Full text : Das Saarland im doppelten Strukturwandel 1956 - 1970

gen  autoreflexiven  Teile  der  sozialen  Interaktion,  die  die  regionale  Verarbeitung  in
Frage  stellen.2'8
Dies  steht  in  engem  Zusammenhang  mit  der  Frage  nach  den  historischen  Voraussetzungen
  für  die  räumliche  Problemverarbeitung  in  der  Bundesrepublik,  ln  den  späten
80er  Jahren  entwickelte  Dirk  Gerdes,  aufbauend  auf  Vorarbeiten  zum  Regionalismus
als  internationalem  Phänomen  und  seinen  Zusammenhang  mit  regionaler  Identität,
eine  politikwissenschaftliche  Theorie  der  „Neuen  Sozialen  Bewegungen“.* 239  Er
versteht  Regionalismus  als  „Ausdruck  der  (wachsenden)  Politisierung  des  subnationalen
  territorialen  Bezugsrahmens“240  und  konnte  mit  seinen  Arbeiten  zu  Frankreich
  nicht  nur  die  neue  -  überraschende  -  Konjunktur  längst  vergessen  geglaubter
Regionalismen  in  den  industriellen  und  postindustriellen  Gesellschaften  Mittel-  und
Westeuropas  zeigen,  sondern  auch  deren  „Wiederentdeckung“  in  der  Politikwissenschaft.241
  Diese  Konjunktur  stellt  einen  eklatanten  Unterschied  zur  Geschichte  der
Bundesrepublik  dar,  die  von  diesem  Phänomen  weitgehend  unbeeinflußt  blieb,  42  Die
aus  der  Theorie  der  NSBs  entwickelten  Modellvorstellungen  über  die  Funktion  von
Regionalismus  in  der  Gesellschaft243  werfen  somit  die  Frage  nach  den  Methoden  auf,

1995-1997,  sowie  ders.,  Gesellschaft,  Handlung  und  Raum.  Grundlagen  handlungstheoretischer  Sozialgeographie,
  3.  Aull.  Stuttgart  1997.  Werlens  Forderung  nach  „handlungswissenschaftlichen“  Ansätzen  soll
die  „Hypostasierung“  von  Raum  in  der  Geographie  überwinden  helfen,  die  er  mit  der  Hypostasierung  von
„Zeit“  in  der  Geschichtswissenschaft  gleichsetzt,  und  die  letztlich  den  Zugang  zur  Gesellschaftsforschung
versperren,  ebd.,  S.  393.
238  Vgl.  hierzu  die  theoretischen  Erwägungen  von  Rusinek,  Überlegungen.  Zu  der  hochkomplexen  Frage
nach  der  Rolle  von  Raumbezügen  in  gesellschaftstheoretischen  Arbeiten  vgl.  Klüter,  Raum,  S.  167ff.
Klüter  verwendet  zur  Erklärung  hier  den  Begriff  der  Abkehr  von  eindimensionalen  Räumen.
239  Dirk  Gerdes  (Hg.),  Aufstand  der  Provinz.  Regionalismus  in  Westeuropa,  Frankfurt  a.M.  1980.  Zum
Forschungsstand  vgl.  Christian  Lemke,  Neue  soziale  Bewegungen,  in:  Ellwein  u,  Holtmann  (Hgg,),  50
Jahre  Bundesrepublik,  S.  440-453.
240  Dirk  Gerdes,  Regionalismus  als  soziale  Bewegung,  Westeuropa,  Frankreich,  Korsika:  Vom  Vergleich
zur  Kontextanalyse,  Frankfurt  a.M.  1985,  hier:  S.  27.  Vgl.  auch:  Rainer  S.  Elkar,  Europas  unruhige
Regionen,  Stuttgart  198  F
241  Dirk  Gerdes,  Regionalismus  und  Regionalisierung  in  Frankreich.  Ansatzpunkte  einer  vergleichenden
Regionalismus-/  Nationalismusforschung,  in:  Geschichte  und  Gesellschaft  20  (1994),  S.  385-401.  Ders.,
Regionalismus  und  Politikwissenschaft.  Zur  Wiederentdeckung  von  „Territorialität“  als  innenpolitischer
Konfliktdimension,  in:  Geographische  Rundschau  39  (1987),  S.  526-531.  Vgl.  hierzu  in  Perspektive  auf
die  Europäische  Integration:  Fritz  René  Allemann,  Aufstand  der  Regionen,  in:  Wilhelm  Hennis,  Peter  Graf
Kielmansegg  u.  Ulrich  Matz  (Hgg.),  Regierbarkeit.  Studien  zu  ihrer  Problematisierung,  Stuttgart  1979,
Bd.  2  S.  279-309,  hier:  S.  307,  sowie  in  langfristiger  Perspektive  Matthias  Schulz,  Regionalismus  und  die
Gestaltung  Europas.  Die  konstitutionelle  Bedeutung  der  Region  im  europäischen  Drama  zwischen
Integration  und  Desintegration,  Hamburg  1993.
242  Z.B.  in  Jochen  Blaschke  (Hg.),  Handbuch  der  westeuropäischen  Regionalbewegungen,  Frankfurt  a.M.
1980,  spielt  Deutschland  praktisch  keine  Rolle.  Den  Versuch,  sozialen  Protest  als  regional  verankertes
Protestverhalten  -  im  Vergleich  der  Konflikt  um  die  Startbahn  West  in  Frankfurt  mit  Protesten  in  Erdbebengebieten
  Italiens  -  darzustellen,  unternimmt:  Robert  Geipel,  Regionale  Fremdbestimmtheit  als  Auslöser
territorialer  Bewußtwerdungsprozesse,  in:  Berichte  zur  deutschen  Landeskunde  58  (1984),  S.  37-46.
243  Aus  diesen  Modellen  läßt  sich  allgemein  beschreiben,  welche  Aufgaben  in  den  zwar  funktional
differenzierten,  aber  eben  auch  hochgradig  integrierten  „westlichen“  Gesellschaften  zu  bewältigen  sind.
Vgl.  hierzu  die  prägnante  und  begrifflich  eng  geführte  Zusammenfassung  bei  Richard  Pieper,  Region  und
Regionalismus.  Zur  Wiederentdeckung  einer  räumlichen  Kategorie  in  der  soziologischen  Theorie,  in:

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