Full text : Das Saarland im doppelten Strukturwandel 1956 - 1970

mit  deren  Hilfe  die  gesellschaftliche  Integration  in  der  Bundesrepublik  bewerkstelligt
werden  konnte,  ohne  die  ansonsten  in  praktisch  ganz  Europa  auftauchenden
politisch-kontliktuellen  Regionalisinen  auszulösen.* 244
Etwas  allgemeiner  formuliert,  verweist  dies  darauf,  daß  zwar  prinzipiell  jedem
Teilnehmer  sozialer  Interaktion  Freiheit  bei  der  Wahl  der  räumlichen  Bezüge  zuzugestehen
  ist,  daß  jedoch  durch  verschiedene  Formen  von  Herrschaft  bestimmte
Problem-Raum-Beziehungen  als  weitgehend  verbindlich  definiert  oder  zumindest  als
allgemein  akzeptiert  zu  betrachten  sind.245  Ein  solches  Regelwerk  stellt  z.B.  der  in
Verfassung  und  Gesetzen  verankerte  bundesdeutsche  Föderalismus  dar,  das  durch  die
föderale,  politisch-administrative  Herrschaftspraxis  ergänzt  wurde.246  Die  Entstehung,
Durchsetzung  und  Ausgestaltung  dieser  föderalen  Ordnung  erfolgte  aber  nicht  als
schematische  Übertragung  eines  statischen  Föderalismus-Konzepts,24  sondern  als  ein
dynamischer  Vorgang,  den  man  als  „Föderalisierung“  bezeichnen  könnte  und  der  im
Zeitverlauf  sehr  unterschiedliche  Formen  annehmen  konnte.  Dieser  Vorgang  erfolgte
unter  Beteiligung  von  im  übrigen  meistens  ebenfalls  regional  gegliederten  Institutionen
  und  Organisationen,  aber  auch  unter  Beteiligung  einer  hohen  Zahl  von  regionalen
Eliten,  z.B.  in  den  parlamentarischen  Vertretungen.248  In  regionalgeschichtlicher
Perspektive  stellt  dies  einen  Sonderweg  der  Bewältigung  der  schon  im  Rahmen  der
Staatsgründung  aufgetretenen  und  auch  später  durch  Anpassungs-  und  Modernisierungszwänge
  ausgelösten  Probleme  dar.  Die  Bundesländer  und  ihre  Geschichte
Geographische  Rundschau  39  (1987),  S.  534-539.
244  Regionalismus  wird  zumindest  im  hier  diskutierten  Zusammenhang  von  Industriegesellschaften
meistens  als  Ausdruck  von  Zentrale-Peripherie-Konflikten  gedeutet,  so  daß  dem  Regionalismus  also
normalerweise  eine  zentrifugale  Tendenz  innewohnt,  Brunn,  Regionalismus,  S.  29.  Allenfalls  die  Konvergenzhypothese
  könnte  als  ungefähr  der  besonderen  Rolle  von  Regionalismus  in  der  bundesdeutschen
Gesellschaft  entsprechend  angesehen  werden:  „Regionalismus  ist  auf  Konvergenz  Systemintegrativer  und
sozialintegrativer  Strukturbildungsprozesse  auf  einer  Ebene  im  Maßstab  der  Region  zurückzuführen.",
Pieper,  Region,  S.  537.
245  Der  von  Gans,  Regionalbewußtsein,  S.  782,  für  das  19.  Jahrhundert  vorgetragene  Gedanke,  daß
regionales  Bewußtsein  ohne  nationale  Identität  undenkbar  ist,  sollte  in  dieser  Form  verallgemeinert
werden.
246  Diesen  Aspekt  betont  in  bezug  auf  die  Bundesländer  besonders  Winfried  Steffani,  Die  Republik  der
Landesfürsten,  in:  Gerhard  A.  Ritter  (Hg.),  Regierung,  Bürokratie  und  Parlament  in  Preussen  und  Deutschland
  von  1848  bis  zur  Gegenwart,  Düsseldorf  1983,  S.  181-213,  hier:  S.  213.  Daher  kann  davon  gesprochen
  werden,  daß  bundeslandgeschichtlichen  Ansätzen  bereits  vom  Gegenstand  her  eine  stark  politisch/administrative
  bzw.  institutionelle  Sichtweise  zu  eigen  ist,  Briesen,  Reflexionen,  S.  108.
247  Die  verfassungsrechtliche  Sicht  hierzu  bietet  Kirsten  Schmalenbach,  Föderalismus  und  Unitarismus  in
der  Bundesrepublik  Deutschland.  Die  Reform  des  Grundgesetzes  von  1994,  Düsseldorf  1998,  bes.  S.  3-55.
24s  Einen  sehr  interessanten  Einblick  gestattet  der  Vergleich  der  in  den  Einleitungen  der  verschiedenen
Neuauflagen  von  Heinz  Läufer,  Der  Föderalismus  in  der  Bundesrepublik  Deutschland,  Stuttgart  1974,  bis
Heinz  Läufer  u.  Ursula  Münch,  Das  föderative  System  in  der  Bundesrepublik  Deutschland,  7.  Aufl.
München  1997,  vorgenommene  Perspektivwechsel  auf  die  Geschichte  des  Föderalismus  in  Deutschland.
Zur  Frage  der  politischen  Vertretung  in  regional  gegliederten  Parteien  vgl.  die  knappe  Zusammenfassung
in:  Udo  Wengst,  Deutsche  Parteien  nach  1945  und  ihre  Geschichte.  Anmerkungen  zu  Quellen  und
Ergebnissen  historischer  Parteienforschung  in  der  Bundesrepublik  Deutschland,  in:  Jürgen  Heideking,
Gerhard  Hufnagel  u.  Franz  Knipping  (Hgg.),  Wege  in  die  Zeitgeschichte.  Festschrift  zum  65.  Geburtstag
von  Gerhard  Schulz,  Berlin  u.  New  York  1989,  S.  165-181.

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