nämlich primär zu tragen, inwieweit die sozial kommunizierten Vorstellungen über
räumliche Bezüge den zu bewältigenden Problemen entsprachen.2'4 Regionale Identität
im Sinne der Bundeslandgeschichte kann daher streng genommen nicht die
Übereinstimmung zwischen Menschen hinsichtlich der von ihnen kommunizierten
Raumsymbole bedeuten,255 sondern kann nur die Übereinstimmung von Menschen
über die räumlichen Bezüge der von ihnen kommunizierten Probleme meinen. Bedenkenswert
ist aber der von Karl Rohe angebrachte Hinweis, daß (politische) Regionalkultur
im Sinne „habituell verfestigter Orientierungen des Denkens“ auch dann
vorliegen kann, wenn ein regionales Identitätsgefühl nicht nachweisbar ist.256 259 Zur
Klärung des Zusammenhangs von Landespolitik und Strukturwandel in der Bundesrepublik
ist daher in bundeslandgeschichtlicher Perspektive zu fragen, inwiefern der
„Geschichte“ als Wissen über vergangene regionale Problemverarbeitung im Bundesland
Einfluß auf die Muster der Perzeption von Problemen und vor allem auf die Art
ihrer Lösung zuzumessen ist. Gerade vor dem Hintergrund der bei den Bundesländern
besonders problematischen Kontinuitätsfrage ist aber auch zu prüfen, ob älteren oder
alternativen räumlichen Codes ebenfalls ein solcher Einfluß zuzusprechen ist.
2.3 Zusammenfassung
Die Wurzeln der aus wirtschaftsstrukturellen Veränderungen resultierenden Probleme
der frühen 60er Jahre im Saarland reichen bis weit in die Vergangenheit, teilweise bis
in das 19. Jahrhundert zurück. Schon die Herausbildung der Industrieregion an der
mittleren Saar stand in engem Zusammenhang mit der Entwicklung der Schwerindustrie.2'
Gewisse Indizien sprechen dafür, daß aus diesem Grund in mittelfristiger
Perspektive sogar von der Herausbildung einer Kultur- und Mentalitätsschranke zu
sprechen ist, die das Saarland2'* gegenüber den westlichen Teilen des heutigen
Bundeslandes Rheinland-Pfalz abhob.2^ Auch bestimmte Formen der politischen
es, wenn wir kollektive Identität aus unserem politischen Wortschatz einfach streichen, und sei es nur für
einen Versuch? ... Die quasi-religiöse Erhabenheit unserer politischen Sprache würde etwas einknicken,
und wir wären zu größerer Genauigkeit gezwungen. Wir müßten wieder davon sprechen, was uns alles
geprägt hat, und würden gewahr werden, wie viele und unterschiedliche Einflüsse auf uns eingewirkt
haben, darunter auch nationale, geschlechtliche, religiöse, berufliche, um nur ein paar der durchschnittlich
wichtigsten zu nennen.“, ebd., S. 627.
2,4 Auch Hard, Bewußtseinsräume, S. 144, sieht es als Aufgabe der Identitätsförschung, Raumsymbole in
der sozialen Kommunikation zu identifizieren, will diese dann aber im sozialen und semantischen Raum
verorten. Weichhart, Identität, S. 47, präzisiert diesen Gesichtspunkt unter dem Stichwort der „Kontextualisierung“.
Blotevogel, Heinritz u. Popp, Stand, S. 82.
256 Rohe, Regionalkultur, S. 123.
Vgl. hierzu die Arbeit von Ralf Banken, Die Industrialisierung der Saarregion 1815-1414. Die Frühindustrialisierung
1815-1850, Stuttgart 2000 (= Regionale Industrialisierung 1), die Teil eines größeren
Forschungsprojekts zur Industrialisierungsgeschichte ist, sowie Mallmann, Paul, Schock u. Klimmt (Hgg.),
Entdeckungsreisen.
258 Zur BegrifYsgeschichte: Wolfgang Läufer, Der Weg zum „Saarland“. Beobachtungen zur Benennung
einer Region, in: Haubrichs, Lauter u. Schneider (Hgg.), Zwischen Saar und Mosel, S, 367-380.
259 Volker Friedrich, Die Saarlandgrenze - Kulturgeographische Untersuchungen über die Landesgrenze
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