Full text : Das Saarland im doppelten Strukturwandel 1956 - 1970

deutlich,  wie  zu  Anfang  der  60er  Jahre  wirtschaftliche  und  politische  Veränderungen
einander  gegenseitig  beeinflußten  und  so  Perzeption  und  Verarbeitung  der  strukturellen
  Veränderungen  als  regionale  Strukturkrise  prägten:  Das  Saarland  befand  sich  in
einem  doppelten  Strukturwandel.  Zu  leisten  war  die  Umformung  der  bisherigen
Landespolitik  zu  einer  den  veränderten  ökonomischen  und  politischen  Grundlagen
entsprechenden  Regionalpolitik.
Den  wichtigsten  Wendepunkt  stellte  dabei  die  Zuspitzung  der  sektoralen  Anpassungsvorgänge
  im  Steinkohlenbergbau  im  Tarifkonflikt  des  Frühjahrs  1962  dar.266
Die  als  politischer  Streik  interpretierten  Unmutsbekundungen  der  Bergarbeiter  markierten
  das  Umschlagen  der  Stagnationskrise  zur  regionalen  Strukturkrise.  Dadurch
wurden  konzeptionelle  Fortschritte  in  der  Landespolitik  ausgelöst,  die  sich  bald  darauf
  zum  einen  in  der  Umdeutung  des  Generalplans  der  Saarbergwerke  zur  regionalpolitischen
  Entwicklungskonzeption  und  zum  anderen  in  der  Konstruktion  der
Als-ob-Tarife  im  „potentiellen  Wettbewerb“  zum  Saar-Pfalz-Kanal  niederschlugen.
Beide  Konzepte  können  als  Teillösungen  angesehen  werden:  Der  Generalplan  verband
  mit  den  Saarbergwerken  als  regionaler  Modernisierungsagentur  die  Erneuerung
der  Wirtschaftspolitik  mit  einer  geschickten  Ausnutzung  regionaler  Entwicklungspotentiale
  und  einer  innovativen  Form  der  Finanzierung.  Die  Als-ob-Tarife  erlaubten
die  Integration  der  in  dieser  Frage  stark  divergierenden  ökonomischen  Interessen  im
Land,  brachten  nennenswerte  Kostenentlastungen  für  die  Industrie  und  ermöglichten
die  Durchsetzung  einer  Förderung  der  Region,  die  nach  der  Eingliederung  bei  den
nationalen  Akteuren  auf  starke,  unterschiedlich  begründete  Widerstände  gestoßen
war.  Nachteilig  an  beiden  Lösungen  war  ihre  letztlich  doch  enge  Ausrichtung  auf  die
Montanindustrie  und  die  Unsicherheit  über  ihre  mittelfristige  Tragfähigkeit.  Der
Generalplan  war  eng  mit  bestimmten  Erwartungen  an  die  Stabilität  bundesdeutscher
Energiepolitik  und  der  Bedeutung  der  Steinkohle  darin  verknüpft,  hinsichtlich  der
Tarife  bestanden  gravierende  juristische  Unsicherheiten.  Die  letztliche  Zustimmung
aller  beteiligten  Kräfte  dazu  kann  als  Ausdruck  einer  Politik  verstanden  werden,  die
den  ohnehin  problematischen  Anpassungsprozeß  nicht  noch  mit  zusätzlichen  politischen
  Risiken  belasten  wollte.
Für  die  zeithistorische  Regionalforschung  zur  Bundesrepublik  stellt  die  erste  Hälfte
der  60er  Jahre  im  Saarland  einen  interessanten  Fall  dar.  Für  die  Perzeption  ökonomischer
  Veränderungen  war  „das  Saarland“  als  Raumsymbol  auch  in  der  Bundesland-Politik
  von  Anfang  an  sehr  wichtig.  Dies  ist  zum  Teil  sicherlich  darauf  zurückzuführen,
  daß  alternative  Raumsymbole  wie  z.B.  „Industrieregion“  aufgrund  der
immer  noch  hohen  Bedeutung  der  Schwerindustrie  damit  weitgehend  kongruent
waren.  Zum  Teil  wird  aber  auch  davon  gesprochen  werden  können,  daß  der  mit  der
Errichtung  des  Saarstaates  maßgeblich  von  Johannes  Hoffmann  „erfundene“  räumliche
  Code  sich  als  angemessene  Form  zur  Verarbeitung  sehr  unterschiedlicher  regio¬266
 Eine  ähnliche  Periodisierung  verwendet  Mathias,  Wirtschaftsgeographie,  S.  305,  der  mit  der  Übernahme
bestimmter  Landkreise  in  die  Regionalförderung  des  Bundes  argumentiert  und  das  Jahr  1963  als  Beginn
einer  „bewußten  Strukturpolitik  im  Saarland“  ansieht.

277
            
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.