können daher als eine spezifisch bundesdeutsche Form der Vergesellschaftung
angesehen werden.240
In diesem Zusammenhang ist wohl auch die Forderung Erkers nach der SchafTung
einer „historischen Infrastrukturforschung“ zu verstehen: Die „ökonomischen Wandlungsprozesse
veränderten die politischen Herrschaftsstrukturen und bestimmten
mehr denn je die politische Legitimationsbasis nach 1945. ... Wie gestalteten sich Art,
Ausmaß und Richtung der wirtschaftlichen Veränderungen? Und was bedeutete die
qualitative Veränderung der Industriewirtschaft für diese selbst, für Gesellschaft und
Politik?“230 Um den Beitrag der Bundesland-Politik bei der Verarbeitung des regionalen
Strukturwandel angemessen zu bewerten, ist demnach zu hinterfragen, welche
strukturellen Elemente des Föderalismus die Verarbeitung und Lösung von Problemen
prägten. Dies sollte auch die Analyse der dadurch ausgelösten Politisierung der
regionalen Ebene erleichtern, die sich 7..B. in schwer interpretierbaren Veränderungen
im Wahlverhalten niederschlug. Möglicherweise wird dabei von einer typisch deutschen
Form eines integrativen Bundeslandregionalismus auszugehen sein.
Die so funktional231 definierten Bundesländer als räumlicher Code zur Verarbeitung
von Problemen können allerdings schon auf theoretischer Ebene keinen Anspruch auf
Exklusivität erheben. Es konnten für die Bundesrepublik bereits alternative Region-Konzepte
entworfen werden, die mehr oder weniger unvermittelt neben dem
Nation-Konzept stehen und letzteres sinngebend ergänzen. Zumindest für die „nation
of provincials“ wäre mit „Heimat“ ein solches alternatives und zudem hochgradig
emotional aufgeladenes Konzept zu nennen.232 Damit erscheint das Konzept regionaler
Identität für die Bundeslandgeschichte sowohl aus inhaltlichen wie auch aus
methodischen Gründen problematisch.23’ Gemäß der funktionalen Definition ist
249 Rolf Lindner, Einleitung, S. 8, formuliert die Aufgabe kultureller Deutung ökonomischer Prozesse
anhand des Beispiels: „Was bedeutet Arbeitslosigkeit in Hamburg?“.
250 Paul Erker, Industriewirtschaft und regionaler Wandel. Überlegungen zu einer Wirtschaftsgeschichte
Bayerns 1945-1995, in: Lanzinner u. Henker (Hgg.), Landesgeschichte und Zeitgeschichte, S. 41-51, hier:
S. 41 f.
251 Bernd Schönemann, Die Region als Kategorie und Problem historischer Forschung, gesellschaftlicher
Geschichtskultur und geschichtsdidaktischer Reflexion, in: Bernd Mütter u. Uwe Uffelmann (Hgg.),
Regionale Identität im vereinten Deutschland. Chance und Gefahr, Weinheim 1996, S. 54-80, hier: S. 56.
252 In diesen Zusammenhang kann auch das des öfteren als für den deutschen Föderalismus prägend
angesehene Reservatsrecht der Länder im kulturellen Bereich gestellt werden. Die Funktion der Bundesländer
wäre demnach weniger im Köstlin‘schen Sinne als Verräumlichung von Kultur, sondern in der
zumindest formalen Garantie von regionalen, aber auch lokalen kulturellen Unterschieden zu sehen. Einen
Versuch, diese alternativen historischen Regionalbezüge in ihrem Verhältnis zum Bundesland zu analysieren,
unternimmt das große Projekt Düwel! u. Köllmann (Hgg.) Rheinland-Westfalen. Vgl. hierzu dies.,
Einleitung der Herausgeber, in: ebd., Bd. I, S. 11-18. Vgl. hierzu auch den Katalog zur Jubiläumsausstellung
Horst Romeyk (Hg.), Nordrhein-Westfalen, Kemland der Bundesrepublik, Siegburg 1989 (=Veröffentlichungen
der staatlichen Archive des Landes Nordrhein-Westfalen Reihe D, Ausstellungskataloge
staatlicher Archive H. 23). Wie schmal der Grat zur naiven Raumabstraktion ist, verdeutlicht
Heinz Günter Steinberg, Die „Geographische Lage“ Nordrhein-Westfalens und ihre Bedeutung für die
Landesentwicklung, in: Hüttenberger (Hg.), Vierzig Jahre, S. 31A8.
253 In dieser Hinsicht ist dem radikalen Verdikt von Lutz Niethammer, Kollektive Identität. Heimliche
Quellen einer unheimlichen Konjunktur, Reinbek bei Hamburg 2000, teilweise zuzustimmen: „Wie wäre
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