Full text : Das Saarland im doppelten Strukturwandel 1956 - 1970

tation  von  Problemen  in  Form  von  und  durch  räumliche(n)  Bezüge(n)  verstanden
wird.  Daher  besteht  nicht  die  Notwendigkeit,  die  jeweilige  Region  in  ihrer  Systemqualität
  a  priori  bereits  vollständig  definieren  zu  müssen.2'2  Region  ist  in  Forschungsperspektive
  als  Ordnungsbegriff,23’  aber  nicht  als  reine  Residualkategorie2’4  zu
verstehen.  Der  Ordnungsbegri  ff  gewährleistet  die  Zusammenführung  unterschiedlich
ausgerichteter  Forschungsinteressen  bzw.  Disziplinen  auf  den  Untersuchungsgegenstand.
  Insofern  ist  der  Region-Begriff  der  Bundeslandgeschichte  auch  als  heuristischer
  Begriff  zu  verwenden.* 236
Dies  erlaubt  eine  Präzisierung  der  oben  aufgeworfenen  Frage  nach  dem  Zusammenhang
  zwischen  Landespolitik  und  regionalem  Strukturwandel  in  den  60er  Jahren.  Der
Begriff  Strukturwandel  steht  für  eine  Vielzahl  sehr  unterschiedlicher  Veränderungen
ökonomischer  Grundlagen,  die  die  Modernisierung  der  westlichen  Industriegesellschaften
  in  den  60er  Jahren  bestimmten.  Die  Analyse  der  Perzeption  dieser  Veränderungen
  durch  die  Bundesländer  als  räumlicher  Code  ermöglicht  eine  angemessene
  Bewertung  des  Beitrags  der  Bundesländer  zu  dieser  Modernisierung.  Dabei  ist
darauf  zu  achten,  welche  positiven  oder  negativen  Auswirkungen  des  Strukturwandels
  überhaupt  als  regionale  Probleme  verarbeitet  wurden  und  wie  sich  die  Perzeptionsmuster
  mit  der  Zeit  veränderten.2'  Interessant  erscheinen  daher  gerade  diejenigen

  zwischen  Staat  und  Gesellschaft  in  der  Bundesrepublik  besser  gedeutet  werden  können,  ebd.,  S.  106.
Sein  Vorschlag  aber,  die  Bundesländer  als  spezifische  interaktive  und  diskursive  „Felder“  zu  deuten,  in
denen  soziale  Gruppen  das  Geschick  der  staatlichen  Einheit  bestimmen,  birgt  die  Gefahr,  als  zu  gegenständliches
  Denken  bzw.  als  naive  Raumabstraktion  mißverstanden  zu  werden.  Es  stellt  sich  die  Frage,  ob
nicht  die  Verwendung  des  Begriffs  „Feld“  die  Frage  nach  Möglichkeiten  der  Abgrenzung  im  chorisch-räumlichen
  Sinne  geradezu  provoziert.
2,2  Die  „Einbeziehung  des  Definitions-  und  Abgrenzungsprozesses  in  die  Untersuchung,  und  dabei  die
Anwendung  vielfältiger  Frageraster  anstatt  des  Versuchs  einer  a-priori-Definition“,  ist  unter  den  „selten
thematisierten  Attributen“,  die  die  moderne  Regionalgeschichte  für  sich  in  Anspruch  nimmt,  an  erster
Stelle  zu  nennen,  vgl.  Stäuber,  Regionalgeschichte,  S.  233.
"  In  der  Formulierung  von  Rüdiger  Gans,  Regionalbewußtsein  und  regionale  Identität.  Ein  Konzept  der
Moderne  als  Forschungsfeld  der  Geschichtswissenschaft,  in:  Informationen  zur  Raumentwicklung  H.  1  1
(1993),  S.  781-792,  hier:  S.  781:  „Der  Begriff'  Region  stellt  eine  wissenschaftliche  Beschreibungs-  bzw.
Beobachterkategorie  dar,  durch  die  ein  regionalgeschichtliches  Forschungsroblem  einen  objektivierbaren
Bezugspunkt  erhält.“
234  Diese  Sichtweise  definiert  Karl  Rohe,  Die  Region  als  Forschungsgegenstand  der  Politikwissenschaft,
in:  Brunn  (Hg.),  Region  und  Regionsbildung,  S.  100-112,  hier:  S.  101,  als  Minimalkonsens  der  Politikwissenschaft.
  Daß  dies  aber  keinesfalls  die  einzige  Verwendung  des  Begriffs  sein  darf,  formuliert  ders.,
Wahlen,  S.  11.  Zur  theoretischen  Abgrenzung  der  Begriffe  Residualkategorie  und  Ordnungskategorie  vgl.
Briesen,  Gans  u.  Flender,  Regionalbewußtsein,  S.  39.
235  Zu  dieser  Funktion  des  Region-Begriffes  vgl.  die  ausführlichen  Erwägungen  bei:  Wolfgang  Fach,
Karl-Christian  Köhnke,  Matthias  Midell,  Kurt  Mühler,  Hannes  Siegrist,  Sabine  Tzschaschel  u.
Heinz-Werner  Wollersheim,  Regionsbezogene  Identifikationsprozesse.  Das  Beispiel  „Sachsen“  -  Konturen
eines  Forschungsprogramms,  in:  Wollersheim,  Tzschaschel  u.  Middel  (Hgg.),  Region,  S.  1-32,  sowie
Buchholz,  Vergleichende  Landesgeschichte,  S.  60.
236  Vgl.  hierzu  die  instruktiven  Erwägungen  von  Bemd-A.  Rusinek,  Was  heißt:  „Es  entstanden  neue
Strukturen“?  Überlegungen  am  landesgeschichtlichen  Beispiel,  in:  Geschichte  im  Westen  5  (1990),  S.
150-162,  hier:  S.  153,  sowie  Stäuber,  Regionalgeschichte,  S.  248f.
237  Vgl.  hierzu  Benno  Werlen,  Sozialgeographie  alltäglicher  Regionalisierungen,  2  Bde.  Stuttgart

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