Insbesondere
die Sozialdemokraten vertraten mit ihrer Annäherung an die „Umstrukturierung“
der Region als regionalpolitischem Konzept und ihrem Eintreten für den Bau
des Saar-Pfalz-Kanals als regionalpolitischer Forderung eine sehr viel modernere
Politik. Diese Unterschiede deuten darauf hin, daß vom Saarland der frühen 60er
Jahre zwar als „alte Region“, aber als noch sehr jungem Bundesland zu sprechen ist.
Die von der Landespolitik zur Lösung der drängenden Probleme initiierten Teillösungen
reflektieren die komplexe Mischung unterschiedlicher Perzeptionsmuster. Sie
spiegeln den besonders in der Kanalfrage teilweise gelungenen Versuch wider, mit
quasi-historischen Argumenten Wissen über aus älterer Zeit stammende Probleme
und über vergangene Initiativen zur Sicherung des Wirtschaftsstandorts zu aktivieren.
Dabei traten jedoch innere Widersprüche zutage - besonders im Interessenkonilikt
zwischen Kohle und Stahl -, die die Untauglichkeit älterer Region-Konzepte noch
mehr verdeutlichten. Zugleich fand nach dem Wegfall des Sonderföderalismus der
Übergangszeit, der sich durch einen besonderen politischen Stil und auch durch eine
spezielle Konstruktion der Finanzbeziehungen zwischen Bund und Land ausgezeichnet
hatte, auch der „Sonderparlamentarismus“ der Übergangszeit sein Ende. Der
maßgeblich aus der Bewältigung der jüngsten Vergangenheit des Saarlandes resultierende
Konsenszwang in der saarländischen Politik wurde durch ein eher konfrontatives,
auf eine systematisch Gegenüberstellung von Alternativen hin ausgerichtetes
Verhältnis zwischen den Parteien abgelöst. Über die mit dem Bundesland Saarland
kommunizierten Probleme konnte dabei keine Einigkeit in der Landespolitik hergestellt
werden. Die Föderalisierung des Saarlandes erfolgte insofern allenfalls
teilweise.
Das Beispiel der Kanalfrage zeigt aber auch, daß einzelne der im bundesdeutschen
föderalistischen System gegebenen, neuen Möglichkeiten auch durchaus genutzt
werden konnten, indem nämlich die Als-ob-Tarife ausgehandelt wurden. Als vorteilhaft
erwies sich auch die Möglichkeit, gegenüber den auf nationaler Ebene oder in
anderen Regionen etablierten Lösungsstrategien alternative Konzepte zu entwickeln.
Dies erlaubte mit der Umdeutung des Generalplans zur regionalpolitischen Entwicklungsstrategie
den Ausgleich der gerade in finanzpolitischer Hinsicht viel zu geringen
Leistungsfähigkeit des föderalen Ausgleichssystems. Gemeinsam mit der im bundesdeutschen
Föderalismus angelegten Möglichkeit, die politische Verantwortung für
Fehlentwicklungen und Probleme genauso wie für politische Erfolge zwischen den
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