gen autoreflexiven Teile der sozialen Interaktion, die die regionale Verarbeitung in
Frage stellen.2'8
Dies steht in engem Zusammenhang mit der Frage nach den historischen Voraussetzungen
für die räumliche Problemverarbeitung in der Bundesrepublik, ln den späten
80er Jahren entwickelte Dirk Gerdes, aufbauend auf Vorarbeiten zum Regionalismus
als internationalem Phänomen und seinen Zusammenhang mit regionaler Identität,
eine politikwissenschaftliche Theorie der „Neuen Sozialen Bewegungen“.* 239 Er
versteht Regionalismus als „Ausdruck der (wachsenden) Politisierung des subnationalen
territorialen Bezugsrahmens“240 und konnte mit seinen Arbeiten zu Frankreich
nicht nur die neue - überraschende - Konjunktur längst vergessen geglaubter
Regionalismen in den industriellen und postindustriellen Gesellschaften Mittel- und
Westeuropas zeigen, sondern auch deren „Wiederentdeckung“ in der Politikwissenschaft.241
Diese Konjunktur stellt einen eklatanten Unterschied zur Geschichte der
Bundesrepublik dar, die von diesem Phänomen weitgehend unbeeinflußt blieb, 42 Die
aus der Theorie der NSBs entwickelten Modellvorstellungen über die Funktion von
Regionalismus in der Gesellschaft243 werfen somit die Frage nach den Methoden auf,
1995-1997, sowie ders., Gesellschaft, Handlung und Raum. Grundlagen handlungstheoretischer Sozialgeographie,
3. Aull. Stuttgart 1997. Werlens Forderung nach „handlungswissenschaftlichen“ Ansätzen soll
die „Hypostasierung“ von Raum in der Geographie überwinden helfen, die er mit der Hypostasierung von
„Zeit“ in der Geschichtswissenschaft gleichsetzt, und die letztlich den Zugang zur Gesellschaftsforschung
versperren, ebd., S. 393.
238 Vgl. hierzu die theoretischen Erwägungen von Rusinek, Überlegungen. Zu der hochkomplexen Frage
nach der Rolle von Raumbezügen in gesellschaftstheoretischen Arbeiten vgl. Klüter, Raum, S. 167ff.
Klüter verwendet zur Erklärung hier den Begriff der Abkehr von eindimensionalen Räumen.
239 Dirk Gerdes (Hg.), Aufstand der Provinz. Regionalismus in Westeuropa, Frankfurt a.M. 1980. Zum
Forschungsstand vgl. Christian Lemke, Neue soziale Bewegungen, in: Ellwein u, Holtmann (Hgg,), 50
Jahre Bundesrepublik, S. 440-453.
240 Dirk Gerdes, Regionalismus als soziale Bewegung, Westeuropa, Frankreich, Korsika: Vom Vergleich
zur Kontextanalyse, Frankfurt a.M. 1985, hier: S. 27. Vgl. auch: Rainer S. Elkar, Europas unruhige
Regionen, Stuttgart 198 F
241 Dirk Gerdes, Regionalismus und Regionalisierung in Frankreich. Ansatzpunkte einer vergleichenden
Regionalismus-/ Nationalismusforschung, in: Geschichte und Gesellschaft 20 (1994), S. 385-401. Ders.,
Regionalismus und Politikwissenschaft. Zur Wiederentdeckung von „Territorialität“ als innenpolitischer
Konfliktdimension, in: Geographische Rundschau 39 (1987), S. 526-531. Vgl. hierzu in Perspektive auf
die Europäische Integration: Fritz René Allemann, Aufstand der Regionen, in: Wilhelm Hennis, Peter Graf
Kielmansegg u. Ulrich Matz (Hgg.), Regierbarkeit. Studien zu ihrer Problematisierung, Stuttgart 1979,
Bd. 2 S. 279-309, hier: S. 307, sowie in langfristiger Perspektive Matthias Schulz, Regionalismus und die
Gestaltung Europas. Die konstitutionelle Bedeutung der Region im europäischen Drama zwischen
Integration und Desintegration, Hamburg 1993.
242 Z.B. in Jochen Blaschke (Hg.), Handbuch der westeuropäischen Regionalbewegungen, Frankfurt a.M.
1980, spielt Deutschland praktisch keine Rolle. Den Versuch, sozialen Protest als regional verankertes
Protestverhalten - im Vergleich der Konflikt um die Startbahn West in Frankfurt mit Protesten in Erdbebengebieten
Italiens - darzustellen, unternimmt: Robert Geipel, Regionale Fremdbestimmtheit als Auslöser
territorialer Bewußtwerdungsprozesse, in: Berichte zur deutschen Landeskunde 58 (1984), S. 37-46.
243 Aus diesen Modellen läßt sich allgemein beschreiben, welche Aufgaben in den zwar funktional
differenzierten, aber eben auch hochgradig integrierten „westlichen“ Gesellschaften zu bewältigen sind.
Vgl. hierzu die prägnante und begrifflich eng geführte Zusammenfassung bei Richard Pieper, Region und
Regionalismus. Zur Wiederentdeckung einer räumlichen Kategorie in der soziologischen Theorie, in:
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