Full text : Das Saarland im doppelten Strukturwandel 1956 - 1970

dem  Wegfall  dieser  Sonderrolle  stellt  sich  die  Frage,  auf  welche  Weise  die  strukturellen
  Veränderungen  im  Saarland  zum  regionalen  Problem  wurden.263  Den  institutionellen
  Ansatz  zur  Lösung  dieser  Frage  wählte  Hans-Walter  Herrmann,  der  auf  die
Tradition  administrativer  und  teilweise  auch  politischer  Selbständigkeit  hinwies.  Die
in  den  Versailler  Friedensvertragsregelungen  erstmals  etablierte  Selbständigkeit  habe
sich  als  tragfähig  erwiesen  und  sei  daher  nach  dem  Referendum  fortgeführt
worden.264  Allerdings  stellte  gerade  die  Frage,  inwieweit  die  überkommenen  politischen
  Strukturen  den  Anpassungszwängen  aus  der  wirtschaftlichen  Entwicklung
angemessen  waren,  das  Hauptproblem  der  zeitgenössischen  wissenschaftlichen  und
landespolitischen  Debatte  dar.
Auf  sachpolitischer  Ebene  ist  dabei  besonders  die  Kritik  an  Prinzipien  der  Wirtschaftspolitik
  des  Landes  hervorzuheben.  Die  Stagnation  der  gesamtwirtschaftlichen
Entwicklung  zu  Anfang  der  60er  Jahre  delegitimierte  die  bisherige  Politik;  gleichzeitig
  erhöhten  sich  die  Ansprüche  an  die  Politik,  die  nun,  nach  der  Eingliederung  in
die  Bundesrepublik,  von  den  in  der  Nachkriegszeit  geltenden  politischen  Beschränkungen
  entbunden  war  und  sich  an  rational-wissenschaftlich  fundierten,  aber  auch  an
den  Entwicklungsaussichten  des  neuen  nationalen  Bezugsrahmens  orientierten

Bernd  Krewer,  Mechthild  Momper  u.  Lutz  Eckensberger,  Das  Saarland  war  zumeist  Objekt  der  Geschichte.
  Zur  Identität  des  Saarländers,  in:  Hans-Georg  Wehling  u.a..  Regionale  politische  Kultur,  Stuttgart
1985,  S.  90-1  15.  Die  auf  die  deutsch-französischen  Konflikte  ausgerichtete  Betrachtungsweise  fand  jedoch
bereits  unmittelbar  nach  der  Eingliederung  Eingang  in  den  Bildungskanon,  vgl.  Helmut  Hoffmann,  Die
Rückgliederung  des  Saargebietes,  ein  Modellfäll  für  eine  gesamtdeutsche  Wiedervereinigung,  in:  Welt  der
Schule  15  (1962),  S.  407-419.  Sehr  kritisch  zu  älteren  Versuchen  zur  regionaler  Identität:  Hans  Horch,
Saarländische  Legenden.  Anmerkungen  zur  regionalistischen  Geschichtsschreibung,  in:  Saarbrücker  Hefte
63  (1990),  S.  33-38.
263  Möglicherweise  geht  es  zu  weit,  den  Stoßseufzer  Armin  Heinens  am  Ende  seines  Buches  als  These  vom
Ende  der  saarländischen  Regionalgeschichte  mit  dem  Jahr  1955  zu  interpretieren,  vgl.  Heinen,  Saarjahre,
S.  564.  Man  wird  aber  in  der  Tat  Arno  Mohrs  Kritik  zustimmen  müssen,  der  daraufhinweist,  daß  auch  die
jüngsten,  umfangreichen  Forschungsinitiativen  zur  saarländischen  Nachkriegsgeschichte  mit  ganz  wenigen
Ausnahmen  die  Saargeschichte  nur  bis  1955,  also  nicht  einmal  bis  zur  Rückgliederung,  in  den  Blick
nehmen,  folglich  „vor  allem  auf  die  Bedeutung  der  Saar  im  europäischen  Kontext  gerichtet  [sind],  ein
Aspekt,  der  hier  [im  Kontext  von  Regionalgeschichte]  vernachlässigt  werden  kann.“  Mohr,  Landesgeschichtsschreibung,
  S.  236.  Walter  Forst  (Hg.),  Die  Länder  und  der  Bund.  Beiträge  zur  Entstehung  der
Bundesrepublik,  Essen  1989,  bringt  in  seiner  Gründungsgeschichte  keinen  Artikel  zum  Saarland,  weil  es
erst  nach  1955  Teil  der  Bundesrepublik  wurde,  ebd.,  S.  5,  obwohl  schon  auf  S.  1  festgestellt  wird,  daß  mit
Ausnahme  von  Baden-Württemberg  alle  Länder  -  genau  wie  das  Saarland  -  „älter  als  der  Bund“  sind.
264  „So  sind  im  Laufe  von  eineinhalb  Jahrhunderten  die  Uferlandschaften  der  mittleren  Saar  und  ihrer
Nebenflüsse  zu  einem  eigenen  Raum  mit  einem  stabilen  Kern  mit  unterschiedlichen  Grenzen  im  administrativen,
  wirtschaftlichen  und  kulturellen  Bereich  geworden.  ...  Das  Fortbestehen  dieser  Verwaltungseinheit
  Saargebiet/Saarland  bis  zur  Gegenwart  bezeugt  die  Richtigkeit  der  im  Versailler  Vertrag  getroffenen
Maßnahme.“,  Hans-Walter  Herrmann,  Das  Saarland:  Vom  Industrierevier  zum  Bundesland,  in:  Deutsche
Kunst  und  Denkmalpflege  48  (1990),  S.  81  -89,  hier:  S.  88.  Allerdings  wurde  bereits  im  Zuge  der  Eingliederung
  die  Möglichkeit  einer  Neufassung  der  politischen  Grenzen  von  Saarland  und  Rheinland-Pfalz
durch  eine  Ländemeugliederung  erwogen;  diese  Überlegungen  blieben  allerdings  folgenlos.  Inwiefern
diese  Alternative  jedoch  praktisch  undurchführbar  gewesen  wäre,  w  ie  Widhofer,  Eingliederung,  S.  108,
meint,  ist  unklar.  Im  Gegensatz  dazu  vertritt  z.B.  Jean-Paul  Lehners  dezidiert  die  Meinung,  daß  sich  die
Entwicklung  des  Saarlandes  zur  Region  nicht  linear  aus  der  Geschichte  oder  seiner  (Wirtschafts-)struktur
ableiten  läßt:  „Saar-Lor-Lux  [also:  nicht  das  Saarland!]  wäre  eine  einheitliche  Region  geworden,  wenn
Deutschland  den  Ersten  Weltkrieg  gewonnen  hätte.“,  Lehners,  Menschen,  S.  85.

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