Zielprojektionen messen lassen mußte.265 Eingefordert wurde die als überfällig
angesehene, nach dem Referendum politisch möglich gewordene Modernisierung der
Landespolitik. Daraus entwickelte sich eine weit gespannte Planungsdebatte im
saarländischen Landtag. Allerdings war diese nur teilweise von Erfolg gekrönt:
Bestimmte, überwiegend in den Reihen der CDU angesiedelte politische Kräfte
lehnten eine umfassende, mit weitreichendem Verbindlichkeitsgrad ausgestattete
Planung grundsätzlich ab und bezweifelten auch deren Notwendigkeit. Zudem war
die Planungsdebatte verknüpft mit dem Konzept der „Umstrukturierung“ als Leitbild
der Wirtschaftspolitik, über dessen Auswirkungen nicht einmal innerhalb der planungsffeundlichen
Kreise Einigkeit bestand. Ähnliches gilt für die Debatte über die
regionale Infrastrukturausstattung. Mit dem Saar-Pfalz-Kanal stand hierbei ein
Projekt zur Diskussion, das bereits seit Jahrzehnten immer wieder die Politik beschäftigt
hatte. Die unübersehbar negative Entwicklung der Saarwirtschaft ließ die
Frage wieder akut werden. Zunächst wurde die Kanalffage noch aus Anlaß bestimmter
politischer Ereignisse wie z.B. der Aufwertung der DM thematisiert; ab Mitte der
ersten Hälfte des Jahrzehnts wurde dieses Projekt aber zum zentralen Symbol einer
allgemeinen Diskussion über die Zukunft des Wirtschaftsstandorts Saarland. Auch
diesbezüglich gestaltete sich die Entscheidungsfindung schwierig: Bis zuletzt konnte
keine einheitliche und unumstrittene Linie der Befürwortung erarbeitet werden.
Diese Verzögerungen hatten mehrere Gründe. Erstens war die Bereitschaft regionsexterner
Kräfte, nach der Übergangszeit weitere Fördermaßnahmen zugunsten des
zwar in prekärer Entwicklung befindlichen, aber eben doch hochindustrialisierten und
wirtschaftlich besonders aktiven Saarlandes zu etablieren, nicht besonders stark
ausgeprägt. Zweitens konnte auf die früheren - und gegenwärtigen - Erfolge der
traditionellen landespolitischen Lösungsansätze verwiesen werden. Die Förderkulisse
zur Ansiedlung neuer Industriebetriebe zeigte viele Einzelerfolge und hatte strukturwirksame
Bedeutung, und auch die Modernisierung der nicht-wassergebundenen
Verkehrsträger war bereits seit 1956 in großem Umfang erfolgt. Drittens banden
bereits die konventionellen Instrumente der Politik erhebliche Mittel; in der Kohlepolitik
beispielsweise waren die budgetären Möglichkeiten mehr als ausgeschöpft.
Weitergehende oder zusätzliche Initiativen, erst recht ein Kanalbau, hätten die
Landespolitik bereits in finanzieller Hinsicht überfordert. Viertens war ein kompliziertes
Geflecht wechselseitiger Abhängigkeiten und divergierender Interessen zu
berücksichtigen: Dies gilt besonders für den Kanalbau, der nicht in allen Wirtschaftsbereichen
gleichermaßen günstig gewirkt hätte, dies gilt aber auch im Bereich der
Planungsdebatte, wo die Entscheidung für eine grundsätzliche Umstrukturierung die
durch den sektoralen Strukturwandel ausgelösten Anpassungsprobleme zumindest
kurz- und mittelfristig eher noch verstärkt hätte. An dieser Problemstellung wird
265 Dies stellt übrigens einen wichtigen Unterschied zum von Gail, Verlehrspolitik, S. 129fl'., analysierten
Beginn der Planungsdebatte in Bayern dar: Während in Bayern die Verkehrsproblematik als wichtigster
Auslöser anzusehen ist, entwickelte sich die Planungsdebatte im Saarland aus der Stagnation der gesamtwirtschaftlichen
Entwicklung bzw. der Anpassungskrise im Steinkohlenbergbau.
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