Auseinandersetzung über die wirtschaftlichen Probleme zu Anfang der 60er Jahre
können vor dem Hintergrund der Regionsbildung in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts
verständlich gemacht werden:260 Insbesondere gilt dies für die Teile der
Debatte in der Bundesland-Politik, die strukturelle Probleme und Lösungsvorschläge
mit quasi-historischen Argumenten versah. Armin Flender wies auf die hohe Bedeutung
von „Geschichtspolitik“ für die Auseinandersetzung zwischen regionalen Eliten
seit der Zwischenkriegszeit hin und explizierte unter diesem Aspekt Teile der innersaarländischen
Debatten in der Phase der Teilautonomie als Kampf regionaler Eliten
um die Deutungshoheit über die Region.261
Allerdings wählen sowohl Flender als auch die eher strukturgeschichtlich ausgerichteten
Forsehungsansätze für die Nachkriegszeit ihren grundlegenden Ansatzpunkt
in der Sonderrolle des Saarlandes in den deutsch-französischen Beziehungen.262 Mit
zwischen dem Saarland und Rheinland-Pfalz, Marburg 1971, bes. S. 47. Interessant hierzu auch die
Selbstbetrachtung französischer Saarpolitik aus Sicht eines Beteiligten, der glaubte, einen Beitrag zur
Schaffung einer saarländischen Nationalität geleistet zu haben, Jacques Dircks-Dilly, La Sarre et son
destin, Paris 1956, bes. S. 39ff.
260 Instruktiv hierzu insbesondere die noch stark vom Konflikt der Zwischenkriegszeit bestimmten
Arbeiten im Reader von Hermann Overbeck, Kulturlandschaftsforschung, besonders die 1956 erstmals
veröffentlichte Studie: Die Stellung und natürliche Einordnung der Lande an der mittleren Saar. Eine
politisch-geographische Betrachtung, ebd., S. 249-260, und ders., Industriegebiet [1957]. Ähnlich auch:
Fritz Kloevekom, Geschichte des saarländisch-lothringischen Eisenhüttenwesens, Saarbrücken 1958.
Hinweise über die Notwendigkeit einer differenzierteren Sichtweise auf die Bedeutung der Industrialisierung
für die Regionsbildung bietet: Klaus-Michael Mallmann, „Eine preußische Industrie-Kolonie mit
kaplanokratischer Opposition“. Die Entstehung des Saarreviers, in: Deutsche Kunst und Denkmalpflege
48 (1990), S. 90-97. Zur Instrumentalisierung in der NS-Zeit vgl. Rolf Wittenbrock, Identitätsbildung in
einer Grenzregion: Das Saarland bis 1935, in: Zeitschrift für die Geschichte der Saargegend 41 (1993), S.
219-227; Jürgen Hannig, Historisch-politische Erziehung im Saargebiet in der Völkerbundszeit und in der
Zeit des Nationalsozialismus 1929-1945, in: Rolf Wittenbrock (Hg.), Schule und Identitätsbildung in der
Region Saar-Lor-Lux, Ottweiler 1994, S. 71-90; Jürgen Hannig, Die deutsche Saar 1935 und 1955.
Nationalbewußtsein als politisches Argument, in: Informationen für den Geschichts- und Gemeinschaftskundelehrer
34 (1987), S. 25-37.
261 Armin Flender, Die Inszenierung der Erinnerungskultur im Saarland nach dem Zweiten Weltkrieg, in:
Dillmann u. van Dülmen (Hgg.), Lebenserfahrungen, S. 14-39; ders., Öffentliche Erinnerungskultur im
Saarland nach dem Zweiten Weltkrieg. Untersuchungen über den Zusammenhang von Geschichte und
Identität, Baden-Baden 1998 (= Schriftenreihe des Instituts für Europäische Regionalforschungen 2).
Flender geht sogar so weit, diesem Aspekt eine gegenüber dem ökonomisch bedingten Strukturwandel
überlegene Regionsbildungs-Kraft zuzuweisen: Für das Saargebiet der 1920er Jahre geht er davon aus, daß
die „Geschichtspolitik“ bestimmter regionaler Akteure der auslösende Faktor zur Entwicklung der
regionalen Identität sei, wohingegen der in einem stürmischen Prozeß entwickelten Montanindustrielandschaft
eher eine nachgeordnete Bedeutung zuzuweisen sei, ders., Saargebiet, S. 142.
262 Auch Armin Flender sieht offenbar nach der Überwindung der letzten Nachwehen des Abstimmungskampfes
von 1955 keine Ansatzpunkte für eine saarspezifische regionale „Geschichtspolitik“ mehr, vgl.
Flender, Inszenierung, S. 28. Noch deutlicher argumentiert Zenner, die gegenüber der Identitätsbildung in
der Saarregion ohnehin skeptisch eingestellt ist und diese nicht einmal als im „Sonderregime“ der Teilautonomie
als erfolgreich ansah, vgl. Zenner, Bewußtseinsbildung, S. 402. Für die Zeit nach 1955 muß
daher eine solche Identitätsbildung um so mehr abgelehnt werden, als sie mit Johannes Hoffmann ihren
„wichtigsten Vertreter“ verloren hatte, siehe dies., Region - Nation - Europa. Untersuchungen zur historisch-politischen
Argumentation saarländischer Politiker: Johannes Hoffmann, in: Revue d'Allemagne 18
(1986), S. 5-24, hier: S. 7. Einen wenig überzeugenden Versuch der „Verlängerung“ saarländischer
Identitätsbildung aus der Zeit der Teilautonomie bis in die Gegenwart der 1980er Jahre unternehmen:
274