Full text : Das Saarland im doppelten Strukturwandel 1956 - 1970

können  daher  als  eine  spezifisch  bundesdeutsche  Form  der  Vergesellschaftung
angesehen  werden.240
In  diesem  Zusammenhang  ist  wohl  auch  die  Forderung  Erkers  nach  der  SchafTung
einer  „historischen  Infrastrukturforschung“  zu  verstehen:  Die  „ökonomischen  Wandlungsprozesse
  veränderten  die  politischen  Herrschaftsstrukturen  und  bestimmten
mehr  denn  je  die  politische  Legitimationsbasis  nach  1945.  ...  Wie  gestalteten  sich  Art,
Ausmaß  und  Richtung  der  wirtschaftlichen  Veränderungen?  Und  was  bedeutete  die
qualitative  Veränderung  der  Industriewirtschaft  für  diese  selbst,  für  Gesellschaft  und
Politik?“230  Um  den  Beitrag  der  Bundesland-Politik  bei  der  Verarbeitung  des  regionalen
  Strukturwandel  angemessen  zu  bewerten,  ist  demnach  zu  hinterfragen,  welche
strukturellen  Elemente  des  Föderalismus  die  Verarbeitung  und  Lösung  von  Problemen
  prägten.  Dies  sollte  auch  die  Analyse  der  dadurch  ausgelösten  Politisierung  der
regionalen  Ebene  erleichtern,  die  sich  7..B.  in  schwer  interpretierbaren  Veränderungen
im  Wahlverhalten  niederschlug.  Möglicherweise  wird  dabei  von  einer  typisch  deutschen
  Form  eines  integrativen  Bundeslandregionalismus  auszugehen  sein.
Die  so  funktional231  definierten  Bundesländer  als  räumlicher  Code  zur  Verarbeitung
von  Problemen  können  allerdings  schon  auf  theoretischer  Ebene  keinen  Anspruch  auf
Exklusivität  erheben.  Es  konnten  für  die  Bundesrepublik  bereits  alternative  Region-Konzepte
  entworfen  werden,  die  mehr  oder  weniger  unvermittelt  neben  dem
Nation-Konzept  stehen  und  letzteres  sinngebend  ergänzen.  Zumindest  für  die  „nation
of  provincials“  wäre  mit  „Heimat“  ein  solches  alternatives  und  zudem  hochgradig
emotional  aufgeladenes  Konzept  zu  nennen.232  Damit  erscheint  das  Konzept  regionaler
  Identität  für  die  Bundeslandgeschichte  sowohl  aus  inhaltlichen  wie  auch  aus
methodischen  Gründen  problematisch.23’  Gemäß  der  funktionalen  Definition  ist
249  Rolf  Lindner,  Einleitung,  S.  8,  formuliert  die  Aufgabe  kultureller  Deutung  ökonomischer  Prozesse
anhand  des  Beispiels:  „Was  bedeutet  Arbeitslosigkeit  in  Hamburg?“.
250  Paul  Erker,  Industriewirtschaft  und  regionaler  Wandel.  Überlegungen  zu  einer  Wirtschaftsgeschichte
Bayerns  1945-1995,  in:  Lanzinner  u.  Henker  (Hgg.),  Landesgeschichte  und  Zeitgeschichte,  S.  41-51,  hier:
S.  41  f.
251  Bernd  Schönemann,  Die  Region  als  Kategorie  und  Problem  historischer  Forschung,  gesellschaftlicher
Geschichtskultur  und  geschichtsdidaktischer  Reflexion,  in:  Bernd  Mütter  u.  Uwe  Uffelmann  (Hgg.),
Regionale  Identität  im  vereinten  Deutschland.  Chance  und  Gefahr,  Weinheim  1996,  S.  54-80,  hier:  S.  56.
252  In  diesen  Zusammenhang  kann  auch  das  des  öfteren  als  für  den  deutschen  Föderalismus  prägend
angesehene  Reservatsrecht  der  Länder  im  kulturellen  Bereich  gestellt  werden.  Die  Funktion  der  Bundesländer
  wäre  demnach  weniger  im  Köstlin‘schen  Sinne  als  Verräumlichung  von  Kultur,  sondern  in  der
zumindest  formalen  Garantie  von  regionalen,  aber  auch  lokalen  kulturellen  Unterschieden  zu  sehen.  Einen
Versuch,  diese  alternativen  historischen  Regionalbezüge  in  ihrem  Verhältnis  zum  Bundesland  zu  analysieren,
  unternimmt  das  große  Projekt  Düwel!  u.  Köllmann  (Hgg.)  Rheinland-Westfalen.  Vgl.  hierzu  dies.,
Einleitung  der  Herausgeber,  in:  ebd.,  Bd.  I,  S.  11-18.  Vgl.  hierzu  auch  den  Katalog  zur  Jubiläumsausstellung
  Horst  Romeyk  (Hg.),  Nordrhein-Westfalen,  Kemland  der  Bundesrepublik,  Siegburg  1989  (=Veröffentlichungen
  der  staatlichen  Archive  des  Landes  Nordrhein-Westfalen  Reihe  D,  Ausstellungskataloge
  staatlicher  Archive  H.  23).  Wie  schmal  der  Grat  zur  naiven  Raumabstraktion  ist,  verdeutlicht
Heinz  Günter  Steinberg,  Die  „Geographische  Lage“  Nordrhein-Westfalens  und  ihre  Bedeutung  für  die
Landesentwicklung,  in:  Hüttenberger  (Hg.),  Vierzig  Jahre,  S.  31A8.
253  In  dieser  Hinsicht  ist  dem  radikalen  Verdikt  von  Lutz  Niethammer,  Kollektive  Identität.  Heimliche
Quellen  einer  unheimlichen  Konjunktur,  Reinbek  bei  Hamburg  2000,  teilweise  zuzustimmen:  „Wie  wäre

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