Full text : Das Saarland im doppelten Strukturwandel 1956 - 1970

nämlich  primär  zu  tragen,  inwieweit  die  sozial  kommunizierten  Vorstellungen  über
räumliche  Bezüge  den  zu  bewältigenden  Problemen  entsprachen.2'4  Regionale  Identität
  im  Sinne  der  Bundeslandgeschichte  kann  daher  streng  genommen  nicht  die
Übereinstimmung  zwischen  Menschen  hinsichtlich  der  von  ihnen  kommunizierten
Raumsymbole  bedeuten,255  sondern  kann  nur  die  Übereinstimmung  von  Menschen
über  die  räumlichen  Bezüge  der  von  ihnen  kommunizierten  Probleme  meinen.  Bedenkenswert
  ist  aber  der  von  Karl  Rohe  angebrachte  Hinweis,  daß  (politische)  Regionalkultur
  im  Sinne  „habituell  verfestigter  Orientierungen  des  Denkens“  auch  dann
vorliegen  kann,  wenn  ein  regionales  Identitätsgefühl  nicht  nachweisbar  ist.256 259  Zur
Klärung  des  Zusammenhangs  von  Landespolitik  und  Strukturwandel  in  der  Bundesrepublik
  ist  daher  in  bundeslandgeschichtlicher  Perspektive  zu  fragen,  inwiefern  der
„Geschichte“  als  Wissen  über  vergangene  regionale  Problemverarbeitung  im  Bundesland
  Einfluß  auf  die  Muster  der  Perzeption  von  Problemen  und  vor  allem  auf  die  Art
ihrer  Lösung  zuzumessen  ist.  Gerade  vor  dem  Hintergrund  der  bei  den  Bundesländern
besonders  problematischen  Kontinuitätsfrage  ist  aber  auch  zu  prüfen,  ob  älteren  oder
alternativen  räumlichen  Codes  ebenfalls  ein  solcher  Einfluß  zuzusprechen  ist.
2.3 Zusammenfassung
Die  Wurzeln  der  aus  wirtschaftsstrukturellen  Veränderungen  resultierenden  Probleme
der  frühen  60er  Jahre  im  Saarland  reichen  bis  weit  in  die  Vergangenheit,  teilweise  bis
in  das  19.  Jahrhundert  zurück.  Schon  die  Herausbildung  der  Industrieregion  an  der
mittleren  Saar  stand  in  engem  Zusammenhang  mit  der  Entwicklung  der  Schwerindustrie.2'
  Gewisse  Indizien  sprechen  dafür,  daß  aus  diesem  Grund  in  mittelfristiger
Perspektive  sogar  von  der  Herausbildung  einer  Kultur-  und  Mentalitätsschranke  zu
sprechen  ist,  die  das  Saarland2'*  gegenüber  den  westlichen  Teilen  des  heutigen
Bundeslandes  Rheinland-Pfalz  abhob.2^  Auch  bestimmte  Formen  der  politischen

es,  wenn  wir  kollektive  Identität  aus  unserem  politischen  Wortschatz  einfach  streichen,  und  sei  es  nur  für
einen  Versuch?  ...  Die  quasi-religiöse  Erhabenheit  unserer  politischen  Sprache  würde  etwas  einknicken,
und  wir  wären  zu  größerer  Genauigkeit  gezwungen.  Wir  müßten  wieder  davon  sprechen,  was  uns  alles
geprägt  hat,  und  würden  gewahr  werden,  wie  viele  und  unterschiedliche  Einflüsse  auf  uns  eingewirkt
haben,  darunter  auch  nationale,  geschlechtliche,  religiöse,  berufliche,  um  nur  ein  paar  der  durchschnittlich
wichtigsten  zu  nennen.“,  ebd.,  S.  627.
2,4  Auch  Hard,  Bewußtseinsräume,  S.  144,  sieht  es  als  Aufgabe  der  Identitätsförschung,  Raumsymbole  in
der  sozialen  Kommunikation  zu  identifizieren,  will  diese  dann  aber  im  sozialen  und  semantischen  Raum
verorten.  Weichhart,  Identität,  S.  47,  präzisiert  diesen  Gesichtspunkt  unter  dem  Stichwort  der  „Kontextualisierung“.

Blotevogel,  Heinritz  u.  Popp,  Stand,  S.  82.
256  Rohe,  Regionalkultur,  S.  123.
Vgl.  hierzu  die  Arbeit  von  Ralf  Banken,  Die  Industrialisierung  der  Saarregion  1815-1414.  Die  Frühindustrialisierung
  1815-1850,  Stuttgart  2000  (=  Regionale  Industrialisierung  1),  die  Teil  eines  größeren
Forschungsprojekts  zur  Industrialisierungsgeschichte  ist,  sowie  Mallmann,  Paul,  Schock  u.  Klimmt  (Hgg.),
Entdeckungsreisen.
258  Zur  BegrifYsgeschichte:  Wolfgang  Läufer,  Der  Weg  zum  „Saarland“.  Beobachtungen  zur  Benennung
einer  Region,  in:  Haubrichs,  Lauter  u.  Schneider  (Hgg.),  Zwischen  Saar  und  Mosel,  S,  367-380.
259  Volker  Friedrich,  Die  Saarlandgrenze  -  Kulturgeographische  Untersuchungen  über  die  Landesgrenze

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