dem Wegfall dieser Sonderrolle stellt sich die Frage, auf welche Weise die strukturellen
Veränderungen im Saarland zum regionalen Problem wurden.263 Den institutionellen
Ansatz zur Lösung dieser Frage wählte Hans-Walter Herrmann, der auf die
Tradition administrativer und teilweise auch politischer Selbständigkeit hinwies. Die
in den Versailler Friedensvertragsregelungen erstmals etablierte Selbständigkeit habe
sich als tragfähig erwiesen und sei daher nach dem Referendum fortgeführt
worden.264 Allerdings stellte gerade die Frage, inwieweit die überkommenen politischen
Strukturen den Anpassungszwängen aus der wirtschaftlichen Entwicklung
angemessen waren, das Hauptproblem der zeitgenössischen wissenschaftlichen und
landespolitischen Debatte dar.
Auf sachpolitischer Ebene ist dabei besonders die Kritik an Prinzipien der Wirtschaftspolitik
des Landes hervorzuheben. Die Stagnation der gesamtwirtschaftlichen
Entwicklung zu Anfang der 60er Jahre delegitimierte die bisherige Politik; gleichzeitig
erhöhten sich die Ansprüche an die Politik, die nun, nach der Eingliederung in
die Bundesrepublik, von den in der Nachkriegszeit geltenden politischen Beschränkungen
entbunden war und sich an rational-wissenschaftlich fundierten, aber auch an
den Entwicklungsaussichten des neuen nationalen Bezugsrahmens orientierten
Bernd Krewer, Mechthild Momper u. Lutz Eckensberger, Das Saarland war zumeist Objekt der Geschichte.
Zur Identität des Saarländers, in: Hans-Georg Wehling u.a.. Regionale politische Kultur, Stuttgart
1985, S. 90-1 15. Die auf die deutsch-französischen Konflikte ausgerichtete Betrachtungsweise fand jedoch
bereits unmittelbar nach der Eingliederung Eingang in den Bildungskanon, vgl. Helmut Hoffmann, Die
Rückgliederung des Saargebietes, ein Modellfäll für eine gesamtdeutsche Wiedervereinigung, in: Welt der
Schule 15 (1962), S. 407-419. Sehr kritisch zu älteren Versuchen zur regionaler Identität: Hans Horch,
Saarländische Legenden. Anmerkungen zur regionalistischen Geschichtsschreibung, in: Saarbrücker Hefte
63 (1990), S. 33-38.
263 Möglicherweise geht es zu weit, den Stoßseufzer Armin Heinens am Ende seines Buches als These vom
Ende der saarländischen Regionalgeschichte mit dem Jahr 1955 zu interpretieren, vgl. Heinen, Saarjahre,
S. 564. Man wird aber in der Tat Arno Mohrs Kritik zustimmen müssen, der daraufhinweist, daß auch die
jüngsten, umfangreichen Forschungsinitiativen zur saarländischen Nachkriegsgeschichte mit ganz wenigen
Ausnahmen die Saargeschichte nur bis 1955, also nicht einmal bis zur Rückgliederung, in den Blick
nehmen, folglich „vor allem auf die Bedeutung der Saar im europäischen Kontext gerichtet [sind], ein
Aspekt, der hier [im Kontext von Regionalgeschichte] vernachlässigt werden kann.“ Mohr, Landesgeschichtsschreibung,
S. 236. Walter Forst (Hg.), Die Länder und der Bund. Beiträge zur Entstehung der
Bundesrepublik, Essen 1989, bringt in seiner Gründungsgeschichte keinen Artikel zum Saarland, weil es
erst nach 1955 Teil der Bundesrepublik wurde, ebd., S. 5, obwohl schon auf S. 1 festgestellt wird, daß mit
Ausnahme von Baden-Württemberg alle Länder - genau wie das Saarland - „älter als der Bund“ sind.
264 „So sind im Laufe von eineinhalb Jahrhunderten die Uferlandschaften der mittleren Saar und ihrer
Nebenflüsse zu einem eigenen Raum mit einem stabilen Kern mit unterschiedlichen Grenzen im administrativen,
wirtschaftlichen und kulturellen Bereich geworden. ... Das Fortbestehen dieser Verwaltungseinheit
Saargebiet/Saarland bis zur Gegenwart bezeugt die Richtigkeit der im Versailler Vertrag getroffenen
Maßnahme.“, Hans-Walter Herrmann, Das Saarland: Vom Industrierevier zum Bundesland, in: Deutsche
Kunst und Denkmalpflege 48 (1990), S. 81 -89, hier: S. 88. Allerdings wurde bereits im Zuge der Eingliederung
die Möglichkeit einer Neufassung der politischen Grenzen von Saarland und Rheinland-Pfalz
durch eine Ländemeugliederung erwogen; diese Überlegungen blieben allerdings folgenlos. Inwiefern
diese Alternative jedoch praktisch undurchführbar gewesen wäre, w ie Widhofer, Eingliederung, S. 108,
meint, ist unklar. Im Gegensatz dazu vertritt z.B. Jean-Paul Lehners dezidiert die Meinung, daß sich die
Entwicklung des Saarlandes zur Region nicht linear aus der Geschichte oder seiner (Wirtschafts-)struktur
ableiten läßt: „Saar-Lor-Lux [also: nicht das Saarland!] wäre eine einheitliche Region geworden, wenn
Deutschland den Ersten Weltkrieg gewonnen hätte.“, Lehners, Menschen, S. 85.
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