deutlich, wie zu Anfang der 60er Jahre wirtschaftliche und politische Veränderungen
einander gegenseitig beeinflußten und so Perzeption und Verarbeitung der strukturellen
Veränderungen als regionale Strukturkrise prägten: Das Saarland befand sich in
einem doppelten Strukturwandel. Zu leisten war die Umformung der bisherigen
Landespolitik zu einer den veränderten ökonomischen und politischen Grundlagen
entsprechenden Regionalpolitik.
Den wichtigsten Wendepunkt stellte dabei die Zuspitzung der sektoralen Anpassungsvorgänge
im Steinkohlenbergbau im Tarifkonflikt des Frühjahrs 1962 dar.266
Die als politischer Streik interpretierten Unmutsbekundungen der Bergarbeiter markierten
das Umschlagen der Stagnationskrise zur regionalen Strukturkrise. Dadurch
wurden konzeptionelle Fortschritte in der Landespolitik ausgelöst, die sich bald darauf
zum einen in der Umdeutung des Generalplans der Saarbergwerke zur regionalpolitischen
Entwicklungskonzeption und zum anderen in der Konstruktion der
Als-ob-Tarife im „potentiellen Wettbewerb“ zum Saar-Pfalz-Kanal niederschlugen.
Beide Konzepte können als Teillösungen angesehen werden: Der Generalplan verband
mit den Saarbergwerken als regionaler Modernisierungsagentur die Erneuerung
der Wirtschaftspolitik mit einer geschickten Ausnutzung regionaler Entwicklungspotentiale
und einer innovativen Form der Finanzierung. Die Als-ob-Tarife erlaubten
die Integration der in dieser Frage stark divergierenden ökonomischen Interessen im
Land, brachten nennenswerte Kostenentlastungen für die Industrie und ermöglichten
die Durchsetzung einer Förderung der Region, die nach der Eingliederung bei den
nationalen Akteuren auf starke, unterschiedlich begründete Widerstände gestoßen
war. Nachteilig an beiden Lösungen war ihre letztlich doch enge Ausrichtung auf die
Montanindustrie und die Unsicherheit über ihre mittelfristige Tragfähigkeit. Der
Generalplan war eng mit bestimmten Erwartungen an die Stabilität bundesdeutscher
Energiepolitik und der Bedeutung der Steinkohle darin verknüpft, hinsichtlich der
Tarife bestanden gravierende juristische Unsicherheiten. Die letztliche Zustimmung
aller beteiligten Kräfte dazu kann als Ausdruck einer Politik verstanden werden, die
den ohnehin problematischen Anpassungsprozeß nicht noch mit zusätzlichen politischen
Risiken belasten wollte.
Für die zeithistorische Regionalforschung zur Bundesrepublik stellt die erste Hälfte
der 60er Jahre im Saarland einen interessanten Fall dar. Für die Perzeption ökonomischer
Veränderungen war „das Saarland“ als Raumsymbol auch in der Bundesland-Politik
von Anfang an sehr wichtig. Dies ist zum Teil sicherlich darauf zurückzuführen,
daß alternative Raumsymbole wie z.B. „Industrieregion“ aufgrund der
immer noch hohen Bedeutung der Schwerindustrie damit weitgehend kongruent
waren. Zum Teil wird aber auch davon gesprochen werden können, daß der mit der
Errichtung des Saarstaates maßgeblich von Johannes Hoffmann „erfundene“ räumliche
Code sich als angemessene Form zur Verarbeitung sehr unterschiedlicher regio¬266
Eine ähnliche Periodisierung verwendet Mathias, Wirtschaftsgeographie, S. 305, der mit der Übernahme
bestimmter Landkreise in die Regionalförderung des Bundes argumentiert und das Jahr 1963 als Beginn
einer „bewußten Strukturpolitik im Saarland“ ansieht.
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